Dienstag, 12. November 2019

Sankt Martin als Vorbild für eine zukünftige Gesellschaft der Brüderlichkeit



Auf Arte kam am Sonntag, den 10. November, ein Porträt des Heiligen Martin, das versucht hat, das Leben des Heiligen anhand der Vita des Sulpicius Severus und von Spielszenen zu veranschaulichen.[1] Immer wieder erfahre ich durch solche Sendungen Neues.
Bei diesem Porträt erfuhr ich zum Beispiel, welche Rolle die Stadt Trier auch im Leben des Heiligen Martin von Tours spielte. Hier residierten einst der Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena, die beide so wichtig für das frühe Christentum waren. Auch eine zweite wichtige historische Gestalt begegnet mir in dem Porträt: Julian, der später zum Kaiser Julian Apostata wurde, für den ich mich zu interessieren begann, als ich bei Emil Bock  ("Rudolf-Steiner-Studien") gelesen hatte, dass dieser „Abtrünnige“ in einem nächsten Leben Herzeloyde, die Mutter Parzivals geworden ist. Martin gehört also in einen karmischen Zusammenhang, der eng mit dem großen Sonnen-Eingeweihten Manu verbunden ist, der ja in Parzival wiedererschien. Rudolf Steiner nennt den später als Astronom Tyho de Brahe wiedergeborenen Kaiser Julian einmal einen engen „Ratgeber der Menschheit“.
Die Mantelteilung am Stadttor von Amiens ist jenes Ereignis im Leben des heiligen Martin, das bis heute sein wahres Wesen offenbart und an vielen Orten Deutschlands und Österreichs nachgespielt wird. Berührend ist, wie ihm der nackte Bettler, mit dem er seinen Mantel geteilt hat, in der darauffolgenden Nacht (im Traum?) erscheint und ihm offenbart, wer er in Wirklichkeit war: Christus.
Das erinnert mich an die Erscheinung des geheimnisvollen „Alten“ im Leben von Udo Wieczorek, die auch Wolfgang Gädeke in seinem Vortrag geschildert hat.
Die katholische Kirche gedenkt dieses Heiligen, der als erster nicht den Märtyrertod, sondern hochbetagt in seinem Kloster gestorben ist, am 11. November mit einem Text aus Matthäus, in dem es am Ende heißt:

„Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matt. 25, 41)

