Dienstag, 12. November 2019

Sankt Martin als Vorbild für eine zukünftige Gesellschaft der Brüderlichkeit



Auf Arte kam am Sonntag, den 10. November, ein Porträt des Heiligen Martin, das versucht hat, das Leben des Heiligen anhand der Vita des Sulpicius Severus und von Spielszenen zu veranschaulichen.[1] Immer wieder erfahre ich durch solche Sendungen Neues.
Bei diesem Porträt erfuhr ich zum Beispiel, welche Rolle die Stadt Trier auch im Leben des Heiligen Martin von Tours spielte. Hier residierten einst der Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena, die beide so wichtig für das frühe Christentum waren. Auch eine zweite wichtige historische Gestalt begegnet mir in dem Porträt: Julian, der später zum Kaiser Julian Apostata wurde, für den ich mich zu interessieren begann, als ich bei Emil Bock  ("Rudolf-Steiner-Studien") gelesen hatte, dass dieser „Abtrünnige“ in einem nächsten Leben Herzeloyde, die Mutter Parzivals geworden ist. Martin gehört also in einen karmischen Zusammenhang, der eng mit dem großen Sonnen-Eingeweihten Manu verbunden ist, der ja in Parzival wiedererschien. Rudolf Steiner nennt den später als Astronom Tyho de Brahe wiedergeborenen Kaiser Julian einmal einen engen „Ratgeber der Menschheit“.
Die Mantelteilung am Stadttor von Amiens ist jenes Ereignis im Leben des heiligen Martin, das bis heute sein wahres Wesen offenbart und an vielen Orten Deutschlands und Österreichs nachgespielt wird. Berührend ist, wie ihm der nackte Bettler, mit dem er seinen Mantel geteilt hat, in der darauffolgenden Nacht (im Traum?) erscheint und ihm offenbart, wer er in Wirklichkeit war: Christus.
Das erinnert mich an die Erscheinung des geheimnisvollen „Alten“ im Leben von Udo Wieczorek, die auch Wolfgang Gädeke in seinem Vortrag geschildert hat.
Die katholische Kirche gedenkt dieses Heiligen, der als erster nicht den Märtyrertod, sondern hochbetagt in seinem Kloster gestorben ist, am 11. November mit einem Text aus Matthäus, in dem es am Ende heißt:

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matt. 25, 41)

Gestern Nachmittag erfuhr ich durch eine SWR2-Sendung etwas mehr über den Termin des 11. November, den Tag des Heiligen Martin: Der Tag war im mittelalterlichen Arbeitsjahr ein wichtiger Termin, denn an diesem Tag wurden die Knechte und Bediensteten entlassen. Sie feierten das Ende des Arbeitsjahres ausgiebig mit dem ausgezahlten Lohn. In diesem Zusammenhang mussten viele Gänse ihr Leben lassen, denn sie waren schuld daran, dass Martin, der sich in einem Gänsestall versteckt hatte, zum Bischof von Tours ernannt wurde, was er gar nicht wollte. Sie haben den asketischen Gründer des ersten Zönobiten-Klosters in Europa (in Marmoutiers bei Tours) „verraten“.
Mit dem 11. November begann im Mittelalter auch eine vierzigtägige Fastenzeit vor Weihnachten, die heute völlig vergessen ist. Dafür erinnern sich die Menschen in den Karnevalshochburgen Düsseldorf und Köln noch heute lebhaft daran, dass am 11. 11. um 11.11 Uhr die „Fünfte Jahreszeit“, die närrische Zeit, beginnt, ja, sie erinnern sich nicht nur daran, sondern sie feiern den Beginn lautstark und ausgelassen. Es ist also genau umgekehrt wie bei der zweiten vierzigtägigen Fastenzeit, die in der Nacht von Fastnachtdienstag auf Aschermittwoch beginnt und bis Ostersonntag dauert. Eigentlich müsste, kirchlich gesehen, der 11. November eine Art Fastnacht sein, nach der die eigentliche Fastenzeit einsetzt. Vom 12. November, also von heute an, würde diese bis Weihnachten dauern, dem Fest, an dem man wieder üppig speisen darf, eine Art christliches „Zuckerfest“, wenn man an die vielen in der Adventszeit gebackenen Weihnachtsplätzchen und Lebkuchenherzen denkt, die so sehr zu Deutschland gehören, dass sogar der junge Michael Gorbatschow dieses Gebäck in positiver Weise mit den Deutschen verband, wie er in einem Interview mit Regisseur Werner Herzog erzählte.
Dem Geschehen um den 11. November liegt auch – wie ich gestern ebenfalls erfuhr – eine gewisse Zahlensymbolik zugrunde. Die elf ist die Zahl des Narren. Sie ist um eins höher als die zehn, die mit den zehn Geboten, und um eins niedriger als die 12, die mit den zwölf Aposteln verbunden ist.
In diese „Lücke“ sprang im Mittelalter der „Schalk“ ein, wie Mephisto in Goethes „Faust“ genannt wird, also der Narr. Erst durch die Aufklärung bekam der Narr eine positive Funktion innerhalb der Gesellschaft.
Im Mittelalter durfte sich der Hofnarr zwar bereits (versteckte) Kritik am Herrscher erlauben, aber erst mit der Französischen Revolution wurden die gesellschaftlichen Verhältnisse wie im Karneval von den Füßen auf den Kopf gestellt: Die Könige wurden abgesetzt, ja sogar enthauptet, und die Bürger übernahmen die Regierung.
Das war der Beginn der demokratischen Gesellschaft, auch wenn die neu gegründete Französische Republik im nachfolgenden „Terreur“ zunächst einmal durch eine blutige Phase verlaufen musste. Die Guillotine stellte die gesellschaftliche Gleichheit her, denn im Tode sind alle Menschen gleich. In der Russischen Revolution wollte man noch einen Schritt weiter gehen. Nun sollten die Arbeiter und Bauern, also der vierte Stand (das Proletariat) regieren. Die erzwungene Brüderlichkeit kostete Millionen Menschen das Leben. Mit der Mont-Pelerin-Gesellschaft, Milton Friedmann und seinen Chicagoer Studenten kam nach dem Zweiten Weltkrieg der Wirtschaftsliberalismus auf, der unter US-Präsident Ronald Reagan an der Wallstreet und unter der britischen Premierministerin Margret Thatcher in der City of London erste Triumphe feierte. Die Kluft zwischen Reich und Arm ging immer weiter auseinander. Das dritte Ideal der Französischen Revolution, die Freiheit, war im Wirtschaftsleben an der falschen Stelle, so wie die Brüderlichkeit in den kommunistischen Staaten als staatliche Verordnung im Rechtsleben, und die von der Aufklärung geforderte Gleichheit der Menschen im Geistesleben an der falschen Stelle waren.
Seit der Aufklärung leben wir also in einer „närrischen“ Gesellschaft, die nicht der zehn und nicht der 12, sondern der elf verpflichtet ist, also Mephistopheles.
Der in Sabaria (heute Szombathelyi oder Steinamanger)[2], also wie Rudolf Steiner im Grenzgebiet zwischen dem späteren Ungarn und Österreich geborene Martin von Tours war Soldat. In dieser Funktion sollte er im Jahre 358 unter Julian von Trier aus gegen die Germanen bei Worms ziehen. Das war nicht lange nach dem Ereignis von Amiens, Martin war gerade 18 Jahre alt geworden und noch nicht zum Christentum übergetreten. Erst als er in der späteren Stadt Worms, die durch Martin Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ berühmt geworden ist, vor Kaiser Julian getreten war, um mit dem römischen Heer zu kämpfen, schaute er ihm in die Augen und sprach: „Bisher habe ich dir gedient, jetzt diene ich Christus!“ Martin war also der erste Kriegsdienstverweigerer. Das stimmt nicht ganz: er soll bereit gewesen sein, ohne Waffen mitzuziehen. Da geschah das Wunder: die Schlacht fand gar nicht statt, weil die Germanen Friedensverhandlungen anboten.
Es ist eine Ironie der Geschichte und ein weiterer Beleg für die Narrheit unserer Politiker, dass ausgerecht einen Tag nach Sankt Martin, am 12. November 1955, Deutschland mit der Bundeswehr wieder eine Armee bekam – damals gegen den Willen vieler engagierter Bürger und Politiker wie zum Beispiel Gustav Heinemann und Erhard Eppler. Adenauer ließ die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im kleinen Kreis in einem Zisterzienserkloster in der Eifel (Himmerod) vorbereiten und setzte sie schließlich auf Betreiben der USA durch.
Nun finden heute, am 12. November nach sechs Jahren Pause in sechs Städten wieder öffentliche Gelöbnisse statt, die durch die neue Verteidigungsministerin angeordnet wurden. Es ist nicht nur ein symbolträchtiger Tag, sondern auch ein symbolträchtiger Ort, wenn die zentralen Gelöbnisse in Berlin zwischen dem Bundestag (Legislative) und dem Kanzleramt (Exekutive) stattfinden, den Symbolen der bundesrepublikanischen Demokratie.
Es tut weh, das im Chor aus völlig unmusikalischen Soldatenstimmen geradezu geschriene „Gelöbnis“ anzuhören. Dieses Schreien verheißt im Zusammenhang mit den von Annegret Kramp-Karrenbauer angekündigten Ausweitungen der Aufgaben der Bundeswehr im Sinne von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck nichts Gutes. Wenn ich die beiden Namen auf mich wirken lasse, dann höre ich in den Seelentiefen zwei andere alte Namen: „Krampus“, die Schreckgestalt im Gefolge des Heiligen Nikolaus, und „Gauckler“, ein anderes Wort für Narr.
Der heilige Martin hat sich entschieden, das Soldatentum in einer Zeit aufzugeben, als Ritterlichkeit und Kampf noch eine andere Qualität hatten als heute. Er hat sich gegen den Kampf und für die Nächstenliebe entschieden, ja, man kann sagen, für die Brüderlichkeit im Sinne Christi, wie es bei Matthäus 25, 41 (siehe oben) gemeint war.
In der Mathematik der Brüderlichkeit bedeutet teilen nicht halbieren, sondern verdoppeln. Dadurch, dass der Krieger Martin seinen Mantel geteilt hat, wurden zwei Menschen gewärmt.
Die Botschaft der Martinsfeiern könnte also, richtig verstanden, in den Kindern die Tugend der Brüderlichkeit vertiefen. Leider wird diese in unserem neoliberalen Wirtschaftssystem von vielen Familien nur noch als folkloristisches Accessoire, nicht aber als Ideal für eine zukünftige Gesellschaft erlebt.
So könnte der heilige Martin, der Nationalheilige Frankreichs, zum Vorbild einer zukünftigen Gesellschaft der Brüderlichkeit werden, die in der sechsten nachatlantischen Kulturepoche in den östlichen Völkern die Gesellschaft des Egoismus ablösen wird.

