Montag, 15. Oktober 2018

Die Mechanisierung der Welt - Rudolf Steiners Vortrag vom 28. November 1920


Ich habe gerade meinen Tagebucheintrag vom 14. Oktober 1968 abgetippt und noch einmal nachempfunden, wie ich mich als 16-jähriger gefühlt habe, der bereits ans Heiraten zu denken wagte. Damals hatte ich einen Artikel aus einem Reader’s Digest Heft (Jahrgang 18, Januar 1965) in mein Tagebuch geklebt, in dem der Schriftsteller Anthony West einem Neunzehnjährigem erklärt, wann ein junger Mann reif zur Ehe ist.
Am Ende dieses Artikels fand ich folgende Anekdote, die mir wie eine Illustration zu meinen gestrigen Überlegungen zum Kapitalismus vorkommt[1]:

„Professor Raphael Cohen von der Universität Chicago forderte einmal seine Studenten auf, sie sollten sich vorstellen, übermenschliche Wesen seien auf die Erde gekommen und hätten sich erboten, die Menschheit einen Zauber zu lehren, der ihr Leben unvergleichlich viel angenehmer und farbiger machen würde. ‚Als Gegenleistung‘, fuhr der Professor fort, ‚verlangten sie lediglich fünfzigtausend Menschenleben im Jahr. Mit wie viel Empörung hätten alle diesen Handel zurückgewiesen! Dann kam das Automobil.‘“ (Reader’s Digest, Jahrgang 18, Januar 1965)

Es ist manchmal unglaublich, welche unverhofften „Schätze“ das Schicksal aus dem Meer der aufgeschriebenen Gedanken und Ereignisse ans Land einer individuellen Existenz spült!
Was ist nicht alles in der kleinen Anekdote von Professor Raphael Cohen, vermutlich einem Kollegen von Milton Friedman an der Universität von Chicago, aus einem über 50 Jahre alten Reader’s Digest-Heft an Bezügen zu meinen eigenen Gedanken enthalten! 
Das Erstaunliche ist, dass dieser jüdische Gelehrte, der dem Namen nach aus einer Rabbiner-Familie stammen dürfte, von geistigen Wesen spricht, die eine Art Pakt mit dem Menschen schließen. Hier klingt das Mephisto-Motiv an. Aber noch deutlicher ist der Bezug auf die „Geister der Finsternis“, von denen Rudolf Steiner 1917 sprach.
Nun hat mir I. gestern den Band 202 aus der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe im Bonifatiuskindergarten „abgelegt“, um den ich sie am vergangenen Donnerstag gebeten hatte, weil in diesen Vorträgen jenes Zitat zu finden ist, mit dem ich am 29. September meinen Vortrag vor 14 Menschen beendet hatte: „Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen – die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia“.[2]
Noch vor dem Deutsch-Kurs las ich den dritten Vortrag vom 28. November 1920. Dort geht es um die „ahrimanische Verseuchung“. Rudolf Steiner spricht zuerst von den drei alten Idealen Schönheit, Stärke und Weisheit, die einst unbewusst in der Menschheit gelebt hätten und heute noch in den Freimauerer-Logen gepflegt würden. Die Schönheit, so erklärt er, bezieht sich auf den Anblick des Kosmos[3], die Stärke erhält der Mensch, indem er auf dem Boden des Planeten Erde steht. Die Verbindung zwischen Kosmos und Erde ergebe die Weisheit.
Diese äußeren Erlebnisse verlagerten sich in der Gegenwart ins Menscheninnere und tauchen dort, wenn sich der Mensch geistig schult, als Imagination (verwandelte Schönheit), Intuition (verwandelte Stärke) und Inspiration (verwandelte Weisheit) wieder auf. Nun führt Rudolf Steiner aus, wie sich während der Menschheit zweimal geistige Wesenheiten in diese Erlebnisse einmischten: am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausend hätten luziferische Wesen das Erlebnis der Schönheit durchsetzt und in Bahnen gelenkt, die manche Menschen hochmütig werden ließen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts nun würden ahrimanische Wesen von der Erde aus wirken und die menschlichen Intuitionen durchziehen, die aus der Stärke heraus kommen.
Ich möchte hier aus dem Ende des Vortrages wörtlich zitieren, in dem es explizit um das Maschinenwesen, das Rudolf Steiner in Pferdestärken misst, geht:
„Jetzt lässt der Mensch einströmen in die Materie seinen Geist, in Mechanismen. Der wird da drinnen so, dass zum Beispiel in Deutschland jeder Mensch noch ein Pferd neben sich aus dem menschlichen Verstande heraus geschaffen hat, das nun neben ihm arbeitet, das kein Pferd war, sondern das Maschinenkraft war. Das ist abgesondert vom Menschen, wie einstmals diese Elementarwesen abgesondert waren vom Menschen, nur in anderem Sinne. Die waren so abgesondert, dass der Mensch seine luziferische Kraft darauf wenden musste. Jetzt wendet er seine ahrimanische Kraft darauf. Jetzt verahrimanisiert er es, mechanisiert es. Wir leben im Zeitalter der ahrimanischen Verseuchung. Die Menschen merken gar nicht, dass sie eigentlich zurücktreten aus der Welt, und dass sie ihren Verstand der Welt einverleiben und neben sich eine Welt, die selbständig wird, schaffen. Und das große, ich möchte sagen, teuflische Experiment ist ausgeführt worden seit dem Jahre 1914; dass die eine ahrimanische Wesenheit gegen die andere ahrimanische Wesenheit im Grunde den Ausschlag gegeben hat. Wir haben es mit einem ahrimanischen Kampfe fast über die ganze Erde hin zu tun gehabt. Den ahrimanischen Charakter hat er angenommen dadurch, dass der Mensch eben in dem Mechanismus, der ihn umgibt, eine neue ahrimanische Welt geschaffen hat. Und es ist eine neue ahrimanische Welt. Wenn Sie auf die Zahlen sehen: Von 6,7 Millionen (im Jahre 1870) auf 79 Millionen Pferdekraftjahre (im Jahre 1912) in wenigen Jahrzehnten ist die außermenschliche mechanische Kraft (in Deutschland) gestiegen – das Verhältnis ist in den übrigen Ländern dasselbe – wie rasch ist der Ahriman gewachsen in den letzten Jahrzehnten!
Darf da nicht die Frage entstehen, ob der Mensch ganz verlieren soll, was in seinen Willen gestellt ist, was in seine Initiativkraft gestellt ist? Die Frage kann gestellt werden, ob denn der Mensch immer mehr der Illusion entgegengeführt werden soll, er mache die Dinge, während in Wahrheit die ahrimanischen Kräfte, die man nach Pferdekraftjahren berechnen kann, gegeneinander arbeiten? Denjenigen, der die Welt überschaut, interessiert nur vom moralischen Standpunkte aus etwa Foch und Ludendorff und Haig.[4] Vom Standpunkte der vollen Realität interessieren ihn diejenigen Kräfte, die aus der Kohle[5] kommen und die an den Fronten aufeinanderprallen, die aus den mechanischen Werkstätten an die Fronten geführt werden, je nach den Erfindungskräften der vorherigen Jahre, und die zu einem einfachen Rechenexempel machen, was geschehen muss.
Somit ist das Ahrimanischwerden der Welt ein einfaches Rechenexempel, um zu wissen, was geschehen muss. Und wie steht der Mensch daneben? Er kann ja als der Dumme daneben stehen, dem zuletzt seine Maschinen entgegenlaufen, wenn er noch etwas kompliziertere Kombinationen von Kräften findet.“[6]
Hier deutet Rudolf Steiner im Jahre 1920 etwas an, was erst jetzt, knapp 100 Jahre später „volle Realität“ geworden ist, nicht nur in den weltweiten Kriegen, sondern im friedlichen Alltag: wenn man durch die Stadt geht und die Menschen bewusst anschaut, die im Gehen mit ihrem Smartphone kommunizieren, dann kann man schon den Eindruck haben, dass die Maschinen den Menschen „entgegenlaufen“.