Gestern Nachmittag erfuhr ich durch eine SWR2-Sendung etwas mehr über den Termin des 11. November, den Tag des Heiligen Martin: Der Tag war im mittelalterlichen Arbeitsjahr ein wichtiger Termin, denn an diesem Tag wurden die Knechte und Bediensteten entlassen. Sie feierten das Ende des Arbeitsjahres ausgiebig mit dem ausgezahlten Lohn. In diesem Zusammenhang mussten viele Gänse ihr Leben lassen, denn sie waren schuld daran, dass Martin, der sich in einem Gänsestall versteckt hatte, zum Bischof von Tours ernannt wurde, was er gar nicht wollte. Sie haben den asketischen Gründer des ersten Zönobiten-Klosters in Europa (in Marmoutiers bei Tours) „verraten“.
Mit dem 11. November begann im Mittelalter auch eine vierzigtägige Fastenzeit vor Weihnachten, die heute völlig vergessen ist. Dafür erinnern sich die Menschen in den Karnevalshochburgen Düsseldorf und Köln noch heute lebhaft daran, dass am 11. 11. um 11.11 Uhr die „Fünfte Jahreszeit“, die närrische Zeit, beginnt, ja, sie erinnern sich nicht nur daran, sondern sie feiern den Beginn lautstark und ausgelassen. Es ist also genau umgekehrt wie bei der zweiten vierzigtägigen Fastenzeit, die in der Nacht von Fastnachtdienstag auf Aschermittwoch beginnt und bis Ostersonntag dauert. Eigentlich müsste, kirchlich gesehen, der 11. November eine Art Fastnacht sein, nach der die eigentliche Fastenzeit einsetzt. Vom 12. November, also von heute an, würde diese bis Weihnachten dauern, dem Fest, an dem man wieder üppig speisen darf, eine Art christliches „Zuckerfest“, wenn man an die vielen in der Adventszeit gebackenen Weihnachtsplätzchen und Lebkuchenherzen denkt, die so sehr zu Deutschland gehören, dass sogar der junge Michael Gorbatschow dieses Gebäck in positiver Weise mit den Deutschen verband, wie er in einem Interview mit Regisseur Werner Herzog erzählte.
Dem Geschehen um den 11. November liegt auch – wie ich gestern ebenfalls erfuhr – eine gewisse Zahlensymbolik zugrunde. Die elf ist die Zahl des Narren. Sie ist um eins höher als die zehn, die mit den zehn Geboten, und um eins niedriger als die 12, die mit den zwölf Aposteln verbunden ist.
In diese „Lücke“ sprang im Mittelalter der „Schalk“ ein, wie Mephisto in Goethes „Faust“ genannt wird, also der Narr. Erst durch die Aufklärung bekam der Narr eine positive Funktion innerhalb der Gesellschaft.
Im Mittelalter durfte sich der Hofnarr zwar bereits (versteckte) Kritik am Herrscher erlauben, aber erst mit der Französischen Revolution wurden die gesellschaftlichen Verhältnisse wie im Karneval von den Füßen auf den Kopf gestellt: Die Könige wurden abgesetzt, ja sogar enthauptet, und die Bürger übernahmen die Regierung.
Das war der Beginn der demokratischen Gesellschaft, auch wenn die neu gegründete Französische Republik im nachfolgenden „Terreur“ zunächst einmal durch eine blutige Phase verlaufen musste. Die Guillotine stellte die gesellschaftliche Gleichheit her, denn im Tode sind alle Menschen gleich. In der Russischen Revolution wollte man noch einen Schritt weiter gehen. Nun sollten die Arbeiter und Bauern, also der vierte Stand (das Proletariat) regieren. Die erzwungene Brüderlichkeit kostete Millionen Menschen das Leben. Mit der Mont-Pelerin-Gesellschaft, Milton Friedmann und seinen Chicagoer Studenten kam nach dem Zweiten Weltkrieg der Wirtschaftsliberalismus auf, der unter US-Präsident Ronald Reagan an der Wallstreet und unter der britischen Premierministerin Margret Thatcher in der City of London erste Triumphe feierte. Die Kluft zwischen Reich und Arm ging immer weiter auseinander. Das dritte Ideal der Französischen Revolution, die Freiheit, war im Wirtschaftsleben an der falschen Stelle, so wie die Brüderlichkeit in den kommunistischen Staaten als staatliche Verordnung im Rechtsleben, und die von der Aufklärung geforderte Gleichheit der Menschen im Geistesleben an der falschen Stelle waren.
Seit der Aufklärung leben wir also in einer „närrischen“ Gesellschaft, die nicht der zehn und nicht der 12, sondern der elf verpflichtet ist, also Mephistopheles.
Der in Sabaria (heute Szombathelyi oder Steinamanger)[2], also wie Rudolf Steiner im Grenzgebiet zwischen dem späteren Ungarn und Österreich geborene Martin von Tours war Soldat. In dieser Funktion sollte er im Jahre 358 unter Julian von Trier aus gegen die Germanen bei Worms ziehen. Das war nicht lange nach dem Ereignis von Amiens, Martin war gerade 18 Jahre alt geworden und noch nicht zum Christentum übergetreten. Erst als er in der späteren Stadt Worms, die durch Martin Luthers „Hier stehe ich und kann nicht anders!“ berühmt geworden ist, vor Kaiser Julian getreten war, um mit dem römischen Heer zu kämpfen, schaute er ihm in die Augen und sprach: „Bisher habe ich dir gedient, jetzt diene ich Christus!“ Martin war also der erste Kriegsdienstverweigerer. Das stimmt nicht ganz: er soll bereit gewesen sein, ohne Waffen mitzuziehen. Da geschah das Wunder: die Schlacht fand gar nicht statt, weil die Germanen Friedensverhandlungen anboten.
Es ist eine Ironie der Geschichte und ein weiterer Beleg für die Narrheit unserer Politiker, dass ausgerecht einen Tag nach Sankt Martin, am 12. November 1955, Deutschland mit der Bundeswehr wieder eine Armee bekam – damals gegen den Willen vieler engagierter Bürger und Politiker wie zum Beispiel Gustav Heinemann und Erhard Eppler. Adenauer ließ die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik im kleinen Kreis in einem Zisterzienserkloster in der Eifel (Himmerod) vorbereiten und setzte sie schließlich auf Betreiben der USA durch.
Nun finden heute, am 12. November nach sechs Jahren Pause in sechs Städten wieder öffentliche Gelöbnisse statt, die durch die neue Verteidigungsministerin angeordnet wurden. Es ist nicht nur ein symbolträchtiger Tag, sondern auch ein symbolträchtiger Ort, wenn die zentralen Gelöbnisse in Berlin zwischen dem Bundestag (Legislative) und dem Kanzleramt (Exekutive) stattfinden, den Symbolen der bundesrepublikanischen Demokratie.
Es tut weh, das im Chor aus völlig unmusikalischen Soldatenstimmen geradezu geschriene „Gelöbnis“ anzuhören. Dieses Schreien verheißt im Zusammenhang mit den von Annegret Kramp-Karrenbauer angekündigten Ausweitungen der Aufgaben der Bundeswehr im Sinne von Ex-Bundespräsident Joachim Gauck nichts Gutes. Wenn ich die beiden Namen auf mich wirken lasse, dann höre ich in den Seelentiefen zwei andere alte Namen: „Krampus“, die Schreckgestalt im Gefolge des Heiligen Nikolaus, und „Gauckler“, ein anderes Wort für Narr.
Der heilige Martin hat sich entschieden, das Soldatentum in einer Zeit aufzugeben, als Ritterlichkeit und Kampf noch eine andere Qualität hatten als heute. Er hat sich gegen den Kampf und für die Nächstenliebe entschieden, ja, man kann sagen, für die Brüderlichkeit im Sinne Christi, wie es bei Matthäus 25, 41 (siehe oben) gemeint war.
In der Mathematik der Brüderlichkeit bedeutet teilen nicht halbieren, sondern verdoppeln. Dadurch, dass der Krieger Martin seinen Mantel geteilt hat, wurden zwei Menschen gewärmt.
Die Botschaft der Martinsfeiern könnte also, richtig verstanden, in den Kindern die Tugend der Brüderlichkeit vertiefen. Leider wird diese in unserem neoliberalen Wirtschaftssystem von vielen Familien nur noch als folkloristisches Accessoire, nicht aber als Ideal für eine zukünftige Gesellschaft erlebt.
So könnte der heilige Martin, der Nationalheilige Frankreichs, zum Vorbild einer zukünftigen Gesellschaft der Brüderlichkeit werden, die in der sechsten nachatlantischen Kulturepoche in den östlichen Völkern die Gesellschaft des Egoismus ablösen wird.

Bild: Simone Martini, Sankt Martin vor Kaiser Julian

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