Bild: Simone Martini, Sankt Martin vor Kaiser Julian

Samstag, 9. November 2019

Woher die Liebe kommt - Gedanken zu einem erstaunlichen Buch über Reinkarnation und Karma



Schwäbisch Hall, der 08. November 2019 (Freitag, 5.39 Uhr)
Vorgestern fand ich das Buch „Seelenvermächtnis“ von Udo Wieczorek[1] in meinem Briefkasten. Ich hatte es gleich nach dem Vortrag von Wolfgang Gädeke beim Gmeiner-Verlag[2] bestellt. Es brauchte eine Woche, bis es im Konradweg ankam. Gestern habe ich begonnen, es zu lesen und bin nun bei Seite 126 in dem Kapitel „Die Träume sind keine Fantasie“. Die Ausgabe, die ich dabei in Händen hielt, war bereits die 6. Auflage und ist im Jahre 2018 erschienen, also hundert Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges.
Durch die spannende Erzählung des Autors, der seinen Träumen nachgeht und herausfindet, dass er bereits einmal gelebt hat, werden meine Gedanken zurückgeführt in den Ersten Weltkrieg, also in die Zeit, in der so viele Menschen sterben mussten, wie ich erst am vergangenen Dienstag wieder in der Arte-Dokumentation über die Schlacht um Verdun „erleben“ konnte. Diese vollkommen sinnlose Schlacht in einem monatelangen, zermürbenden Stellungskrieg zwischen französischen und deutschen Soldaten fand 1916 statt. Die Schlacht, die Udo Wieczorek schildert, fand bereits ein Jahr zuvor, im Jahr 1915 in Südtirol statt. Dabei kämpften italienische und österreichische Soldaten in den Dolomiten miteinander.
Innerhalb weniger Tage muss ich also zwei Schlachten innerlich miterleben, die noch zu Lebzeiten meiner Großeltern stattfanden. Was hat das zu bedeuten?
In der Dokumentation über Verdun werden unter anderem auch Briefe des Malers Franz Marc zitiert, der ja als junger Mann am 4. März 1916 vor Verdun fiel. Ausdrücklich wird dabei darauf hingewiesen, dass der „Erfinder“ der „Blauen Pferde“ ein Freund von Wassilij Kandinsky war. Auf der Spur dieser beiden bahnbrechenden Künstler war ich im Sommer 2015, also in dem Jahr, als das Buch von Udo Wieczorek unter dem Titel „Nachthall“ genau 100 Jahre nach den geschilderten Ereignissen zum ersten Mal im Gmeiner-Verlag veröffentlicht wurde und als ich zum ersten (und letzten) Mal auf dem Seminar zur Biografie-Arbeit mit Matthias Hesse im „Blauen Land“ weilte. Damals hatte ich Lena kurz zuvor kennen gelernt, nun aber eine innige Seelenverwandtschaft mit einer anderen Frau erlebt, die etwas älter war als ich: mit Annette S.. Wir haben zusammen das „Russische Haus“ in Murnau besucht und waren auch im Franz-Marc-Museum in Kochel.
Das ist aber nicht die einzige Übereinstimmung, die mir beim Lesen des Buches aufgefallen ist: Sowohl den Schauplatz der Schlacht um Verdun, als auch den Schauplatz der Schlacht in Südtirol kannte ich aus eigener Anschauung. Auf unserer Fahrt nach Santiago de Compostella machten wir im Sommer 1975 auch in Verdun halt und schauten uns die vollkommen zerstörte Landschaft und das Ossuarium von Douaumont an, in dem die Knochen der Gefallenen aufbewahrt wurden. Damals standen ein südafrikanischer Jude, eine katholische Französin und ein protestantischer Deutscher sprach- und wortlos vor dem monumentalen Denkmal, umgeben von unzähligen weißen Kreuzen. Wenige Jahre später entstand das berühmte Foto, mit dem auch die Dokumentation über die Schlacht einsetzt: Staatspräsident Francois Mitterand gibt am 22. September 1984 seinem Gast Helmut Kohl spontan die Hand[3]. Dieser Augenblick der Versöhnung zwischen den beiden Völkern war eine Geste, die sich ähnlich wie der spontane Kniefall Willy Brandts in Warschau, tief in mein Gedächtnis eingeschrieben hat.
Aber auch auf dem Schauplatz der Schlacht um Südtirol war ich, und zwar im Sommer 2011 mit meiner damaligen 8. Klasse während des 10-tägigen Schullandheim-Aufenthaltes im Arntal. Ich kann mich noch gut an den Gang über die Hochfläche des „Monte Piano“ erinnern, von dem aus wir einen fantastischen Blick auf die „Drei Zinnen“ hatten. Zwischen den beiden „Besuchen“ lagen also 36 Jahre und doch gehören sie mit ihren eindrucksvollen Kulissen zu zwei Schlüssel-Erlebnissen meines Lebens, auch wenn sie danach wieder im Unterbewusstsein versunken sind, überlagert von anderen schmerzlichen Erlebnissen wie zum Beispiel die Trennung von Andrea im Jahr 2013. Im Prolog des Buches „Seelenvermächtnis“ wird das Jahr 2013 als das „Jahr der Wahrheit“ bezeichnet. Auch für mich war es das.
Dieser Ausdruck berührt mich, denn in diesem Jahr hatte ich auch das Gefühl, dass es tatsächlich Wahrheit war, was ich spätestens seit 1992 als Reinkarnationserlebnis mit mir herumtrug: „Ich bin der wiedergeborene N.N.“.
In den spannenden Schilderungen von Udo Wieczorek geht es um nichts anderes: Er rekonstruiert anhand von Träumen und Deja-Vu-Erlebnissen bis in die Details ein früheres Leben. Das war bei mir ganz anders. Aber etwas, was Udo Wieczorek schildert, ist mir auch aus jener Zeit vertraut, insbesondere aus den Zeiten, als ich langsam „psychotisch“ wurde: alles, was ich erlebte, schien eindeutig von einer höheren Macht gelenkt zu werden.
Dieser „Automatismus“ war mir, als er im Oktober 1992 im Park von Schönbrunn zum ersten Mal bei mir auftrat und drei Tage anhielt, unheimlich. Ich habe ihn dann noch zwei weitere Male erlebt: in der Michaelizeit des Jahres 1997 und in der Michaelizeit des Jahres 2005. Ich war wie „fremdgesteuert“. Deswegen verstehe ich die Erlebnisse, die Udo Wieczorek am 22. Und 23. Juli 1994 in den Dolomiten hat, wohin ihn seine Ehefrau Daniela bei seiner ersten Reise begleitet, so gut.
Ohne Karte lässt sich der Ulmer, der in diesem Leben noch nie in Südtirol gewesen war, von einer Art „innerer Stimme“ führen und findet doch genau, was er sucht. Besonders eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang die Schilderung vom 22. Juli 1994:[4] Im Kapitel „Gipfelzauber“ lese ich Sätze wie diese:
„Obwohl das Wetter traumhaft ist, stößt mich diese felsige Flanke mit ihren eingelagerten Schuttkarren mit einem Mal ab wie ein gegenpoliger Magnet. Weshalb aber habe ich diese Tour dann vorgeschlagen? Warum war sie mir gestern noch so wichtig gewesen? Habe ich Angst vor einer neuerlichen Begegnung mit der Vergangenheit? Ich horche in mich hinein, will dem unbestimmbaren Gefühl folgen. Aber ich verliere die Spur, tappe im Dunkeln an diesem strahlenden Morgen.
Die (Rotwand-) Bahn hat uns ins Grün einer atemberaubenden Bergkulisse ausgespuckt. Ich denke an das immerwährende Erlebnis, wenn ich in meinen Träumen plötzlich hier bin, auf dieser Hochebene, die hinter den stolzen Lärchen liegt. Ebenso ausgeworfen; nur in eine andere Zeit. Dann warte ich auf die übliche Rückblende…“ (S 105)
„In den direkt am Grat verlaufenden Wegpassagen gehe ich unterbewusst schneller. Und als Daniela an einem dieser herrlichen Aussichtspunkte anhält, um ein Foto zu machen, stellen sich mir unweigerlich die Nackenhaare auf. Mir ist klar, dass ich instinktiv einem tiefsitzenden Verhaltensmuster folge. Einem Habitus, der einst überlebenswichtig war; den ich nicht ausschalten kann. Nicht hier an diesem Berg. Ich würde Daniela am liebsten hinter die schützenden Felsen ziehen, obwohl ich weiß, wie idiotisch das wäre. Meine innere Stimme ist laut geworden. Ich kann sie nicht überhören. Sie sagt: Lauf endlich weiter! Ich höre Projektile pfeifen; höre sie dumpf in den mageren Boden schlagen. Ich sehe hinauf zum Gipfel, nehme die enorme Distanz wahr und flehe mich bis zum nächsten Postenstand. Stück für Stück hinauf. Meter für Meter am Leben bleiben und dem Herrn dafür danken. Wie ein ewiger Kreuzweg, der kein Ende nehmen will. Für Kaiser, Gott und…“ (S 106f)
„Der Krieg ist selbst nach 80 Jahren noch allgegenwärtig. Zumindest für denjenigen, der die Spuren der Geschichte lesen kann. Für mich ist es keine Frage des Wollens. Ich kann mich seiner knöchernen Präsenz nicht entziehen, weil ich ihn fühle; weil er in mir steckt. Tief vergraben unter einem Berg von Erinnerungen, die nie meine eigenen hätten sein dürfen.“ (S 107)
„Je weiter wir dem Gipfel entgegen steigen, desto unbehaglicher wird mir zumute. Das Gefühl, welches in mir wächst, will mich zerreißen. Wie automatisch vergleiche ich es mit jenen Eindrücken vor ein paar Tagen in dieser Schlucht im Innerfeldtal. Aber es ist anders, intensiver – mächtiger. Habe ich Angst?