[3] Das über ganz Mitteleuropa seit Wochen lagernde Hoch – gestern sah ich im Wetterbericht nach dem Heute-Journal die entsprechenden Sattelitenbilder – führt dazu, dass die kühlen Nächte in diesen Oktobertagen sternenklar sind und jeder, der seinen Blick nach oben richtet, die Schönheit der Sternenwelt wahrnehmen kann. 
[4] Der französische Heerführer Ferdinand Foch (1851 – 1929) und der deutsche General  Erich Ludendorff (1865 – 1937), beide unmittelbare Zeitgenossen Rudolf Steiners, werden in dem im letzten Jahr erschienen Buch „Kometenjahre – 1918, Die Welt im Aufbruch“  des Berliner Historikers Daniel Schönpflug aus dem S. Fischer Verlag, das ich zurzeit lese, anschaulich geschildert, nicht jedoch der hier angeführte britische General Douglas Haig (1861 – 1928).
[5] Rudolf Steiner spricht hier den fossilen Brennstoff „Kohle“ an. Mit der Kohle wird in den Hüttenwerken das Eisenerz geschmolzen und zu Stahl verarbeitet. Man könnte jedoch im Anschluss an Raphael Cohen auch vom Erdöl sprechen, das als Diesel oder Benzin für den Antrieb der Maschinen, also der Automobile, notwendig ist.
[6] Rudolf Steiner, Die Brücke zwischen der Weltgeistigkeit und dem Physischen des Menschen – die Suche nach der neuen Isis, der göttlichen Sophia, Sechzehn Vorträge, GA 202, Dornach 1988, S 51f.


Grün siegt - Rot verliert - Anmerkungen zur Landtagswahl in Bayern am 14. September 2018


Lena putzt bei mir und ich räume auf. Obwohl ich noch nicht ganz fertig bin – Lena hat mehr Ausdauer als ich – schreibe ich jetzt Tagebuch. Ich muss einfach berichten, was gestern in Bayern geschehen ist. Es war Landtagswahl und die seit 60 Jahren allein regierende Schwesterpartei der CDU, die CSU hat die absolute Mehrheit verloren. Sie hat über 10 % der Stimmen im Vergleich zur letzten Landtagswahl eingebüßt. Noch mehr aber hat die SPD verloren: - 11,3; Gewinner sind die Grünen mit 17, 8 % der Stimmen (+ 9,2) und die AfD, die aus dem Stand mit 10,3 % der Stimmen nun viertstärkste Kraft im Münchner Landtag sein wird.
Der Spiegel titelte wohl nicht ohne Hintergedanken in seiner neuesten Ausgabe (Nr. 42 vom 13.10.2018) „Revolution – Warum die Deutschen so oft scheitern“
Spiegel-Autor Dirk Kurbjuweit zählt in seiner Titelgeschichte insbesondere die Verdienste der SPD auf, die Deutschland vor hundert Jahren vor einer kommunistischen Räterepublik nach dem Modell Lenins und Trotzkis bewahrte. Er schreibt:
„Immerhin bildet die SPD am 10. November mit der USPD eine Regierung, den ‚Rat der Volksbeauftragten‘. Vorsitzender ist Ebert. Die kontrollierende Macht liegt bei den Arbeiter und Soldatenräten.
Am Abend dieses Tages telefoniert Ebert mit Generalleutnant Wilhelm Groener, einem der Köpfe der Obersten Heeresleitung. Groener hat später behauptet, die beiden Männer hätten ein ‚Bündnis‘ beschlossen. Das Offizierskorps verhalte sich loyal, wenn Ebert den Bolschewismus bekämpfe, also das Rätewesen. Ebert hat das nicht bestätigt, und wahrscheinlich hat Groener übertrieben. Aber tatsächlich fährt Ebert nun eine Doppelstrategie. Einerseits kooperiert er mit den Räten, andererseits mit dem Militär, von dem er sich das verspricht, was ihm als gutem Deutschen so sehr am Herzen liegt: Stabilität[1]. ‚Ich hasse sie wie die Sünde‘, soll Ebert über die Revolution gesagt haben.
Er will in Wahrheit keine Räterepublik, sondern eilig eine Nationalversammlung wählen lassen, die den Weg für eine parlamentarische Demokratie ebnen soll. Am 13. Dezember sagte er: ‚Das Herum- und Hineinregieren der Arbeiter- und Soldatenräte muss aufhören.‘ Am 29. Dezember verlässt die USPD den Rat der Volksbeauftragten. Die SPD regiert allein weiter.
Sie ist getrieben von einer Angst, der Angst vor russischen Verhältnissen. Im Jahre zuvor hatte die Oktoberrevolution ein Rätesystem etabliert, seitdem herrschen Anarchie und Bürgerkrieg. Ebert sagt: ‚Wer die Dinge in Russland erlebt hat, der kann im Interesse des Proletariats nicht wünschen, dass eine solche Entwicklung bei uns eintritt.‘
Im Januar 1919 scheint auch Deutschland in den Bürgerkrieg zu kippen. Die Regierung will den Berliner Polizeipräsidenten entlassen, Emil Eichhorn von der USPD. Seine Partei und der noch radikalere Spartakusbund um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg rufen zur Demonstration auf dem Alexanderplatz auf. Hunderttausende kommen, der Beginn des sogenannten Spartakusaufstands. ‚Alle Macht den Räten!‘ fordert Liebknecht.
Linke kämpfen gegen Linke, die SPD stützt sich dabei auf rechtsradikale Freikorps ehemaliger Frontsoldaten. Hunderte sterben. Am 15. Januar ermorden Freikorpssoldaten Liebknecht und Luxemburg. ‚Angewidert‘, notiert Thomas Mann in seinem Tagebuch.
Der Mann fürs Grobe bei der SPD ist Gustav Noske, der von sich gesagt hat: ‚Einer muss der Bluthund werden.‘ Den gibt er dann auch in Bayern. Dort hat sich im April 1919 eine Räterepublik gegründet. Noske lässt sie mithilfe von Freikorps und Reichswehr brutal niederschlagen.
Nach vielen Streiks und blutigen Kämpfen setzt sich die SPD durch. Bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung am 19. Januar 1919 wird sie mit Abstand stärkste Partei, 37,9  Prozent. Weil die linke Arbeiterschaft immer noch in Berlin rumort, versammeln sich die Abgeordneten im Deutschen Nationaltheater in Weimar. Sie wählen Ebert zum Reichspräsidenten, Scheidemann zum Reichskanzler.
(…)
Man weiß nicht, was aus einer deutschen Räterepublik geworden wäre. Es gibt auch die Lesart, dass die SPD mit ihrer Politik einen großen Bürgerkrieg verhindert habe, in den sich eventuell  Russland zugunsten der Räte eingemischt hätte.“
Wie knapp damals, also vor ziemlich genau 100 Jahren, das deutsche Volk einer bolschewistischen Machtübernahme mit vielen Millionen Toten, Konzentrationslagern und antichristlichen Ausschreitungen entgangen war, kann man sich kaum vorstellen. Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg spielten damals bei den fanatisierten Massen der Arbeiter eine ähnliche Rolle wie Lenin und Trotzki in Russland. Mit ihren hypnotisierenden Reden brachten letztere diejenigen Teile der Arbeiterschaft auf ihre Seite, die am unempfindlichsten gegenüber ihren Mitmenschen waren und später, angestachelt von den Bolschewiken, auf den größten „Raubmordzug der Geschichte“ gingen. Dabei darf man nicht vergessen, dass diese aufgehetzten Menschen in Russland nur eine Minderheit waren, die aber durch Mord und Gewalt zu allem entschlossen waren und nur durch einen Staatsstreich an die Macht gekommen waren.
Genauso war der Spartakusbund zu allem entschlossen. Nur durch die Ermordung der charismatischen Führungspersönlichkeiten entging Deutschland der verheerenden „Diktatur des Proletariats", welche Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg anstrebten, auch wenn letztere in ihrem Denken und Handeln nicht ganz so fanatisch und brutal wie Leo Trotzki gewesen sein mochten.
In der ganzen Spiegel-Titelgeschichte beklagt der Autor die deutsche Zögerlichkeit. Er zitiert am Anfang seines Essays ein Bonmot, das Lenin zugeschrieben wird: „Revolution in Deutschland? Das wird nie etwas. Wenn diese Deutschen einen Bahnhof stürmen wollen, kaufen sie sich noch eine Bahnsteigkarte.“
Kurbjuweit hätte sich vermutlich mehr Entschlossenheit der Revolutionäre im Sinne des Spartakusbundes gewünscht. So bekennt er sich – ohne es ausdrücklich zu sagen – zu den Bolschewisten, die nicht so „zahm“ und zimperlich, sondern auch bereit waren, über Leichen zu gehen.
Dass dies in Deutschland nicht funktionierte, ist nicht nur der deutschen „Anständigkeit“, die Lenin ironisiert, sondern vor allem auch der deutschen Kultur geschuldet, die in den damals etwa 100 Jahren seit der Weimarer Klassik immerhin eine starke bürgerliche Mitte für sich gewonnen hatte. Es erscheint mir deshalb kein Zufall, dass ausgerechnet die  deutsche „Hauptstadt des Geistes“ zum Sitz der Weimarer Nationalversammlung auserwählt wurde.
Leider waren die Deutschen in der Weimarer Republik noch nicht reif für die errungenen Freiheiten. Viele zogen es vor, sich zu vergnügen, anstatt sich zu bilden. Immerhin gab es damals bereits eine geistige Alternative zum Marxismus, die an den Name Goethes gebunden war. In Dornach stand der Bau der neuen Geisteswissenschaft, das Goetheanum.
Aber die tragische Geschichte der anthroposophischen Gesellschaft, deren wichtigste Mitglieder nach dem Tod Rudolf Steiners so hilflos waren, dass sie alles vergaßen, was ihnen der Meister zu vermitteln versucht hatte, ist wie ein schicksalhaftes Zeichen, das anzeigt, dass auf den unsicheren Anfang der Demokratie die Diktatur Adolf Hitlers folgen musste, um dieses Volk nach der Apokalypse des Zweiten Weltkriegs und dem Nürnberger „Weltgericht“ in die richtige Richtung zu führen.
Adolf Hitler und die Nationalsozialisten bezogen einen großen Teil ihrer menschenverachtenden Ideologie aus den Ereignissen der Zeit vom November 1918 bis Januar 1919, als die kommunistischen Bolschewisten Deutschland bedrohten. Den 9. November 1918, an dem die deutsche Republik ausgerufen wurde, hielten die Nazis für eine „Lumpen- und Judenrevolte“, schreibt Kurt Kurbjuweit. So wählten sie diesen Schicksalstag der deutschen Geschichte im Jahre 1923 zu einer eigenen Revolte, zum sogenannten „Kapp-Putsch“ und inszenierten im Jahre 1938 in Erinnerung an 1918 die sogenannte Reichspogromnacht.
Der Antisemitismus der Nationalsozialisten hatte seine Wurzeln in den Revolutionen, durch die jüdische Ideologen im Anschluss an Karl Marx ein materialistisches  Paradies auf Erden errichten wollten. Ihnen ist es nicht gelungen. Aber die gleichen Kreise hatten noch einen Plan B in der Tasche: das kapitalistische Paradies im Sinne von Milton Friedman, in dem wir heute leben dürfen und das die Erde langsam zerstört.
Bayern ist mit BMW, Siemens und Allianz das wirtschaftlich stärkste Bundesland Deutschlands.
Dass die Grünen so hoch gewonnen haben, zeigt an, dass es viele Bürger gibt, die für ein Erhalten der Natur eintreten. Ob sie sich aber dessen bewusst sind, dass es der Neoliberalismus ist, der durch seine Wachstumsideologie immer mehr Ressourcen verzehrt und immer mehr Müll produziert, ist mir dabei noch nicht klar.
Zu hoffen wäre es.



[1] Auch der bayrische Ministerpräsident hat gestern Abend in den Interviews nach der ersten Bekanntgabe der (vorläufigen) Wahlergebnisse immer wieder von „Stabilität“ gesprochen, weswegen er auch in einer Koalitionsregierung Ministerpräsident von Bayern bleiben würde.

Donnerstag, 11. Oktober 2018

"Die immerwährende Verantwortung Deutschlands" - kritische Anmerkungen zu einem Beitrag von Thomas Eppinger auf "Mena Watch".


Israelfreunde kritisieren schon seit einiger Zeit deutsche Spitzenpolitiker wie Ex-Außenminister Sigmar Gabriel, Bundespräsident Frank Walter Steinmeier[1], Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Deutschen als Kollektiv.
So erschien am 11.10.2018 auf „Mena Watch“ ein „Mena-Exklusiv“-Beitrag von Thomas Eppinger unter dem Titel „Die immerwährende Verantwortung Deutschlands“. Eppinger, ein österreichischer Unternehmensberater, der für Kernkraft und Braunkohleabbau eintritt[2], kritisiert die Kanzlerin für ihren kürzlich bei ihrem Israel-Besuch  erfolgten Eintrag ins Gästebuch in Yad Vashem. Er zitiert den Eintrag in seiner ganzen Länge, um ihn dann „rabbulistisch“ zu analysieren:
„Vor fast 80 Jahren, in der Pogromnacht des 9. November, schlugen den jüdischen Menschen in Deutschland Hass und Gewalt in ungeahntem Ausmaß entgegen. Was aber dann folgte, waren die beispiellosen Verbrechen des Zivilisationsbruchs der Shoah. Daraus erwächst die immerwährende Verantwortung Deutschlands, an dieses Verbrechen zu erinnern und Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Hass und Gewalt entgegenzutreten.“
Dieses Bekenntnis der Kanzlerin genügt Thomas Eppinger nicht. Er nennt es – wohl zu Recht – ein „Lippenbekenntnis“. Dann aber fordert der Autor, der eine eigene Online-Zeitung namens „Schlaglichter“ betreibt, ein echtes „Restitutionsgesetz“ in Deutschland. Die Deutschen sollen bezahlen für den „größten Massenraubmord der Geschichte“, als den Eppinger den Holocaust bezeichnet. Er zitiert den Dokumentarfilmer Maurice Philip Remy[3], der in seinem Buch „Der Fall Gurlitt“ schätzt, dass noch immer 60 % der deutschen Kunstmuseen Raubkunst in ihren Beständen haben könnten und zu dem Schluss kommt:
„Wir sind Weltmeister der Lippenbekenntnisse“
Thomas Eppinger fährt fort:
„Es geht nicht nur um Kunst. Die Mörder, Räuber, Hehler und Komplizen fuhren in den Autos ihrer Opfer, schliefen in ihren Betten, aßen von ihrem Geschirr und kleideten sich in ihre Mäntel. Und damit nicht genug: letzten Endes stahlen sie ja nicht nur das Vermögen der Vertriebenen und Ermordeten, sondern nahmen auch deren Plätze in der Gesellschaft ein, machten ‚geraubte‘ Karrieren an den Universitäten, in der Verwaltung und in Unternehmen, und vererbten das dabei angehäufte Vermögen an ihre Nachkommen. Vor dreizehn Jahren erschien Götz Alys Buch ‚Hitlers Volksstaat‘, doch vom Holocaust als größten Massenraubmord der Geschichte will man in Deutschland bis heute nicht viel hören. Schließlich will man es mit der Erinnerung nicht übertreiben.“[4]
Diese Art der Darstellung stellt im Grunde alle Deutschen unter Generalverdacht und relativiert die seit 70 Jahren unternommenen Bemühungen der bundesrepublikanischen Politiker und Intellektuellen, die Vergangenheit aufzuarbeiten und für die Schuld, die Deutschland unter den Nationalsozialisten auf sich geladen hat, zu bezahlen.
Diese Geringschätzung ärgert mich.
Noch mehr ärgert es mich aber, dass nun einige Vertreter der „Holocaustindustrie“ (Norman Finkelstein) versuchen, noch mehr Geld von den Deutschen für Verbrechen zu verlangen, die in ihrem Namen begangen wurden. Das steckt in Wirklichkeit hinter dem Wort von den „Lippenbekenntnissen“. Die Juden wollen Geld sehen, als hätten sie nicht schon viele Millionen von den deutschen Steuerzahlern bekommen.
Ich möchte manchmal gerne im Einzelnen wissen, wie die „Vertriebenen und Ermordeten“ an ihre Kunstschätze, an ihre Vermögen, ihre Autos und ihre Häuser gekommen sind. Wenn ich durch Schwäbisch Hall gehe und die sogenannten „Stolpersteine“ bewusst wahrnehme, dann wundere ich mich immer wieder, wie viele der teuersten Immobilien einst im Besitz von Juden waren.
Gewiss gab es auch arme Juden, insbesondere in Osteuropa. Hier lebten vorwiegend die „Ermordeten“, von denen Thomas Eppinger spricht. Die deutschen Juden aber, jedenfalls die wohlhabenden unter ihnen, gehörten eher zu den „Vertriebenen“ und nicht zu den „Ermordeten“[5]. In den Konzentrationslagern starb kaum ein reicher Jude. Dort wurden die armen Juden „geopfert“ (Holocaust heißt „Brandopfer“). Böse Zungen behaupten, dass dieses Opfer sogar (von gewissen Zionisten) beabsichtigt und gefördert wurde[6], damit es nach dem Zusammenbruch Deutschlands einen echten Grund gab, die Balfour-Deklaration umzusetzen und in Palästina einen jüdischen Staat zu errichten.
Solche Zusammenhänge werden natürlich von den „Israelfreunden“ ausgeblendet und als „antisemitisch“ deklassiert.
Ob der Holocaust wirklich der „größte Massenraubmord der Geschichte“ war, möchte ich an dieser Stelle noch einmal bezweifeln. Was jüdische Bolschewisten lange vor dem Holocaust in Russland an „Massenraubmorden“ begangen haben, bleibt bis heute in der Regel  unerwähnt und unentschuldigt. Mir ist jedenfalls keine jüdische Vereinigung bekannt, die je dafür eingetreten wäre, die Verbrechen der Bolschewiki aufzuklären und den Opfern Entschädigungen zu zahlen. Dabei ist hinlänglich bekannt, dass die leitenden Personen im sowjetischen Politbüro und im sowjetischen Geheimdienst, zumindest bis zu den Schauprozessen Stalins, Juden waren.
Besonders raffiniert in dem Beitrag von Thomas Eppinger ist auch seine Rhetorik: In dem zitierten Abschnitt arbeitet er geschickt mit einem Archetypus, der in Deutschland jedermann bekannt ist: er bezieht sich in seiner Aufzählung von den Schandtaten der Deutschen auf eines der beliebtesten Märchen der Gebrüder Grimm, auf „Schneewittchen und die sieben Zwerge“. Er zitiert die Fragen der sieben Zwerge fast wörtlich. Dabei setzt er die sieben Zwerge mit den Juden gleich, Schneewittchen aber mit den Deutschen.
Wieder wird das beliebte Schema variiert: hier die Guten, dort die Bösen.
Ich finde solche Schwarz-Weiß-Malerei mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges für wenig hilfreich, zumal inzwischen Menschen in Deutschland leben, die erst lange nach dieser Zeit geboren wurden und nicht unter „Generalverdacht“ gestellt werden sollten. Das aber impliziert die Überschrift des Artikels, wenn er, geschickt die Kanzlerin zitierend, von einer „immerwährenden Verantwortung Deutschlands“ spricht.
Diese Überschrift scheint einer Ideologie zu folgen, die  der israelische Außenminister Mosche Scharet (1894 - 1965) am 8. Januar 1952 vor der Knesseth verkündete: „Israel betrachtet das ganze deutsche Volk als verantwortlich für die Naziverbrechen.“ Dieses Verdikt griff der israelische Ministerpräsident Menachem Begin 1981 auf, als er sagte: „Dem deutschen Volk soll bis zur letzten Generation die Schuld an der Vernichtung von sechs Millionen Juden aufgebürdet werden.“
Thomas Eppinger findet es deshalb verständlich, dass „die Überlebenden der Shoah die Mörder ihrer Familien und Freunde, die Räuber ihrer Vermögen und Lebensentwürfe (…) hassen.“