Ja. Diesmal habe ich Angst. Vor was auch immer. Und dennoch gehe ich weiter, flüchte hinauf, in die falsche Richtung, wie mir mein Unterbewusstsein souffliert; mitten durch den Hagel dieser unscharfen Bilder, die aus den Tagen stammen, in denen die Berge bluteten.“ (S 108)
„Ich sehe auf das modrige Holz der Unterstände, erkenne zwischen den Balken und Brettern Keramikscherben, Dachpappe, Blechreste und ein Brillengestell. Es ist glaslos, leer. (…) Ich schließe die Augen, will nicht mehr sehen, was sich hinter den Fragmenten verbirgt. Aber das Bild bleibt, schonungslos. Ebenso wie dieses gedankliche Paradoxon, nicht zu wissen, was es hier für mich zu tun gibt, und gleichzeitig sicher zu sein, dass ich hier genau richtig bin.“ (S 108)
„Es ist mein anfangs leerer Blick ins Tal, auf die Häuser des Ortsteils Moos, der mir eine eigenartige Sicherheit verschafft. Die Aussicht ist nahezu identisch mit jener vom Gipfel im Traum. Es war zweifellos die Rotwand, auf die ich einst mit Josele geklettert war. Und eben in einem der letzten Häuser, der Ortschaft, die ich damals schon so stark wahrgenommen hatte, liegt unser Quartier und der alte Stadel mit der geschnitzten Rose. Ohne irgendeine Absicht wandere ich auf meinen alten Spuren. Wer aber führt mich?“ (S 109)
Ich mag die Sprache dieser Schilderungen. Sie ist so konkret und so präzis. Und doch gibt die ganze Schilderung gleichzeitig den Blick frei auf eine darunter liegende geistige Ebene. Wenn Udo Wieczorek sagt „Ich schließe die Augen“, nachdem er eine glaslose Brille auf dem Feld entdeckt hat, dann muss ich sofort an das griechische Wort für diese Augenbewegung denken: myein. Von diesem Wort stammen die Wörter „Myste“, „Mystik“ und „Mysterium“.
Die geistige, oder sagen wir: mystische Ebene kommt in den verschiedensten Formulierungen zum Ausdruck: Schon die Überschrift spricht von einem „Zauber“. „Ich horche in mich hinein“, „ich will dem unbestimmten Gefühl folgen“ sind nicht die einzigen Sätze, die auf diese Ebene hinweisen. Es gibt noch viele weitere, die ich hier nicht wiederholen möchte.
Bemerkenswert sind auch die Assoziationen „ewige(r) Kreuzweg“, und  „blutende Berge“. Mein inneres Ohr hört da natürlich sofort das heraus, was hinter dem ganzen Geschehen des ersten Weltkrieges steht: der Gang der Soldaten, die damals wie Franz Marc ihr Leben für einen sinnlosen Kampf der Völker opferten, entspricht menschheitlich dem Opfer-Gang Christi nach Golgatha. Die geschnitzte Rose im Stadel dagegen nimmt das Motiv der „Auferstehung“ vorweg. Diese Rose war das Erkennungszeichen. Im vorangegangenen Kapitel „Ein unscheinbares Ornament“ (18. Juli 1994, 19.30 Uhr) hatte Udo Wieczorek berichtet. Er spielt im Ortsteil Moos:
„Ich halte mit einem Mal an, sehe, wie Daniela weitergeht. Dann fällt plötzlich wieder dieser Vorhang in mir. Daniela ist wie ausradiert aus dem schwarz-weißen Bild.
Ich sehe ein altes Geländer, eine unbefestigte Straße, Giebel und Fassaden, die nicht mehr existieren. Und das Mädchen mit den Zöpfen. Diesmal sind ihre Haare nach hinten geflochten. Ich sehe sie zum ersten Mal aus der Distanz, wie sie vor einer verwitterten Holzwand eines Stadels lehnt. Sie trägt einen langen Rock und eine Bluse, die an den Ärmeln eng gefasst ist. Um den spitzenbesetzten Kragen hängt eine Kette mit einem ovalen Anhänger. Ihr Lächeln ist nicht das eines Mädchens. Es ist das einer jungen Frau – und es ist warm und einnehmend. Dann wird es wieder farbig in meiner Welt. Der Rückblick ist vorüber, wirft mich wieder in das Jetzt zurück.
Ich starre auf den Stadel. Er ist das einzige Element, das es sowohl im Davor als auch im Jetzt gibt. Verwittert, gezeichnet, aber existent. Mein Geist hat sich festgefressen – wieder einmal. Auf einer ganz bestimmten Stelle. Es ist dasselbe Schnitzwerk, das auch in den Träumen vorkam.
Daniela steht zehn Meter entfernt von mir, hebt fragend die Arme.
Ich will nicht rufen, zeige nur verhalten auf die alte Bretterwand und das kleine Ornament auf ihr. Daniela kommt zurück, nimmt mich fest an der Hand, als wolle sie mich im Diesseits halten. Spricht sie mit mir?
‚Eine eingeschnitzte Rose. Sie ist … wunderschön.‘ Ihre Stimme zittert unmerklich, als sie fragt:
‚Wer hat sie wohl dort …‘
‚Ich!‘ bricht es rau aus mir hervor. ‚Für sie.‘“ (S 100)
Und an dieser Stelle kommen mir nun meine eigenen „Erlebnisse“ aus dem Jahre 1986 wieder ins Gedächtnis. Ich hatte gerade den Film „Opfer“ von Andrej Tarkowski gesehen. Da fand ich auf einem Komposthaufen ein vertrocknetes Rosenstöckchen. Ich nahm es mit und begann, es jeden Tag um die gleiche Zeit zu gießen, so wie es Alexander (Erland Josephson) im Film mit dem Baum am Strand machte. Ich war überzeugt, dass ich das tote Holz damit eines Tages wieder zum Leben erwecken konnte. Aber es gelang nicht.
Immerhin war ich danach durchdrungen von dem Gefühl, Christian Rosenkreuz oder der Graf von Saint Germain wirkten durch mich hindurch und veranlassten mich, durch Paris zu gehen, ja sogar trotz meines Schwindelgefühls bis hinauf ins höchste Stockwerk des Eifelturms zu fahren, um die Stadt und ihre Achsen zu „segnen“.
Soll ich diese „verrückten“ Dinge überhaupt ernst nehmen? Haben sie mich nicht, wie ein Kollege später sagte, ins „mystische Delirium“ geleitet?
Die nüchternen Schilderungen der Erlebnisse, die ich gestern im Buch von Udo Wieczorek las, erinnern mich an meine eigenen damaligen Erlebnisse und vieles steigt wieder in mir hoch.
Dass ich nun offenbar einen neuen Zugang zu karmischen Erlebnissen habe, von denen Rudolf Steiner vorausgesagt hat, dass sie ab dem 20. Jahrhundert vermehrt auftreten würden, verdanke ich auch Daniele, die mich am 31. August in gewisser Weise „ernüchtert“ hat. Das Buch von Udo Wieczorek, das ich nun (8.55 Uhr)[5] weiterlesen werde, hilft mir dabei.
15.11 Uhr:
Nun habe ich den Teil des Buches, den Udo Wieczorek verfasst hat, ausgelesen und bin nun beim Teil, den der Journalist und Krimi-Autor Manfred Bomm geschrieben hat, also ab Seite 255.
Leider kann ich jetzt nicht weiterlesen, da ich mich jetzt auf meinen Unterricht mit den russischen Frauen vorbereiten muss, der um 17.00 Uhr beginnt.
Ich möchte nur noch den Gedanken erwähnen, der in mir während oder besser unmittelbar am Ende der Lektüre auftauchte. Es ist eigentlich weniger ein Gedanke, als vielmehr eine Frage. Sie lautet so: „Könnte es sein, dass sich die Gefallenen aus dem ersten Weltkrieg nun wieder inkarniert haben und sich – wie Udo Wieczorek – an ihre früheren Leben erinnern?“
Mit dieser Vermutung endet der Ulmer in der Tat seine eigene Niederschrift, wenn er schreibt:
„Vielleicht gibt es mehr Menschen da draußen, denen Ähnliches widerfahren ist, als mich meine Vernunft glauben macht. Wenn es sie gibt, dann sind diese Zeilen ihnen gewidmet. In diesem Buch soll der Trost liegen, nicht allein zu sein. In ihm sollen die Zuversicht und der Mut liegen, dem zu folgen, was tief in unserer Seele wohnt.“ (S253)
Als ich gerade nach Lena schaute, mit der ich jetzt Tee trinken und den Unterricht vorbereiten möchte, sah ich auf der Treppe ein Päckchen liegen. Wie erstaunt war ich, als ich den Absender las: Hans-Jürgen Schleicher. Er hat mir zwei Veröffentlichungen aus seiner Feder geschickt: „Einträge Erkenntnisse, gemischt“ und „Undine. Eine Novelle“
Schwäbisch Hall, der 09. November 2019 (Samstag, 6.09 Uhr)
Es kommt selten vor, dass ich ein Buch von 370 Seiten innerhalb von zwei Tagen aus-, also wirklich bis zur letzten Seite lese. Bei dem Buch „Seelenvermächtnis“ von Udo Wieczorek und Manfred Bomm war es so. Ich habe es gestern noch zu Ende gelesen.
Das Buch ist wirklich eine Art Vermächtnis.
Auch wenn der Autor offenbar nichts von Anthroposophie weiß, so bestätigt er doch – wie bereits erwähnt – die Voraussagen Rudolf Steiners aus dem Jahre 1910, dass es ab dem Jahr 1933 immer mehr Menschen geben wird, in denen ein natürliches Hellsehen erwacht und die zurückschauen können in ein früheres Erdenleben, insbesondere dann, wenn sie Schuld auf sich geladen haben.