[2] Zum Beispiel in seinem Beitrag „Deutschland ist verrückt geworden“ aus seiner Online-Zeitung „Schlaglichter“ der auch auf der Seite „Acgut.com“ übernommen wurde. Siehe: https://www.achgut.com/artikel/deutschland_ist_verrueckt_geworden
[3] Der freie Journalist, Drehbuchautor und Regisseur arbeitete seit 1994 mit Guido Knopp bei den ZDF-Filmen „Hitler – eine Bilanz“ und „Hitlers Helfer“ zusammen, beschäftigte sich aber auch mit dem Untergang der „Wilhelm Gustloff“ dem „Mythos Rommel“ und versuchte in einer sechsteiligen Serie, den „Holocaust“ darzustellen (2000).
[5] Auch bei den „Stolpersteinen“ liest man immer wieder von „Ermordeten“. In den letzten Kriegsjahren gab es bei der allgemein schwierigen Versorgungslage im zerbombten Deutschland in den Lagern wenig zu Essen und wenig medizinische Versorgung. Kranke steckten Gesunde an und in manchen Lagern kamen daraufhin viele Entkräftete durch Krankheitsepidemien um.
[6] Seit 1941 wusste der britische Geheimdienst von den Lagern, die Briten unternahmen aber erstaunlicherweise nichts, um die Infrastruktur zu zerstören, durch die diese Lager erst möglich wurden. Sie zerstörten lieber deutsche Städte und töteten Tausende von Zivilisten.
„Am Finanzplatz Schweiz betrieb (Allen) Dulles heimlich weiter Geschäfte mit deutschen Firmen und deren Tarnorganisationen, etwa für seinen Mandanten Prescott Sheldon Bush. Investmentbanker Bush hatte für den Hitler-Finanzier Fritz Thyssen als Geschäftspartner diverser deutsch-amerikanischer Firmen fungiert – darunter das Arbeits- und Konzentrationslager Auschwitz. Das Bombardieren der Bahnlinien nach Auschwitz untersagte dem Militär kein Geringerer als Geschäftsfreund John McCloy (der seit 1930 mit einer Cousine der Ehefrau von Konrad Adenauer verheiratet war). https://www.heise.de/tp/features/Jan-Fleischhauer-die-Atlantik-Bruecke-und-die-CIA-3838580.html?seite=all )

Donnerstag, 20. September 2018

Ablenkungsmanöver - zur derzeitigen Krise der Regierungsparteien im Fall Maaßen


Ich kenne Leute, die schauen schon lange kein Fernsehen  oder lesen schon lange keine Zeitung mehr. Entweder regen sie sich zu sehr auf oder sie fallen wegen der Negativ-Nachrichten in Depressionen.
Ich versuche dennoch, aus den Medien die Informationen herauszufiltern, die mir als wichtig und richtig erscheinen, auch wenn ich schon lange weiß, dass durch Auswahl und durch Weglassen gewisser Informationen und natürlich durch die Art der Formulierungen die „öffentliche Meinung“ stark beeinflusst wird (ob bewusst oder unbewusst, das will ich hier einmal unerörtert lassen).
Wenn ich heute Morgen in den SWR2-Nachrichten höre, dass in diesem Jahr schon 22 Journalisten von Rechtsextremisten angegriffen worden seien, darunter allein 10 im Bundesland Sachsen, dann wird der Eindruck erweckt, dass in den neuen Bundesländer tausende von Nazis ihr Unwesen treiben und dass die Demokratie in Gefahr sei. Erst anschließend wird berichtet, dass gestern ein Journalist von einem 20 m hohen Baumhaus im Hambacher Forst zu Tode gestürzt sei.
Ein Schelm, der hier weiterdenkt: ein Journalist, der nicht von Nazis bedroht wurde, stirbt, aber das wird erst an zweiter Stelle berichtet. Zuerst einmal werden 22 Journalisten vorgeschoben, auf die Rechtsextreme Attacken verübt hätten. Ich habe nicht gehört, dass einer dieser 22 Journalisten dabei gestorben ist und welcher Qualität die Attacken waren. Jeder Fall liegt sicherlich anders. Aber mit der Kollektiv-Zahl „22“ kann man schon den Eindruck erzeugen, den die Nachricht wohl erzeugen will: schlimmer als der Tod eines einzelnen Journalisten im Hambacher Forst wiegt offenbar die Tatsache, dass 22 Journalisten im vergangenen Jahr in der einen oder anderen Weise von Rechtsextremen angegangen wurden.
In dieses Bild fügt sich die Regierungskrise ein, die von einem Wackelvideo der Antifa-Gruppe „Zeckenbiss“ ausging, das am 26. August im Internet auftauchte und von den Medien und gewissen Politikern unendlich aufgebauscht wurde, so dass es schließlich als (einziger mir bisher bekannter) Beweis für „Hetzjagden“ und „Pogrome“ diente. Das sind ungeheuerliche Vorwürfe, die gerade in Deutschland schlimmste Assoziationen auslösen können. Weil der Präsident des Amtes für Verfassungsschutz die These bezweifelte, dass dieses Video „Hetzjagden“ und „Pogrome“ zeige, musste er nun aufgrund der Agitation gewisser SPD- und Grünen-Politiker seinen Hut nehmen. Aber statt nun zufrieden zu sein, gibt es jetzt in der SPD noch einen weit größeren „Sturm der Entrüstung gegen den Maaßen-Deal“.
In welchem Land leben wir eigentlich: Befinden wir uns in einem Irrenhaus oder im Kindergarten? Die durch die Ermordung eines Deutschen in Chemnitz ausgelöste Hysterie hat eine wahre Kettenreaktion ausgelöst, die nun seit knapp einem Monat von Medien und verantwortungslosen Polit-Beamten hochgeschaukelt wird.
Gewisse Deutsche geraten in Panik, weil sie allen Ernstes zu glauben scheinen, dass wir in Deutschland wieder unmittelbar vor der Machtergreifung der Nazis stehen würden, wobei natürlich an erster Stelle die demokratisch gewählte AfD gemeint ist.
Dabei wird konsequent ausgeblendet, dass die Gefahr von zwei ganz anderen Seiten droht: einerseits von der schleichenden Überfremdung unseres Volkes und unserer Kultur durch immer mehr kinderreiche islamische Kriegs-Flüchtlinge und andererseits die Überbelastung unserer Sozialsysteme durch die Zuwanderung immer mehr afrikanischer Wirtschaftsflüchtlinge.