In dem Buch „Seelenvermächtnis“ wird nur einmal das Wort „Karma“ (von Udo Wieczorek) und einmal das Wort „Reinkarnation“ (von Manfred Bomm) erwähnt. Beide Begriffe fallen erst relativ spät. Es kommt den Autoren offenbar nicht auf Wörter an; was sie beschreiben, ist jedoch genau das: die Tatsache von Reinkarnation und Karma anhand eines mitteleuropäischen Schicksals. Alles erscheint vollkommen stimmig. Auch deshalb liest sich das Buch wie ein Krimi und ich konnte es nicht mehr aus der Hand legen.
Die Geschichte des jungen Soldaten Vinzente Rossi aus San Nicolo di Centa bei Trient, der am 17. August 1915 am Monte Piano seinen schweren Verwundungen erlegen ist, wird nach und nach rekonstruiert. Es ist das Besondere dabei, dass der Autor Udo Wieczorek immer wieder bestimmte Träume hatte, die sich auf Orte und Menschen bezogen, die er in diesem Leben nie gesehen hatte.
Ab 1994 begann er dann, mit seiner damaligen Freundin und späteren Frau Daniela, in Südtirol auf Spurensuche zu gehen. Dabei halfen ihm sogenannte „Rückblenden“: Er wusste immer – auch ohne Karte und Wegweiser – genau, wohin er zu gehen hatte, um an die Stellen zu gelangen, wo Vincente einst gekämpft hatte. Das Erstaunlichste dabei ist, dass Udo Wieczorek am 13. August 1997 im Mauerwerk eines halbverfallenen Unterstandes beim Seikofel an der Rotwand einen Brief von Vinzente findet, den dieser am 13. August 1915 geschrieben hatte, und am 14. August einen weiteren, den sein Freund „Josele“ im Wurzelwerk einer dreistämmigen Tanne versteckt hatte. Diese zwei erstaunlichen Dokumente warteten offenbar in ihren Verstecken so lange, bis sie Udo und Daniela beinahe auf den Tag genau 82 Jahre später fanden. Sie sind für den Autor und seine Leser schließlich der endgültige Beweis dafür, dass in Udo Wieczorek die Seele von Vinzente Rossi wiederverkörpert war.
Erstaunlich ist, mit welcher „schlafwandlerischen“ Sicherheit das „Schicksal“ Udo und Daniela an die Orte führte, an denen der Autor in seinem früheren Leben aufgewachsen , verwundet und gestorben war.
In dem Buch wird nicht spekuliert. Alles ist stimmig und geistig folgerichtig, auch wenn es der rationale Verstand nicht erklären kann.
Udo Wieczorek gibt wenig von seinem Privatleben preis. Er hat offenbar nicht das geringste Geltungsbedürfnis. Er schildert nur sachlich seine inneren und äußeren Erlebnisse und wie er sie zunächst zu einem Roman verarbeitete, den er im Selbstverlag veröffentlicht hat, und dann 2015 mit Hilfe des erfahrenen Krimiautors Manfred Bomm, der seinen Kommissar Häberle inzwischen (2019) schon zum zwanzigsten Mal im Raum Ulm – Stuttgart auf „Verbrecherjagd“ geschickt hat, in einem kleinen Verlag in erweiterter Fassung noch einmal herausgebracht hat.
Ich empfinde es als angenehm, dass der Autor keinen Neurologen oder Psychologen zur Beratung herangezogen hat, obwohl er immer wieder schweißgebadet aus seinen Träumen erwachte und auch ansonsten bisweilen mitten am Tag bei seinen intensiven „Schauungen“ das Bewusstsein verlor.
Udo Wieczorek hat am 2. November 1993 auch ein Nahtodeserlebnis gehabt, das er in dem Buch (S 59ff) schildert. Er ist am 25. Oktober 1993 nach einem Waldlauf mit einem Blinddarmdurchbruch in die Klinik Seefeld am Ammersee[6] eingeliefert worden und musste dort nach der zweiten Operation reanimiert werden.
Udo hat aber nicht nur seinen Tod in diesem Leben erlebt, sondern auch seinen Tod im vorherigen Leben als „Vinz“. Jedes Mal hatte er dabei die klassischen Erlebnisse, die mir durch George Ritchie („Rückkehr von morgen“) vertraut sind: deutliche Bilder von Erlebnissen außerhalb des Leibes, das Gleiten in einen tunnelähnlichen Lichtraum, das Schauen der Gesichter verstorbener Angehöriger und schließlich das Erleben jenes Gesichtes, das die Seele mit seinem milden Lächeln empfängt und ihr den Frieden bereitet, den sie gesucht hat.
Darum geht es Udo Wieczorek vor allem: der Seele seines Freundes „Josele“, den er als junger Soldat im Krieg „versehentlich“ getötet hat, weil er ihn für einen Feind hielt, und seiner eigenen endlich den Frieden zu schenken, den die beiden Seelen durch die Schuld, die sie im vergangenen Leben auf sich geladen hatten, nicht finden konnten. Das ist auch das Motiv für die Veröffentlichung der Geschichte, nicht irgendeine „Sensationslust“, und das macht das Buch auch ehrlich und authentisch, obwohl es schier Unglaubliches erzählt. Da ist zum Beispiel die Geschichte von dem alten Mann zu erwähnen, der zweimal wie eine Art Schicksalsführer in das Leben von Udo und Daniela tritt. Dieser „alte Mann“, der wie aus dem Nichts gekommen war und wieder im Nichts verschwand, war der Anlass, dass Wolfgang Gädeke in seinem Vortrag vom 29. Oktober das Buch überhaupt erwähnte, woraufhin mein Interesse erwacht war.
Etwas hat mich an diesem Abend also angesprochen, das ich noch nicht erklären kann.
Bei der Lektüre fielen mir einige Ereignisse auf, die einen inneren Bezug zu meinem eigenen Schicksal haben, obwohl ich nie solche intensiven Träume wie Udo Wieczorek hatte und auch nicht über das „Zweite Gesicht“ verfüge. Meine geistigen Erlebnisse sind viel ruhiger und unspektakulärer. Obwohl ich es vorhatte, so könnte ich sie bisher auch nicht in einem Buch verarbeiten, das auf Interesse stoßen würde. Sie sind zu intim mit meinem Leben und den Menschen, die mir nahe stehen, verbunden.
Udo Wieczorek spekuliert nicht, sondern beschreibt lediglich, was er erlebt.
Als Leser aber erwarte ich unterbewusst, dass ich auch etwas über die anderen Menschen erfahre, die wie Daniela Wieczorek und Manfred Bomm mit ihm karmisch verbunden sind. Beide sind ab 1995 (Daniela) beziehungsweise ab 2013 (Manfred) in seine Geschichte verwoben, indem sie gemeinsam an die Orte des Geschehens in Südtirol reisen und Nachforschungen anstellen.
Es drängt sich mir beim Lesen unmittelbar die Ahnung auf, dass Manfred identisch sein könnte mit „Josele“ und Daniela mit Marie, dem Mädchen mit den Zöpfen, in das sowohl Josele als auch Vinzente einst verliebt waren. Dieses Mädchen, dem Vinzente, der Tischler von Beruf war, eine Rose in die Holzwand eines Stadels in der Ortschaft Moos bei Sexten im Pustatal geschnitzt hatte, die von Udo und Daniela 82 Jahre später wiedergefunden wird, trägt in einem Traum Udos  den Namen Marie oder Magdalena. Er nennt sie an einer Stelle einfach „Lena“ (S 274f).
Auch ein Lokalhistoriker mit Namen Rudolf Holzer kommt in dem Buch am Ende vor, der, neben dem Franziskanermönch  Siegfried Volgger, entscheidend dazu beiträgt, dass die beiden „Forscher“ im Jahr 2013 die Personen aus Udos Träumen als tatsächliche Menschen, die am Beginn des 20. Jahrhunderts gelebt hatten und gestorben waren, identifizieren können.
Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich Rudolf Holzer bei unserem Aufenthalt in Südtirol selbst erleben dürfen, als er uns einen Vortrag über die Geschichte der Gegend hielt. Ich muss es durch meinen Aufzeichnungen aus jenem Jahr noch verifizieren; aber ich bin fast sicher.
9.18 Uhr:
Der Brief, den mir Hans-Jürgen in Begleitung der Büchersendung geschrieben hat, ist auf den 7. November datiert, also auf den Tag, an dem ich begonnen habe, das Buch „Seelenvermächtnis“ zu lesen.
Warum erwähne ich das?
Sowohl Udo Wieczorek, der als Finanzbeamter arbeitet und nebenher schreibt, als auch Hans-Jürgen, unser Trauzeuge, stammen aus der Stadt Ulm. Hans-Jürgen war dort Waldorfschüler und hat, wie ich weiß, wichtige Impulse von seinem Kunstgeschichtslehrer Gottfried Richter bekommen, von dem ich zwei Bücher („Ideen zur Kunstgeschichte“ und „Romanisches Burgund“) besitze. Ob die Familie Schleicher, die mit der Ulmer Firma „Oscorna“ verbunden ist, und die Familie von Udo Wieczorek sich kennen, weiß ich nicht. Aber zumindest das Aufwachsen in der Donaustadt ist ein gemeinsames Schicksal.
Wie erstaunt war ich, als ich gestern das erste Kapitel – eine Art Prolog – von Hans-Jürgens Novelle „Udine“ las. Es beginnt so:
„In letzter Zeit hatte er angefangen sich mit seinen Träumen zu beschäftigen. Im Grunde nichts Ungewöhnliches: Viele seiner Bekannten, und hierbei vor allem Frauen, erzählten von ihren Ausflügen in diese irrationale Bilderzone. Oft mit einem merkwürdigen Unterton: Als ob sie ein Mysterium verraten würden.
Der Anlass dafür war ein mehrmals wiederkehrender Traum, der ihn nicht wieder losließ. Genauer: die Bruchstücke ein- und desselben Traumes.“