Meine russische Freundin hat mir gestern ein Video von einem Mann geschickt, der die Deutschen ausdrücklich vor dem Islam, beziehungsweise vor den muslimischen Einwanderern warnt. Der Mann war selber Muslim, kennt den Koran sehr gut, ist aber zum Christentum übergetreten und hat auf Youtube einen Kanal, auf dem er in einwandfreiem Deutsch die Suren des Korans erläutert, die gegen die „Kufar“, die Ungläubigen, gerichtet sind. Jeder gläubige Moslem muss diese befolgen, sonst verrät er seine Religion. Die meisten Deutschen hätten keine Ahnung, was die wahren Ziele dieser „Gläubigen“ sind, die hier in ihrem Gastland allmählich ihre eigene Religion ausbreiten möchten und dabei glauben, ganz im Sinne Allahs und seines Propheten zu handeln.
Auf der anderen Seite stehen die Afrikaner, die aus primitivsten Verhältnissen ins europäische Paradies einwandern und sich sofort hier wohl fühlen, weil alles, was sie hier bekommen, mehr und besser ist als das, was sie in ihren korrupten Heimatländern erlebt und bekommen haben. Diese Menschen sind eingebunden in Stammes- und Religionszusammenhänge, die denkbar weit von unserer Art zu denken entfernt sind. Sie kommen wie die arabischen Moslems aus voraufklärerischen Gesellschaften, denken und fühlen aus den Blutskräften heraus und glauben an magische Praktiken.
In den 80er Jahren, als ich in Frankreich unterrichtete, habe ich ein Buch gekauft, das den Titel trug: „La France envoutee“ (Das verhexte Frankreich). Ich habe mit französischen Freunden viel darüber diskutiert und alle waren der Meinung, dass die afrikanischen „Hexer“ (Marabouts) einen großen Einfluss auf ihre schwarzen „Brüder“ ausüben.
Genauso wird es auch in Deutschland sein, nur dass die Deutschen von diesen Parallelwelten keine Ahnung haben.ohe

Samstag, 1. September 2018

Der Irrwahn der Zweizahl - Gedanken zur Einteilung der Menschen in "Rechte" und "Linke"


Seit den Vorfällen in Chemnitz (zu DDR-Zeiten: Karl-Marx-Stadt) ist es wieder vermehrt üblich geworden, Deutsche als „Nazis“ zu bezeichnen. 
Natürlich ist das Zeigen des Hitlergrußes unangebracht. Die strafbare Tat kann man aber auch als bewusste Provokation auffassen, wie sie Jugendliche lieben, um irgendwelche „Spießer“ zu schockieren.
Nun wird „zufällig“ gleichzeitig bekannt, dass vor knapp zwei  Monaten, am 10. Juli 2018, „eine Besuchergruppe aus dem Wahlkreis Bodensee der AfD-Bundestagsfraktionschefin Alice Weidel“ (Haller Tagblatt vom 01.09.2018), die zusammen mit einem Begleiter des Bundespresseamtes das Konzentrationslager Sachsenhausen besucht hatte, dem  Sprecher der Gedenkstätten-Stiftung Horst Seferenz während der Führung ein paar kritische Fragen zu den Verbrechen der Nazis gestellt hätten und deshalb aus dem „pädagogischen Programm“ ausgeschlossen und des Platzes verwiesen worden seien. Bei der AfD-Landtagsfraktion, so heißt es weiter in dem Tagblatt-Artikel, wisse man nicht, „Warum man so lange geschwiegen hat“. Der Vorfall sei sieben Wochen her, „so dass die Aussagen heute nicht mehr verifizierbar“ seien.
Das Lesepublikum erfährt also nichts Genaues, aber es assoziiert sogleich, je nach politischer Einstellung: Hier waren Geschichtsrevisionisten, ja vielleicht sogar Holocaustleugner am Werk, also „Nazis“. Seferenz räumte, laut Tagblatt, allerdings ein: „Dabei wurde nach unserer Wahrnehmung die Grenze zu strafbaren Äußerungen bewusst nicht überschritten.“
Das Wörtchen „bewusst“ zeigt an, dass die Besucher wie Wölfe im Schafspelz auftraten, also wie Nazis, die als kritische Bürger erscheinen wollten.
Solche unterbewussten Assoziationen werden gerne gestreut, wenn man nichts Genaues weiß. Diese Sichtweise wird auch über die zahlreichen Demonstranten in Chemnitz verbreitet, die sich mit offenkundigen Rechtsradikalen zum Protest gegen die Flüchtlingspolitik der Regierung eingefunden hatten. Seit Ex-Außenminister Sigmar Gabriel im Zusammenhang von ähnlichen Protesten in Dresden vom „Pack“ (Januar 2016) und Ex-Bundespräsident Gauck von „Dunkel-Deutschland“ (August 2015) gesprochen hat, sind alle, die nicht mit der Politik der Großen Koalition einverstanden sind und das im Gegensatz zur großen schweigenden Mehrheit bei solchen Demonstrationen auch zum Ausdruck bringen, rechts und werden als Wähler der „rechtspopulistischen“ AfD verdächtigt.
Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) hat nun sogar einen Vorstoß gemacht, die Partei vom Verfassungsschutz beobachten zu lassen. Er sagte laut Haller Tagblatt vom 01.09.2018 (Titelseite): „Diese Partei entwickelt sich in Richtung Rechtsextremismus. (…) Die Beteiligung der AfD an den Vorgängen in Chemnitz schafft neue Fakten.“
Welche Fakten Innenminister Strobl meint, wird nicht gesagt. Der Leser muss es sich selber denken.
Die Partei „Alternative für Deutschland“ ist im Jahre 2015 stark geworden, als Bundeskanzlerin Merkel ihre eigene Politik, unter anderem auch die Öffnung der Grenzen Deutschlands, als „alternativlos“ bezeichnete. Die neue Partei setzt sich für eine Schließung der Grenzen und eine strengere Asylpolitik ein. Von Anfang an hat sie davor gewarnt, dass beim unkontrollierten Grenzübertritt auch „Terroristen“ den Weg nach Deutschland finden würden. Das hat sich durch manche Ereignisse bewahrheitet. Andererseits muss man klar sehen, dass auch viele Flüchtlinge durch die Kriegserlebnisse in ihrer Heimat psychisch traumatisiert sind und bei Ablehnung ihres Asylantrages „ausrasten“.
Obwohl ich die AfD nicht gewählt habe, muss ich objektiv feststellen, dass sie in diesem Punkt leider recht behalten hat. Auch ich erwarte von der Regierung eine Revision ihrer Asylpolitik oder zumindest eine konsequentere Abschiebung von offensichtlichen Gefährdern oder Straftätern.
Wie man allerdings die „schwarzen Schafe“ aus der Menge herausfischen will, ist mir schleierhaft. In meinen Kursen waren zuletzt immer nur anständige Menschen. Allerdings gab es auch einige, die nicht durchgehalten haben und frühzeitig abgesprungen sind, insbesondere Asylbewerber aus Nigeria und Gambia[1]. Ich habe indirekt erfahren, dass gerade diese schon mehrmals durch Kaufhausdiebstähle oder Drogenhandel aufgefallen sind. Wie sie zu ihren modernen Markenkleidern und ihren Goldkettchen und Uhren gekommen sind, ist mir schleierhaft, zumal sie nicht einmal die 15 Euro hatten, um ihr Schulbuch zu bezahlen.
Wer solche Gedanken heute öffentlich äußert, wird von gewissen Personen schnell als Rassist ausgemacht. Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, ihn als „Nazi“ zu bezeichnen. Das Kains-Zeichen „Nazi“ hat in Deutschland eine existenzvernichtende Wirkung. Karrieren und sogar Freundschaften sind daran zerbrochen.
Seitdem eine Mehrheit von Wahlmännern – nicht eine Mehrheit von Wählern – am 9. November 2016 den Multimillionär Donald Trump zum neuen amerikanischen Präsidenten gewählt hat, ist die Welt in zwei Lager gespalten: in die Guten: das sind die Trump-Gegner, und in die Bösen: das sind die Trump-Anhänger. Man könnte auch sagen: in die „wahren Demokraten“ und in die „Rechtspopulisten“.
Die Demokraten stehen heute in der Regel links. Rechts stehen die Leute, die die Demokratie zerstören wollen.
So einfach ist das polare Weltbild der Gegenwart. Das kann man bis in jedes Detail erkennen: Wenn ich insbesondere den jüdischen Teil der Menschheit betrachte, dann stehen die liberalen Juden Amerikas, insbesondere Hollywoods, auf der Seite der Trump-Gegner, die zionistischen Hardliner Israels auf der Seite der Trump-Anhänger.
Rudolf Steiner spricht in einem Vortrag vom 21. November 1919 (GA 194, „Die Sendung Michaels“) vom „Irrwahn der Zweizahl“. Er behauptet, dass dieses Denken in Polaritäten der bevorstehenden Inkarnation Ahrimans den Weg bereite.
Er führt aus:
„Es ist ja eingezogen in dieses neuere Bewusstsein der Menschheit der Irrwahn der Zweizahl, und es ist hintangehalten worden die Wahrheit von der Dreizahl. (…) Das alles, was in diesem Irrwahn wirkt, das ist im Grunde Schöpfung der ahrimanischen Einflüsse, jener Einflüsse, die sich einstmals konzentrieren werden in der Inkarnation Ahrimans, von der ich Ihnen schon gesprochen habe.“
Egal, wohin man schaut: Seit Ende des Ersten Weltkrieges 1919 war die Welt zweigeteilt: in zwei Blöcke, den kommunistischen Ost- und den demokratischen Westblock. Die Grenze ging mitten durch Europa, später (1949) mitten durch Deutschland, ja mitten durch das Herz der Stadt Berlin.
Adolf Hitler versuchte in den 30er Jahren eine Art „Dritter Weg“. Aber er wendete sich gegen den michaelischen Geist[2] und diente eher den Widersachermächten. Es gab damals nur wenige, die wirklich die christlich-michaelische Mitte vertraten. Dazu rechne ich die Geschwister Sophie und Hans Scholl. Sie büßten ihren Einsatz mit dem Leben.
An der Berliner Mauer stießen zwei polare Gesellschaftssysteme aneinander. Deutschland, das eigentlich die Mission gehabt hätte, zwischen Ost und West zu vermitteln, war „ausgeschaltet“, weil hier jeder als „Nazi“ oder „Kommi“[3] verdächtigt werden konnte, der nicht die vorgegebene Politik der Siegermächte unterstützte. Adenauers „Westorientierung“ machte blind für die Mitte, die auch in der Kunst verloren gegangen war, wie Hans Sedlmayr, der bekannte Münchner Kunsthistoriker, in seinem Buch „Der Verlust der Mitte“ (1948) festgestellt hat.
Ich denke, nur wenn man ohne Sympathien oder Antipathien die Geschichte des 20. Jahrhunderts sachlich studiert, kann man zu Ergebnissen kommen, die  die plumpe und brandgefährliche Einteilung der Menschen in „Linke“ und „Rechte“ vermeidet.