[2] In diesem Verlag veröffentlicht auch meine Bekannte Wildis Streng ihre genialen Hohenlohe-Krimis.
[4] An diesem Tag wurde Lena 26 Jahre alt. Es war ihr erster Geburtstag in Deutschland. Sie wohnte mit Jakob E. und ihren Schwiegereltern  in Rechenberg; sie haben aber den Geburtstag nicht groß gefeiert. Lena war mit ihrem ersten Sohn schwanger. 
[5] Ich hatte meinen Tagebucheintrag um 6.50 unterbrochen, um mit Lena zu frühstücken und sie dann nach Rosengarten-Uttenhofen zur Arbeit  zu bringen. Hieß die Gegend in den Dolomiten, die Gegenstand der im Buch geschilderten Ereignisse ist, nicht auch „Rosengarten“?
[6] Also dort, wo ich mit Lena zweimal bei Charlotte und Jaki zu Besuch war.

Mittwoch, 6. November 2019

Woher der Hass kommt




Gestern sah ich mehrere Sendungen und las einen Aufsatz, die meine Augen über das Leid öffneten, das die Menschen im 20. Jahrhundert durchmachen mussten: Am Abend nach dem Russisch-Kurs sah ich auf Arte einen von Franzosen gedrehten Film über die Schlacht von Verdun[1], am Nachmittag hatte ich ein Interview gehört, das Ken Jebsen auf der Buchmesse zu dem neuesten Buch von Willy Wimmer mit dem Autor führte und am Vormittag, einem Hinweis auf Facebook folgend ,eine Besprechung des amerikanischen Buches „Gruesome Harvest: The Allies Attempt to Exterminate  Germany after 1945“ (Grausame Ernte, der Versuch der Alliierten, Deutschland nach 1945 auszulöschen) gelesen. Von einem solchen Plan habe ich schon öfters gehört. An vorderster Front solcher Überlegungen standen zwei Juden: Theodore N. Kaufman verfasste 1941 das Pamphlet „Germany must Perrish“[2] und Henry J. Morgenthau seinen nach ihm benannten Plan 1944[3]; er wollte aus einem aufgeteilten Deutschland ein reines Agrarland machen.
Beide Pläne wurden vermutlich nur deshalb nicht umgesetzt, weil die amerikanische Administration erkannte, dass sie Deutschland weiterhin als „Bollwerk“ gegen die kommunistische Sowjetunion unter Diktator Stalin brauchte. So kann man sagen, dank „Väterchen“ Stalin hatte Deutschland noch einmal eine Chance bekommen. Aber das Programm der Auslöschung war, wie es der amerikanische Zeitzeuge 1947 in „Gruesome Harvest“ berichtete, schon angelaufen: Elf Millionen Deutsche, vor allem Frauen, Alte und Kinder, wurden noch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von den Alliierten ermordet.
Aber das darf man heute offiziell nicht sagen und es steht auch in keinem Geschichtsbuch, denn es widerspricht der Theorie vom Volk der „Täter“. „Opfer“ waren einzig und allein die Juden, die seit etwa 1978 regelmäßig an ihr Leid im Holocaust erinnern dürfen.
Der Rezensent Richard K. Mariani schrieb am 2. April 2008:
“As to the correct observation that allied policy was to reduce the German population through, murder in multiple forms, slave labor, and starvation, and destroy the fabric of the society through mass rape of the female population, other authors are critized for saying the same thing but only decades later.
Fact is there is a great effort to keep this information from the public because it shows that the victors of WWII incorporated not only military strategy and tactics but also the NAZI ideology of racial hatred and a policy of extermination and discrimination for one people.”[4]
Ich nehme einmal an, dass sogenannte „Neonazis“ aus solchen Informationen solange ihr Weltbild und ihren Hass[5] beziehen, bis endlich auch in der offiziellen Geschichtswissenschaft solche Tatsachen ausgesprochen und nicht nur von kleinen Verlagen veröffentlicht werden dürfen. Durch das Verschweigen des Leids, das auch dem deutschen Volk widerfahren ist, schürt man geradezu das „völkische“ Denken jener Kreise, die sich aus irgendeinem Grund nicht damit zufriedengeben können, was in den „offiziellen“ Geschichtsbüchern steht.
Es gibt immer mehr Menschen, die das mit Recht nicht tun, so zum Beispiel auch das ehemalige Mitglied des Verteidigungsministeriums Willy Wimmer. Am 3. November 2019 veröffentlichte Ken Jebsen das Interview, das er auf der Frankfurter Buchmesse mit Willy Wimmer zu zwei aktuellen Veröffentlichungen gemacht hat, an denen Wimmer beteiligt war: „Und immer wieder Versailles“ und „Die Heartland-Theorie von Mackinder“.[6] Natürlich werde ich mir die beiden Bücher besorgen.
Durch das Interview wird mir wieder einmal bewusst, wie wenig ich – und ich nehme wohl zurecht an – viele andere Deutsche über die wahren Hintergründe der Geschichte wissen. Sie wurden uns in der Schule und in den Geschichtsbüchern vorenthalten. Bis in einzelne Begriffe hinein wurden im Sinne von Orwells „Neusprech“ Lügen verbreitet: die Geschichtswissenschaft spricht vom „Friedensvertrag“ von Versailles. Das stimmt nicht. Ein Vertrag wird – so sagt Willy Wimmer zutreffend – von zwei gleichberechtigten Parteien  ausgehandelt. Das war jedoch in Versailles nicht der Fall. Man sollte besser von einem „Friedensdiktat“ sprechen. Eigentlich, so folgert er logisch, müssten die Alliierten, die in diesem Diktat festgelegt hatten, dass Deutschland, das sie für alleinschuldig am Ausbruch des Ersten Weltkrieges erklärten, Reparationen zu bezahlen hätte, die noch die Bundesrepublik, also ein völlig anderer Staat, bis zum Jahre 2010 brav entrichtete, all diese Millionen wieder zurückzahlen. Aber hier geschieht keine Gerechtigkeit. Auch vergessen die „Alliierten“ gerne, dass durch dieses Friedensdiktat erst die „Dämonen“ des Nationalsozialismus groß werden und einen Zweiten Weltkrieg beginnen konnten.
Die Schuldfrage ist also sehr komplex, aber durch den Hass gewisser Zirkel auf Deutschland in eine einseitige Richtung gelenkt worden, wie man jetzt Gottseidank immer mehr erkennt.
Welchen Hass die französische Propaganda nach der Niederlage 1870/71 im Nachbarvolk geschürt hat, wurde mir durch den Film über Verdun wieder klar. Dort werden Briefe von französischen Soldaten zitiert, die meinten, die Deutschen müssten vernichtet, ja, die ganze „deutsche Rasse“ ausgerottet werden.
Das hat mich zutiefst verstört. Wie kann Propaganda so wirksam sein!?