[1] Dabei war für den vom deutschen Steuerzahler über das Landratsamt finanzierten Kurs Anwesenheitspflicht. Aber auch hier wurde rein gar nichts unternommen, um die „geflüchteten“ Kursteilnehmer wieder „einzufangen“. Was sie in der Zeit, in der sie eigentlich im Deutschkurs hätten sein sollen, gemacht haben, weiß niemand. Der Leiter der kleinen Privatschule, für die ich arbeite, hat zwar einigen hinterher telefoniert, aber er hat wenig Erfolg gehabt. Er sagte mir einmal im Vertrauen: „Wenn ich überflüssiges Geld hätte, dann würde ich einen Privatdetektiv beauftragen, um zu erfahren, was die jungen Männer machen anstatt ihrer Pflicht nachzukommen“.
[2] Er ließ 1935  die Anthroposophische Gesellschaft und später die Waldorfschulen verbieten.
[3] Mir gefallen die unsachgemäßen Bezeichnungen nicht. Als historisch interessierter Mensch erwarte ich, dass in einer ernsthaften Diskussion über die Schattenseiten der Geschichte trotzdem die offiziellen Bezeichnungen benützt werden und nicht verkürzte „Schimpfwörter“: Die Nationalsozialisten waren Anhänger der „Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei“, abgekürzt NSDAP, die sowjetischen Kommunisten Mitglieder der „Kommunistischen Partei der Sowjetunion“ KPdSU. Auch wenn man, wie ich, mit der Politik der beiden Parteien keineswegs einverstanden ist, so sollte man doch fairerweise die historischen Namen verwenden.