Als das Kaiserreich nach den sinnlosen Kämpfen um die Festungsstadt Verdun, die tausenden von jungen Männern, Deutschen und Franzosen, das Leben kostete, ein Friedensangebot an Frankreich richtete, bekam es nicht einmal eine Antwort.
Trotz des Zweifrontenkrieges gegen drei mächtige Gegner – Großbritannien und Frankreich im Westen und Russland im Osten – war das Deutsche Reich bis zum Eintritt einer vierten Weltmacht unbesiegt geblieben. Erst die frischen amerikanischen Soldaten, die von Präsident Wilson nach seiner Kriegserklärung am 6. April 1917 in den europäischen Krieg geschickt wurden, der dadurch zum Weltkrieg wurde, haben die inzwischen kampfmüden Deutschen besiegt.
Es ist eine Tragik ohnegleichen, die man nicht versteht, wenn man nicht jene Gruppe von Hintermännern scharf ins Auge fasst, von der der amerikanische Professor (und Lehrer von US-Präsident Bill Clinton) Carroll Quigley in seinen beiden Büchern „Tragedy and Hope“ (1974) und „The Anglo-American Establishment: From Rhodes to Clivedon“ (1981) aufgrund von Quellenmaterial schreibt.
Der Krieg wurde von diesen Kreisen gewollt, weil sie Angst hatten, dass mit dem Deutschen Reich eine starke Konkurrenz auf dem Kontinent aufsteigen würde, die das „Gleichgewicht der Kräfte“ durcheinander bringen könnte, das im Interesse des British Empire lag. Der britische Historiker Niall Ferguson schrieb in seinem 1998 bei Penguin Press erschienen Buch „The Pity of War“:
„Englands Entscheidung, in den Krieg einzugreifen, war das Ergebnis einer geheimen Planung seiner Generale und Diplomaten, die auf das späte Jahr 1905 zurückging[7] … Als am 2. August 1914 der Moment der Entscheidung gekommen war, war es trotzdem keine ausgemachte Sache, dass Großbritannien gegen Deutschland in den Krieg ziehen würde. Die Mehrzahl der Minister zögerte zunächst. Zum Schluss entschieden sie sich aber doch dazu, den Außenminister Sir Edward Grey zu unterstützen, zum Teil aus Angst, aus dem Amt entfernt zu werden und die Tories an die Macht zu lassen. Es war ein historisches Desaster. (…) Wenn der Krieg ohne die Briten und Franzosen geführt worden wäre, hätten die Deutschen möglicherweise so etwas wie eine Europäische Union gebildet, acht Jahrzehnte vor dem späteren Fahrplan. (…) Mit einem siegreichen Kaiser hätte sich Adolf Hitler für den Rest seines Lebens als mittelmäßiger Postkartenmaler und altgedienter Soldat in einem deutsch beherrschten Mitteleuropa durchschlagen können, in dem er wenig zu beklagen gehabt hätte. Und ein Lenin hätte sein hypochondrisches Geschreibsel fortsetzen und ewig weiter darauf warten können, dass der Kapitalismus zusammenbricht; als frustrierter Mann. (…) Es war schließlich das Resultat des Krieges, dass beide Männer aufsteigen, ihre barbarische Gewaltherrschaft errichten und noch mehr Massenmorde verüben konnten.“[8]
Murray Rothbard, ein weiterer amerikanischer Autor, schrieb in seinem Buch „Wall Street, Banks and American Foreign Policy“, Burlingam (Cal.) 1995, ergänzend:
„Amerikas Eintritt in den Ersten Weltkrieg im April 1917 hatte einen Vorlauf. Es wurden Friedensverhandlungen zwischen den kriegführenden Parteien verhindert, und die Alliierten wurden in einen Frieden mit bedingungsloser Kapitulation und mit Gebietsabtretungen getrieben, in einen Frieden, der zum Boden für den Zweiten Weltkrieg wurde. Der amerikanische Kriegseintritt kostete auf diese Weise zahllose Menschenleben auf allen Seiten, er brachte Chaos und das Auseinanderreißen von Ländern in Zentral- und Osteuropa am Ende dieses Krieges. Er brachte den Kommunismus, den Faschismus und den Nationalsozialismus in Europa an die Macht. So gesehen war Woodrow Wilsons Entscheidung für den Kriegseintritt die wohl verhängnisvollste Einzelentscheidung des 20. Jahrhunderts. Sie hat unermessliches Elend und Zerstörung ohne Ende ausgelöst.
Aber Morgans[9] Gewinne wurden vermehrt und abgesichert.“[10]



[1] Serge de Sampigny, „Verdun – sie werden nicht durchkommen“ Frankreich 2014 https://www.arte.tv/de/videos/055934-000-A/verdun-sie-werden-nicht-durchkommen/
[5] "Böse Menschen müssen das Böse aus Hass gegen die Bösen tun. Sie halten alles für böse, und dann ist ihr zerstörender Hang sehr natürlich - denn so wie das Gute das Erhaltende, so ist das Böse das Zerstörende. Dies reibt sich am Ende selbst auf und widerspricht sich sogar im Begriff, dahingegen jenes sich selbst bestätigt und in sich selbst besteht und fortdauert. Die Bösen müssen wider ihren und mit ihrem Willen zugleich böse handeln. Sie fühlen, dass jeder Schlag sie selbst trifft, und doch können sie das Schlagen nicht lassen. Bosheit ist nichts als eine Gemütskrankheit, die in der Vernunft ihren Sitz hat und daher so hartnäckig und nur durch ein Wunder zu heilen ist." (Novalis, zit. nach: Novalis, Werke und Briefe, hg. v. Rudolf Bach, Leipzig: Insel 1942, S. 334)
[7] Dem Ziel, einen Krieg gegen Deutschland zu führen, entsprach, wie Willy Wimmer feststellt, schon das „Bündnis“, das das British Empire im Jahre 1904 mit Frankreich, das auf Revanche sann, einging. Ironischerweise wurde es „Entente Cordiale“ genannt. Sofort nach Beginn des Ersten Weltkrieges setzte Großbritannien eine Seeblockade durch, die das Deutsche Reich von Lebensmitteln aus Übersee abschnitt. Mit dieser Hungerblockade wollten sie die Kampfkraft des Gegners schwächen. „Am 11. November 1918, nach der Unterzeichnung desformalen Waffenstillstands, endeten die Kampfhandlungen, aber die englische Seeblockade gegen Deutschland wurde fortgesetzt. Sie kostete 800.000 Deutsche ihr Leben durch Verhungern“ (Denson, a.a.O. S 160).Die Nazis haben diese menschenverachtende Methode 1941 bei der Belagerung von Sankt Petersburg aufgegriffen.
[8] Ferguson, The Pity of War, Penguin Press 1998, zitiert nach John V. Denson, Sie sagten Frieden und meinten Krieg. Die US-Präsidenten Lincoln, Wilson und Roosevelt“, hg und übersetzt von Gerd Schultze-Rhonhof, Druffel & Vowinkel-Verlag, Gilching, 4. Auflage 2015, S 152
[9] Gemeint ist das Bankhaus J.P. Morgan and Company. https://en.wikipedia.org/wiki/J.P._Morgan_%26_Co.
[10] A.a.O. S 153

Dienstag, 5. November 2019

Hassbotschaften und Meinungsfreiheit


Titelbild

Ich habe gerade einen Beitrag wieder gelöscht, den ich heute Morgen – ohne ihn zu Ende gelesen zu haben – auf Facebook gefunden und spontan unter der Überschrift „Das würden Tiere nie tun“ auf meine eigene Facebookseite gestellt hatte. Als ich ihn dann zu Ende las, begriff ich, dass man ihn als „judenfeindlich“ einschätzen könnte.[1] So habe ich ihn wieder gelöscht. Ist es denn notwendig – wie  geschehen –, auf die jüdischen Vorfahren von Hillary Clinton und Madeleine Albright hinzuweisen, oder hätte man das – wie allgemein üblich – eher „verschweigen“ sollen? Fördert man dadurch nicht den Antisemitismus?
Hier bin ich wieder mit einem Problem konfrontiert, das mich schon lange beschäftigt. Ist jeder Hinweis auf die jüdische Herkunft von einflussreichen Akteuren aus Kultur, Politik und Wirtschaft schon als „antisemitisch“ zu bezeichnen, oder ist es einfach ein Hinweis auf Tatsachen, die der Leser selbst beurteilen kann? Fällt die Nennung dieser Tatsachen schon unter das Verdikt der „Volksverhetzung“?
Den Anschein hat es.
Im Augenblick wird in Deutschland über das diskutiert, was man sagen darf und was man nicht sagen darf. Anlass waren von Antifa-Gruppen gesprengte Vorlesungen bzw. Vorträge von AfD-Mitbegründer Bernd Lucke in Hamburg oder von Ex-Innenminister Lothar de Maiziere in Göttingen. Auf der anderen Seite sollen Hass-Botschaften im Internet stärker bestraft werden, insbesondere nachdem es in den letzten Tagen „Morddrohungen“ gegen zwei Politiker der Grünen (Cem Özdemir und Claudia Roth) gegeben hatte.
Dass die Sprache unsensibler und rauer geworden ist, das kann ich jeden Tag in gewissen Kommentaren auf Facebook erleben.
Wenn tausende von Fußballfans in einem Stadion unmittelbar nach dem missglückten Anschlag eines kranken Einzeltäters auf eine Synagoge in Halle einen Mann, der begann, das Deutschlandlied anzustimmen, mit dem Ruf „Halt die Fresse!“ zum Schweigen brachten, oder wenn fanatisierte Studenten Bernd Lucke lauthals „Nazischwein“ und mehrere Grünenpolitiker nach der Wahl in Thüringen den Landesvorsitzenden der AfD Bernd Höcke einen „Faschisten“ nennen dürfen, so fällt das nicht unter das Verbot von „Hate-Speech“. Die politisch Korrekten stört das nicht. Wenn aber anonyme Botschaften im Netz auftauchen, die einen rassistischen oder antisemitischen Duktus haben, dann erregen sich die Leitmedien von der Bildzeitung bis zum Spiegel, von der ARD bis zum ZDF. Dabei kann niemand mit Gewissheit sagen, aus welcher Ecke diese „Botschaften“ wirklich kommen, denn sie sind immer anonym und gut verschlüsselt. Man geht selbstverständlich davon aus, dass sie von radikalisierten Neonazis herrühren. Niemand hegt Zweifel daran, genauso wenig wie an der Vermutung, dass jene neun Morde an ausländischen Mitbürgern auf das Konto einer Gruppe, die Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) genannt wird, gehen, die schon lange unter der Beobachtung des Verfassungsschutzes stand.
Ich erlaube mir, auch hier Zweifel anzumelden.
Die Titelgeschichte des Spiegels dieser Woche (Nr. 45 vom 2.11.2019) suggeriert, dass es nur in Deutschland schlecht um die Meinungsfreiheit stünde. Er verdächtigt indirekt Bernd Luke selbst, der „Mastermind“ hinter der Agitation an der Universität Hamburg gewesen zu sein, um dadurch seine Medienpräsenz zu verstärken. Tatsächlich kann man diese Methode bei manchem AfD-Politiker beobachten. Sie überschreiten ganz bewusst Grenzen, um dadurch „ins Gerede“ zu kommen. Aber das ist eine alte Methode im „schmutzigen“ Politgeschäft und nicht auf Deutschland beschränkt.
Heute Morgen hörte ich kurz vor 7.30 Uhr in einem Bericht auf SWR2, dass britische Unterhauspolitiker ebenfalls wüsten Beschimpfungen, ja sogar Morddrohungen im Internet ausgeliefert seien, die manche sogar so sehr erschreckten, dass sie erwägen, nicht mehr zu kandidieren.
Auch in Amerika ist der Umgangston seit der erfolgreichen Wahl von Präsident Trump aggressiver und unhöflicher geworden.
Das Internet lädt geradezu ein, dass frustrierte Menschen ihre Meinung publik machen und sich dabei hin und wieder ihre (oft ganz berechtigte) Wut von der Seele reden, weil sie sonst nie gehört würden. Der Spiegel zitiert den britischen Historiker Timothy Garton Ash. Der Oxford-Professor hatte vor drei Jahren sein 700-Seiten-Werk „Redefreiheit“ vorgelegt, in dem er den Wandel der Welt von einem „globalen Dorf“ zu einer globalen Großstadt, einer „virtuellen Kosmopolis“, beschreibt. Der Spiegel kolportiert:
„Dörfer sind kleine, recht homogene Orte. In Großstädten leben viele Menschen um einen herum, aber sie sind ganz anders als man selbst. Sie begegnen einem selten oder nie, und wenn, dann meist nur kurz. Sie bleiben einem fremd.“
Es ist bekannt, dass die Kriminalität und die Verwahrlosung in Großstädten wesentlich höher sind als in Dörfern. Man muss sich also auch deshalb nicht wundern, dass im Schutz der relativen Anonymität kranke oder frustrierte Menschen ihren Gefühlen Luft machen. Solange es nicht zu Taten kommt wie jetzt in Halle oder vor ein paar Jahren durch die Ermordung der schottischen Politikerin Cox, muss man sich nicht allzu große Sorgen machen, zumal es im Nahen Osten gang und gäbe ist, dass Menschen mit der Billigung von Politikern entweder gezielt oder als Opfer von „Kollateralschäden“ getötet werden.
Für solche Politiker stehen für mich zum Beispiel Barack Obama, Hilary Clinton und Madelaine Albright. Wie viele Menschen durch den vom deutschen Ramstein ausgehenden Drohnenkrieg des vorhergehenden amerikanischen Präsidenten ihr Leben verloren, wird wohl nie aufgeklärt werden. Es sind ja nur einfache Bauern aus Afghanistan, dem Jemen oder Syrien.
Wenn Hilary Clinton die illegale Ermordung des gewählten libyschen Staatsoberhauptes am 3. November 2011 grinsend mit einem abgewandelten Zitat „Wir kamen, wir siegten, er starb“ kommentierte, oder wenn Madelaine Albright glaubt, dass der Tod von 500000 irakischen Kindern „den Preis wert war“, dann ist das zwar rhetorisch unangreifbar, entspricht jedoch inhaltlich den „Hassbotschaften“ einfacher Menschen im Netz, wer auch immer dahinter stecken mag.
Im Spiegel lese ich:
„Der Brite Garton Ash sagt, dass wir vorsichtig sein müssen mit den Grenzen, die wir setzen, auch wenn es schwerfällt. Mehr Meinungsfreiheit führe zu mehr Meinungsvielfalt und mehr Meinungsvielfalt zu mehr Streit. Das ist anstrengend, natürlich, aber er plädiert dafür, sich nicht allzu schnell beleidigt zurückzuziehen, sondern Hassrede entweder zu ignorieren oder ihr selbstbewusst zu widersprechen. (…) In Deutschland, sagt Garton Ash, hätten jahrelang Intellektuelle, Journalisten und Politiker die Ängste vor muslimischer Einwanderung nicht genügend thematisiert. ‚Je weniger Menschen das Problem öffentlich ansprachen‘, schreibt Garton Ash, der Deutsch spricht und sich gut auskennt hierzulande, ‚umso mehr dachten daran – und sprachen vermutlich privat, in der Kneipe oder zu Hause, darüber.‘ Der Druck des öffentlich Unausgesprochenen sei ‚wie in einem Dampfkochtopf‘ gestiegen (…).“ (S13)
Ähnlich sehe ich das auch  beim Thema „Antisemitismus“. Wer sich mit kritischen Bemerkungen zu Israel oder zu dem Einfluss jüdischer Organisationen hervortut, wird in der Regel nicht als Gesprächspartner gesehen, sondern angegriffen, wie ich es oftmals (zum Beispiel auf israelischen Seiten) erlebt habe. Ich solle mich mit meinem Namen („Stürmer“) hüten, etwas Kritisches über die israelische Siedlungspolitik zu äußern.
Ich denke, so geht es vielen. Sie äußern ihre – vielleicht nicht immer zutreffenden oder nicht ganz sachlichen – Gedanken nur hinter vorgehaltener Hand in Gegenwart von „Gleichgesinnten“. So entstehen dann jene Netzwerke, aus denen zum Beispiel „Neonazis“ ihre Gesinnungen zimmern.