Freitag, 31. August 2018

"Feindliche Übernahme" - Gedanken zu einer These von Thilo Sarrazin


Heute jährt sich der Tag zum dritten Mal, an dem Bundeskanzlerin Merkel jenen berühmten Satz aussprach, der inzwischen zum geflügelten Wort geworden ist: „Wir schaffen das!“ Er bezog sich auf die Frage, ob Deutschland seine Grenzen für den unkontrollierten Zustrom von tausenden von Flüchtlingen öffnet, die sie spontan mit Ja beantwortete. Der Zuzug von Flüchtlingen nach Europa und insbesondere ins Wohlstands- und Sozialhilfeparadies Deutschland ist inzwischen zur „Jahrhundertfrage“ (Der Spiegel Nr. 35 vom 25. 08. 2018) geworden.
Der Satz „Wir schaffen das“ drückt einen naiven Optimismus aus. Angela Merkel erinnerte im Vorsatz daran, was Deutschland bereits alles geschafft hatte: Deutschland war nach dem verlorenen Krieg wieder zum wirtschaftlich stärksten Land in Europa geworden, das Land hat sich erfolgreich darum bemüht, die Schuld am Krieg aufzuarbeiten und wieder gut zu machen. Und die beiden Teile Deutschlands haben sich wiedervereinigt und sind trotz enormer Kosten zusammengewachsen. Alles das haben wir geschafft.
Nun erschien allerdings bereits am 30. August 2010, also exakt fünf Jahre vor dem berühmten Satz, ein Buch, in dem das Verb „schaffen“ ebenfalls vorkommt, aber in einer völlig anderen Bedeutung: „Deutschland schafft sich ab“. Darin ging es um die Tatsache, dass immer mehr türkisch- oder arabischstämmige Muslime in Deutschland leben, die wesentlich mehr Kinder bekommen als die Deutschen.
Der Autor Thilo Sarrazin hat "zufällig" ebenfalls heute sein viertes Buch veröffentlicht. Es trägt den Titel „Feindliche Übernahme“ und wiederholt im Grunde genommen nur die These des ersten Buches.
Ich habe weder das eine, noch das andere Buch gelesen. Der ehemalige Bundesbanker und Nochmitglied der SPD belegt seine These mit Zahlen und Statistiken. Ich weiß, wie sehr man solche Zahlen manipulieren kann, um sowohl das eine als auch das Gegenteil zu beweisen. Ich mag diese scheinbar mathematisch exakte Methode nicht, wenn sie auf Menschen angewendet wird, um etwas zu „beweisen“. Ich gehe lieber von eigenen Erfahrungen aus.
Ich unterrichte seit jenem Jahr 2015, als Frau Merkel beschloss, die Grenzen für die Flüchtlinge zu öffnen und viele Deutsche die Flüchtlinge willkommen hießen, Zuwanderer in der deutschen Sprache und habe Menschen aus all jenen Ländern, in die die US-Administration den „Krieg gegen den Terror“ gebracht hat, persönlich kennen gelernt.
Gerade heute habe ich einen siebenwöchigen „Intensivkurs Deutsch“ für 25 junge Zugewanderte beendet, die alle schon in die Berufsschule gehen und in den Sommerferien ihre Deutschkenntnisse verbessern wollten. Am Vormittag haben wir uns noch ein wenig auf den mündlichen Teil des DTZ („Deutschtest für Zuwanderer“) vorbereitet, der am 14. September stattfinden wird. Danach habe ich immer zwei Schülern je zehn Karteikärtchen mit Substantiven bzw. Verben ausgeteilt, mit denen sie in Partnerarbeit ein Lernspiel machen konnten: sie sollten sich gegenseitig abfragen und die in den sieben Wochen gelernten Artikel, beziehungsweise die drei Stammformen der Verben nennen.
Nach dem Spiel habe ich die Jugendlichen zu einem Eis oder Getränk eingeladen.
Einen dieser Jugendlichen aus Afghanistan, der mir schon früher als besonders interessiert aufgefallen war, nahm ich anschließend mit nach Schwäbisch Hall-Hessental, wo er wohnte. Dabei kamen wir ins Gespräch. Er ist 19 Jahre, hat bis zu seinem neunten Lebensjahr, also bis 2008, in Kabul gelebt und ist dort zwei Jahre in die Schule gegangen. Da wurde sein Vater im Kampf mit einer feindlichen Gruppe getötet. Die Mutter zog in eine andere Stadt und der Sohn nach Teheran zu seinem Onkel. Da der Neunjährige keinen Pass hatte, durfte er sich nicht auf der Straße zeigen, konnte also auch nicht die Schule besuchen oder einen Job annehmen. Sein Onkel war ein strenggläubiger Schiit und  verlangte von seinem Neffen, dass er regelmäßig in die Moschee ging. Als der Junge sich weigerte, wurde er geschlagen. Er wurde also mit Gewalt zum islamischen Glauben gezwungen. Das kann im Grunde auch nicht anders sein, denn „Islam“ heißt – wörtlich übersetzt – „Unterwerfung“[1]. In dieser Religion gibt es für Freiheit keinen Platz.
Vor zwei Jahren kam der Junge über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich nach Deutschland. Er „reiste“ meist in Lastwagen oder Bussen, begleitet von verschiedenen anderen befreundeten jungen Männern, aber ohne Angehörige. In Deutschland angekommen, musste er erst einmal das lateinische Alphabet lernen. Im letzten Juli hat er seinen Hauptschulabschluss gemacht. Jetzt sucht er eine Arbeitsstelle im Metallbereich.
Während des Gesprächs erfuhr ich, dass er sich in Deutschland zum Christentum bekehrt hat und nun regelmäßig in die Kirche geht, und zwar freiwillig. Jeden Sonntag gibt es einen Gottesdienst von der freikirchlichen Gemeinschaft mit Gitarrenmusik. Das gefällt dem jungen Mann, der durch einen Freund zu der Gemeinde stieß. Jeden Freitagabend treffen sich die Jugendlichen mit einem der Geistlichen, reden über Jesus und machen Spiele.
Als sich der junge Afghane für das Christentum entschieden hat, hat er viele islamische Freunde verloren, dafür aber neue christliche gefunden.
Am meisten erstaunt hat mich, als ich von ihm erfuhr, dass auch das ältere Ehepaar aus dem Iran, das ich 2015 in meinem ersten Deutschkurs als Schüler unterrichtete, zum Christentum übergetreten und Mitglied in der Hessentaler Gemeinde geworden ist. Dieses Ehepaar tat sich wegen ihres fortgeschrittenen Alters sehr schwer mit Schrift und Sprache, war aber allezeit sehr bemüht, vor allem die Frau. Neulich haben wir uns wieder einmal zufällig in der Stadt getroffen. Ich bin selten von Menschen so herzlich umarmt worden wie von diesen lieben Alten aus Isfahan.
Ich lerne also in meinen Kursen immer mehr Schüler kennen, die heimlich zum Christentum übergetreten sind. Natürlich haben sie dadurch auch gewisse Vorteile und größere Hilfe bei der Anerkennung als Asylanten. Aber das ist mit Sicherheit nicht der einzige Grund. Die meisten dieser Menschen sind einfach religiös und nehmen auch ihren neuen Glauben ernst.
Diese ehemaligen Moslems werden vielleicht in wenigen Jahren die christlichen Kirchen, die sich in den vergangenen Jahren kontinuierlich geleert haben, wieder füllen.



[1] Manche übersetzen den Begriff auch mit dem Wort „Hingabe“. Aber der Ausdruck „Unterwerfung“ trifft das Wesen dieser Religion besser. Thilo Sarrazin wird in Deutschland für seine Bücher zum Thema Islam wenig geliebt. Ein anderer Autor, der sich vor zwei Jahren mit dem gleichen Thema befasste, allerdings in Romanform, wird dagegen gefeiert: Michel Houellebecq veröffentlichte am 7. Januar 2015 in Frankreich seinen Roman „Submission“, der praktisch gleichzeitig auch in Deutschland unter dem Titel „Unterwerfung“ erschien. Die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ hatte aus diesem Anlass den Autor aufs Titelbild gesetzt. Am Tag des Erscheinens des islamkritischen Romans geschah der Angriff auf die Redaktion des Magazins, bei dem mehrere leitende Redakteure getötet wurden.

Samstag, 5. Mai 2018

War Karl Marx ein Antisemit?