Ich finde es schade, dass man über dieses Thema in Deutschland nicht sachlich reden kann.



[1] Der Beitrag wurde am 3. November von einem gewissen Wolfgang Dietrich veröffentlicht und lautet: Strategischen Spielzug im libyschen Schlachtfeld fand der Krieg am 3. Oktober 2011 seinen Höhepunkt im Bombenhagel auf die Mutterstadt Gaddafis und in der unmenschlichen Ermordung des rechtmäßigen libyschen Regierungschefs. Nur weil Gaddafi den Ölreichtum des Landes zu 95 Prozent in ein Sozialsystem investierte, das einzigartig war in dieser Lobby-Welt, kam der infernale Lobby-Tod über das Land. Eine Passage aus Oberst Gaddafis Testament sagt alles: "Nun bin ich unter der Attacke der größten Macht der Militärgeschichte. Mein kleiner afrikanischer Sohn, Obama, will mich töten, unserem Land die Freiheit wegnehmen, uns unsere kostenlosen Wohnungen, unsere kostenlose medizinische Versorgung, unsere kostenlosen Schulen, unser kostenloses Essen wegnehmen und sie durch Diebstahl in amerikanischem Stil, genannt 'Kapitalismus' ersetzen. Aber wir alle in der Dritten Welt wissen, was dies bedeutet: Es bedeutet, multinationale Firmen beherrschen die Länder, beherrschen die Welt, und die Völker leiden. Und so gibt es für mich keine Alternative, ich muss Position beziehen, und wenn es Allah gefällt, werde ich sterben, indem ich seinem Pfad folge, ein Pfad, der unser Land reich an Ackerland, an Nahrungsmitteln und an Gesundheit gemacht hat." [8]
Unter dem ständigen pervers-verzerrten Gekreische "Allah u Akbar" rammten die neuen Lobby-Demokraten Libyens dem schwer verwundeten Staatschef Muammar al-Gaddafi wieder und wieder einen langen Stahl in den Anus. "Allah ist groß", so das dauernde Gekreische der neuen Demokraten, die offenbar damit zum Ausdruck bringen wollten, Allah habe in Gestalt eines Messers oder eines Stahlrohrs Gaddafi grauenhaft zu Tode sodomiert. "Video-Bildmaterial über die Gefangennahme von Muammar Gaddafi zeigt den ehemaligen libyschen Diktator, wie er vor seinem Tod noch sexuell geschändet wird. Der Film zeigt, wie ein Rebell Gaddafi entweder ein Messer oder ein Rohr in den Anal-Kanal rammt. Dies geschah gleich, nachdem Gaddafi aus einem Abwasserleitungs-Versteck herausgeholt wurde." [9]
Die damalige Außenministerin der USA, Hillary Clinton, kommentierte mit den zynisch-schadenfrohen Worten die Abschlachtung und Sodomierung Gaddafis so: "Wir kamen, wir sahen, er starb." [10] Dabei jauchzte mit pervers verzerrter Jubel-Fratze. Mit dieser Art Herzensfreude über das grausame Schlachten eines Menschen erinnerte die teils von Juden abstammende Hillary an ihre jüdische Amtskollegin Madelaine Albright, die unter der Präsidentschaft ihres Mannes das Außenministerium leitete. In der Fernsehsendung "60 Minutes" wurde Frau Albright am 12. Mai 1996 gefragt, ob der Krieg gegen den Irak es denn wert gewesen sei, dass 500.000 irakische Kinder sterben mussten. Albright antworte, wohl in erster Linie im Namen ihrer Kabale: "Ja, wir glauben, dass dieser Preis es wert gewesen ist."


Freitag, 1. November 2019

Gedanken zu "Allerheiligen" 2019



Es ist Allerheiligen.
Es ist im Gegensatz zum gestrigen letzten sonnigen Oktobertag ein grauer Novembertag.
Eben habe ich wohl eine Dreiviertelstunde lang in „Facebook“ geblättert und bin auf das Chanson „Göttingen“ von Barbara aus dem Jahre 1964 gestoßen. Schon wieder 1964! Zum ersten Mal habe ich die deutsche Version gehört, wie sie Barbara wohl in jenem Jahr auch in der Stadt, dessen Name das Lied trägt, gesungen hat. Am Ende warnt die (jüdische) Sängerin, die just in jenem Jahr, als die Stadt Ellwangen anlässlich ihrer 1200 Jahr Feier die Städte-Partnerstadt mit der französischen Stadt Langres einging, für einen nachhaltigen Frieden zwischen Franzosen und Deutschen eintritt, vor den Folgen eines neuen Waffenganges zwischen den beiden Ländern; dann, so singt sie, würde nichts mehr übrig bleiben von Göttingen. Sie ruft: „Lasst nie wieder Hass die Welt zerstören!“ Dieser Apell ist heute aktueller denn je.
Das Lied „Göttingen“ erinnert mich unmittelbar an den Song „First we Take Manhattan“ von Leonard Cohen aus dem Jahre 1988[1]. Der (jüdische) Sänger singt von den „Signals in the Heaven“, davon, dass er jede Nacht gebetet hat, dass sein „Werk“ beginnen kann. Manche haben den Song als Prophetie verstanden, als 13 Jahre später, am 11. September 2001 Manhattan „angegriffen“ wurde, und warten nun darauf, dass auch Berlin „genommen“ wird. Es ist auch die Rede von einem „Father’s Day“, an dem überall Verwundete herumliegen. Damit ist vermutlich „Christi Himmelfahrt“ gemeint. Dieser Feiertag wird in Deutschland traditionell als Vatertag gefeiert, so wie der Reformationstag bei manchen – wie in den angelsächsischen Ländern – mit „Halloween“ (All-Saints-Eve = der Abend vor Allerheiligen) gleichgesetzt wird.
Handelt es sich in dem Song, was die „Einnahme von Berlin“ anbelangt, um einen Plan dunkler Kräfte? Wenn das Lyrische Ich (das man nicht mit dem Sänger verwechseln sollte) singt „I practise every night“, dass es also jede Nacht „praktiziert“, dann ist damit wohl eine „magische“ Handlung gemeint, durch die böse Dämonen beschworen werden sollen.
Es soll tatsächlich Leute geben, die sich in der Nacht zwischen Halloween und Allerheiligen auf den Friedhöfen versammeln und dort eine Art „Totenbeschwörung“ vollziehen. Der Monat November ist der Monat des Skorpions[2] und mit all seinen Festen eher ein düsterer Monat: Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag.
Auch in dem vor 50 Jahren (1969) entstandenen Lied „The Partisan“[3] besingt Leonard Cohen die Toten: „The wind, the wind is blowing, through the graves the wind is blowing.“ Wieder geht es um die Deutschen (Les Allemands), die in dem Lied die Familie des Partisanen getötet haben.
Was ist das nur für ein Land, in dem ich lebe!?



[1] Zu Beginn singt Leonard Cohen „They sentenced me to twenty years of boredom” (Sie verurteilten mich zu zwanzig Jahren Langeweile); Zählt man von 1988 20 Jahre zurück, dann kann man auf das Jahr 1968 zurückkommen, als überall auf der Welt unter der Jugend revolutionäre Aufbruchsstimmung herrschte. Damals wurden auch etliche Studenten durch Gerichtsurteile „zum Schweigen“ gebracht. https://www.youtube.com/watch?v=vCD4JuuJG1g&feature=share
[2] Rudolf Steiner sagt in einem Vortrag vom 31. August 1909, dass es sieben gute und fünf böse Sternbilder gibt. Die sieben guten gehen vom „Widder“ bis zur „Waage“, die fünf bösen vom „Skorpion“ bis zu den „Fischen“. Siehe meinen „Kommentar zum Zeitgeschehen“ vom 11.Mai 2019: https://jzeitgeschehenkommentare.blogspot.com/2019/05/old-shatterhand-und-winnetou-geistig.html