Heute wird auf der ganzen Welt des 200. Geburtstages von Karl Marx gedacht.
In Trier wird an diesem Tag eine fünf Meter fünfzig hohe Monumentalstatue des Mannes enthüllt, welche die Kommunistische Partei der Volksrepublik China der Geburtsstadt ihres Vordenkers anlässlich des runden Jubiläums gestiftet hat. Karl Marx ist dort in der Brückenstraße 10 am 5. Mai 1818 geboren und hat die ersten 17 Jahre in der zur preußischen Rheinprovinz gehörenden katholischen Bischofsstadt mit damals ungefähr 12000 Einwohnern gelebt. Trier war nach dem Wiener Kongress 1815 preußisch geworden; vorher war die Stadt französisch und viele seiner Bürger genossen die Freiheit, die ihnen die französische Verfassung mit ihren Menschenrechten bot.
Marx' Großväter väterlicher- und mütterlicherseits waren Rabbiner in Trier. Marx' Vater, ein Rechtsanwalt, ließ sich im Jahre 1816 oder 1817 protestantisch taufen. In Preußen waren die Juden 1815 von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen worden „und durch ein Votum des Innenministers vom 4. Mai 1816 wurde der Begriff des öffentlichen Amtes  unter anderem auch auf die Rechtsanwaltspraxis und die Führung einer Apotheke ausgedehnt.“[1]
Der Übertritt des Rabbinersohnes zum christlichen Glauben geschah also nicht aus Überzeugung, sondern aus Kalkül. „Dieser Schritt bedeutete den völligen Bruch mit seiner Familie. Sein Bruder Samuel starb 1827 als Oberrabbiner von Trier.“[2] Karl Marx wurde mit sechs Jahren am 26. August 1824 getauft.
Der Marx-Biograf Werner Blumenberg schreibt: „Die Vorfahren des Vaters wie der Mutter waren seit Generationen Rabbiner gewesen; es entsprach alter Sitte, dass die Kinder von Rabbinern wieder mit solchen verheiratet wurden.“
Rabbi konnte werden, wer aus den beiden Priesterfamilien der Levi oder der Cohen stammte. Aus einer solchen stammte der Großvater von Karl Marx, Meier Halevi Marx, der Rabbiner von Trier. Sein ältester Sohn war Heinrich, der ihm in dem Amte folgte, also Karl Marx‘ Onkel.
„Die jüdischen Gemeinden besaßen im Mittelalter, das bei den Juden bis etwa 1800 reicht, in ihren inneren Angelegenheiten Autonomie. Die Gemeinden führten wirtschaftlich, religiös und kulturell ein Eigenleben; ihr Vertreter gegenüber Stadt und Staat war vor allem der Rabbiner. (…) Der Rabbiner war weniger Seelsorger und Prediger; er war vor allem Lehrer und Gelehrter.“[3]
Diese Gelehrten verwendeten ihr ganzes Leben auf das Studium der Heiligen Schriften und fertigten bei Streitfragen entsprechende „Gutachten“ (Responsen) an.
„Ein Blick in die Literatur über diese Normen, die hermeneutische Induktion, Analogie, Antinomie oder den Syllogismus, gibt einen Eindruck von dieser bis zu den letzten Möglichkeiten der Exegese vordringenden, äußerst scharfsinnigen und häufig zu Spitzfindigkeiten führenden Methode.“[4]
Karl Marx steht mit seiner Hauptschrift „Das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie“ (1867), das seinen „Scharfsinn“ offenbart, ganz in der Tradition der rabbinischen „Auslegungen“. Dabei spricht er rein theoretisch schlussfolgernd über ein Thema, das er im praktischen Leben keinesfalls beherrschte. Alle Biografen sind sich einig, dass weder Karl Marx noch seine Frau Jenny mit Geld umgehen konnten. Wenn Geld da war, gaben sie es mit vollen Händen für ihren gewohnten bürgerlichen Luxus aus, wenn keines da war, hofften sie auf ein erneutes Erbe oder bettelten den Kapitalisten Friedrich Engels an. Karl Marx war in jeder Hinsicht, gemessen an seinen eigenen Schriften, ein wandelnder Widerspruch. Aber er war zweifellos sehr intelligent.
In der bedeutenden Biografie des nach Matin Luther und Konrad Adenauer bekanntesten Deutschen (ZDF-Umfrage 2004) von F. Mehring (1918) wird Karl Marx‘ jüdische Herkunft nur am Rande gestreift. Das beklagt der jüdische Autor Eugen Lewin-Dorsch 1923 in der Zeitschrift „Die Glocke“ in seinem Beitrag „Familie und Stammbaum von Karl Marx“. Dort führt er aus:
„Mehring meint zwar, dass schon der Vater von Marx ‚in frei menschlicher Beziehung gänzlich aus dem Judentum herausgewachsen‘ sei, dass der Sohn ‚diese völlige Freiheit von aller jüdischen Befangenheit als wertvolles Erbe aus seinem Elternhaus übernommen‘ habe, oder dass sich in den Briefen des Vaters an seinen Sohn ‚keine Spur von jüdischer Art und Unart‘ verrate. Mit einer solchen ausweichenden, zugleich geringschätzigen und kenntnislosen Beurteilung der Sache ist wenig anzufangen. Sie berührt lediglich die Oberflächenschicht des seelischen Lebens, das Bewusstsein des Individuums von sich selbst, aber sie dringt nicht in die Tiefe, dorthin, wo sich die Kräfte der Persönlichkeit unsichtbar und geheimnisvoll bilden. ‚Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirn der Lebenden‘, hat Marx selber gesagt. Und wenn wir die ganze Menschlichkeit dieses Mannes verstehen wollen, so müssen wir auch das Erbe seiner rabbinischen Herkunft in Anschlag bringen, ein Erbe, dessen Größe ihm selber wohl nie ins Bewusstsein getreten ist.“[5]
Nun hat sich Karl Marx in seiner Frühschrift „Zur Judenfrage“ (1844) selbst über sein Verständnis des Judentums geäußert. Während im Lutherjahr 2017 immer wieder auf die angeblich antisemitischen Tendenzen im Werk Martin Luthers Bezug genommen wurde[6], sind solche im Karl-Marx-Jahr 2018 für Marx bisher weitgehend ausgeblendet worden. Dabei kann man in Marx‘ Schrift Sätze lesen, die der neue Antisemitismus-Beauftragte der Bundesrepublik mit Sicherheit unter Antisemitismus-Verdacht stellen würde. Da heißt es zum Beispiel (Originalton Karl Marx):
„Betrachten wir den wirklichen weltlichen Juden, nicht den Sabbatsjuden, (…), sondern den Alltagsjuden. Suchen wir das Geheimnis des Juden nicht in seiner Religion, sondern suchen wir das Geheimnis der Religion im wirklichen Juden. Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“
Karl Marx sprach hier mit Sicherheit nicht nur theoretisch, sondern aus Erfahrung. Und diese Erfahrung kann bis heute gemacht werden, wenn man zum Beispiel nach der familiären Herkunft der reichsten Banker, Börsenmakler und Hedge-Fonds-Eigentümer fragt.[7]
Marx fährt fort:
„Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein andrer Gott bestehen darf. Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen – und verwandelt sie in Ware. Das Geld ist der allgemeine, für sich selbst konstituierte Wert aller Dinge. Es hat daher die ganze Welt, die Menschenwelt wie die Natur, ihres eigentümlichen Wertes beraubt. Das Geld ist das dem Menschen entfremdete Wesen seiner Arbeit und seines Daseins, und dies fremde Wesen beherrscht ihn und er betet es an. Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden.“
Dieser scharfsinnigen Analyse der Realität ist eigentlich nichts hinzuzufügen. Die Ideen aus dem „Kapital“ wie zum Beispiel der durch Marx zuerst geprägte Begriff der „Entfremdung“ tauchen in dieser Frühschrift zum ersten Mal auf.
Aber Karl Marx, der getaufte Jude, geht noch weiter, wenn er schreibt:
„Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist. Die Juden haben sich insoweit emanzipiert, als die Christen zu Juden geworden sind.“[8]
Dieser tiefsinnigen Analyse kann man wohl zustimmen, wenn man sie anhand konkreter Beispiele vorurteilslos bis zu Ende durchdenkt.[9]
Marx‘ beide berühmtesten Schriften, „Das kommunistische Manifest“ und „Das Kapital“, sind erst nach seinem Tode (1883) wirklich bekannt und wirksam geworden. Die Ironie der Geschichte war, dass es besonders jüdische Sozialisten waren, die diese Ideen aufgriffen, verkürzten und aus ihnen das Fundament ihrer Bewegung machten, die unter Lenin und Trotzki zum Beispiel den russischen Zar stürzten und den Terror der Bolschewiki nach Russland brachten, dem Millionen von unschuldigen Russen zum Opfer fielen.
Die maßgeblichen kommunistischen Akteure des Sowjetstaates waren atheistische Juden, die in Karl Marx eine Art „neuen Moses“ sahen[10].



Nun kann man natürlich Karl Marx nicht direkt für diese Blutströme der Russischen Revolution und die auf sie folgende Installation des menschenverachtenden Sowjetsystems verantwortlich machen, genauso wenig, wie man Martin Luther für das Gemetzel des Dreißigjährigen Krieges verantwortlich machen kann.
Dennoch scheint mir bei diesen beiden Vordenkern das „Gesetz der hundert Jahre“ wirksam zu werden: Obwohl es nicht die Absicht Martin Luthers war, die christliche Kirche zu spalten, führten doch seine 95 Thesen im Jahre 1517 zu eben dieser. Fast genau hundert Jahre später brach der Dreißigjährige Krieg aus, in dem Katholiken gegen Protestanten und Protestanten gegen Katholiken kämpften.
Ähnlich verhält es sich mit Karl Marx: Beinahe 100 Jahre nach seiner Geburt führten Bolschewiken in seinem Namen die Oktoberrevolution in Russland durch, die dem russischen Volk  70 Jahre Terror und Unterdrückung auferlegte.



[1] Werner Blumenberg, Karl Marx in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1962, S 15
[2] a.a.O., S 15
[3] a.a.O. S 13
[4] a.a.O. S 13f
[5] Zitiert nach Blumenberg, a.a.O. S 11
[6] Dabei stand besonders seine Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) im Fokus, die ein wichtiges Dokument der Bewusstseinsgeschichte darstellt und den damals herrschenden Geist sehr gut beschreibt. Wenn man die Schrift natürlich aus heutiger Bewusstseinslage liest, dann hat man ganz andere Assoziationen.
[7] Einer der reichsten Männer der Gegenwart, Larry Fink, der Vermögensverwalter der Finanz-Firma „Blackrock“, ist jüdischer Herkunft. Der Band „Wem gehört die Welt – die Machtverhältnisse im globalen Kapitalismus“ von Hans-Jürgen Jakobs aus dem Münchner Knaus-Verlag (Mitglied der Random-House-Gruppe) aus dem Jahre 2016 führt viele weitere Beispiele an – ohne natürlich die jüdischen Bezüge zu nennen. Das wäre in solchen Zusammenhängen wieder „antisemitisch“.
[8] Die Zitate entnehme ich dem Aufsatz „Der ausgeblendete Antisemitismus“ von Karlheinz Weissmann in der Wochenschrift „Junge Freiheit“ Nr. 19/2018 vom 4. Mai 2018, S 19
[9] Ich möchte in diesem Zusammenhang an den Betrug mit der Abschalt-Software in Dieselfahrzeugen erinnern, der zwei große deutsche Vorzeigefirmen seit 2014 in Verruf gebracht hat: Volkswagen und Bosch. Der neue VW-Chef möchte Volkswagen nun wieder „ehrlicher“ machen, sagt er. Unter der Shareholder-Value-Mentalität, die vor allem den Gewinnen der Aktionäre und der Börsenspekulanten geschuldet ist, haben sich auch deutsche Unternehmen zu Handlangern des Kapitals machen lassen.
[10] Siehe die gründliche Untersuchung „Jüdischer Bolschwismus“ – Mythos und Realität von Johannes Rogalla von Bieberstein, Edition Antaios, 2003/04