Freitag, 11. Oktober 2019

Die Verwahrlosung der Kultur, ihre Auswirkungen und ihre Ursachen - eine Untersuchung


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Gestern entschied das Nobel-Komitee in Stockholm, dem Dichter Peter Handke den Literaturnobelpreis zu verleihen. Obwohl ich kaum einen von seinen vielen Texten gelesen habe, erschien er mir schon immer als eine verwandte Seele. Er ist am 6. Dezember 1942 geboren, also zehn Jahre älter als ich. 
Er wird als ein Mensch bezeichnet, „der sich selbst beim Weltbeobachten beobachtet“. 
Ähnliches könnte ich auch über meinen Schreibstil sagen, vor allem, wenn ich an meine Tagebücher vom Ende der 60-er Jahre denke. 
Sympathisch finde ich auch, dass er den Jugoslawien-Krieg immer wieder verurteilt hat. Er hat lange dem Vielvölkerstaat nachgetrauert. Er fühlt sich auch sehr mit der slowenischen Minderheit von Kärnten verbunden, wo er geboren wurde. 
Auch wenn er seit vielen Jahren in Paris wohnt, so scheint in ihm doch eine slawische Seele zu leben.

Durch die gestrige Ankündigung, neben dem österreichischen Schriftsteller Peter Handke (für 2019) auch der polnischen Schriftstellerin Olga Tokarczuk (geboren am 29. Januar 1962, also zehn Jahre nach mir) den Nobelpreis (für 2018) zu verleihen, habe ich Interesse an dieser Frau gewonnen, die mir zuvor völlig unbekannt war. Immerhin hat sie mehrere Jahre in Breslau, der Heimatstadt meiner Mutter, gelebt und 1998 mit „Taghaus, Nachthaus“ (dom dzienny, dom nocny) einen Roman über die Vertreibung der Deutschen aus ihrer ursprünglichen Heimat geschrieben.[2]
Schon der Vorgänger-Roman „Ur und andere Zeiten“ (1996) scheint mir interessant zu sein: er ist aus der Perspektive der vier Erzengel erzählt. Ich werde mir die beiden Bücher auf jeden Fall besorgen. Ihr letzter Roman „Die Jakobsbücher“ (2014), der eben auf Deutsch erschienen ist, ist ein Epos von 1200 Seiten, in dessen Mittelpunkt der Jude Jakob Josef Frank (1726 – 1791) steht, der im 18. Jahrhundert gelebt hat, sich zuerst zum Islam und dann zum Christentum konvertiert hat, um schließlich viele Menschen als neuer Messias zu verführen.[3] Wie bekannt und einflussreich dieser Mann, von dem ich noch nie etwas gehört hatte, war, wird mir erst bewusst, als ich eben die Wikipedia-Seite aufschlug, die sein Leben und Wirken beschreibt.

Nun fällt die Verkündigung der beiden Nobelpreisträger unmittelbar zusammen mit der Aufregung, die ein 27-Jähriger durch den geplanten Anschlag auf die Synagoge in der Stadt Halle an der Saale ausgerechnet am heiligsten Tag des jüdischen Kalenders, dem Yom Kippur-Tag,  gemacht und dabei zwei Menschen, eine 40-jährige Frau und einen 20-jährigen Mann getötet hat.
Überall in Deutschland und natürlich auch in Israel wird nun wieder über den angeblich zunehmenden „Antisemitismus“ geredet. Wie immer wird das in den Medien breit ausgetreten ohne nach den wahren Hintergründen zu suchen. 
Diese neue Hysterie erscheint mir gerade in dem Augenblick bewusst gefördert zu werden, wo tatsächlich breiteren Kreisen der Bevölkerung immer mehr bewusst wird, welche entscheidende Rolle Juden im Finanzwesen und in den Medien spielen.
Wenn Bundeskanzlerin Merkel gestern auf dem Gewerkschaftstag der IG Metall von der „Verwahrlosung“ der Sprache redete, oder wenn man erfährt, dass der junge Mann die meiste Zeit zu Hause am Rechner mit dem Spielen von Onlinespielen verbracht hat, seine Tat gefilmt und live auf eine entsprechende Seite ins Internet übertragen hat, dann muss man ein bisschen tiefer schauen, um die Ursachen für solche Entwicklungen zu verstehen.
Aber das tun die Medien nicht.
Sie bleiben an der Oberfläche und tun nichts anderes als wieder einmal den „Antisemitismus“ und die AfD anzuprangern, die nun als geistige Brandstifterin hingestellt wird. Bestimmte Leute zaubern sofort Sündenböcke aus dem Hut.
Das bringt aber niemanden weiter, der ein bisschen weiter denkt.
Ich habe mich sofort an das Orwell-Jahr 1984 erinnert, als das Privat-Fernsehen in Deutschland eingeführt wurde. Überall an den Häuserfassaden in den Stadt-Vierteln, in denen eher die Unterschichten wohnten, wurden Satelliten-Schüsseln angebracht. Oft konnte ich auf solchen Parabol-Antennen, die die Größe einer großen Salatschüssel hatten, den beziehungsreichen Schriftzug „Sat-An“ lesen, was für „Stelliten-Anlage“ stand.
Es war die Regierung Kohl, die 1982 mit dem Ziel einer „geistig-moralischen Wende“ an die Regierung gekommen war und den Ausbau der Breitbandverkabelung unter ihrem Postminister Schwarz-Schilling vorantrieb, die am 1. Januar 1984 zunächst in der BASF-Stadt Ludwigshafen und dann in ganz West-Deutschland das  Privatfernsehen einführte.
Damit war die Büchse der Pandora geöffnet worden, die zum Niedergang nicht nur der Sprache, sondern auch der Kultur führte. 
Dieser Akt war nur der erste von drei Schritten. 
Maßgeblich beteiligt war dabei Kohls Duzfreund Leo Kirch[4], der nicht nur über ein riesiges Archiv an Spielfilmen verfügte, das er seit 1955 kontinuierlich aufgebaut hatte und mit dem er viel Geld verdiente, sondern auch den Privatsender Pro Sieben Sat1 besaß, der später an den internationalen Medienhändler Haim Saban[5] weiterverkauft wurde, von dem es heißt, dass er die Hälfte der Medien weltweit kontrolliert.
Der zweite Schritt war die Entwicklung von Videospielen (games), die im Silicon Valley zusammen mit der übrigen IT-Technik (IBM, Apple, Microsoft) und dem worldwide web (www[6]) vorangetrieben wurde, weil man damit ebenfalls viel Geld verdienen kann.
Wenn man untersucht, wer am Beginn der Entwicklung solcher Videospiele steht, dann kommt man immer wieder zu dem Namen Marc Horowitz, der im Jahre 1990 die Firma „Rambus“[7] gründete, und natürlich zum industriell-militärischen Komplex der USA.
Diese Spiele nannte der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller einmal eine „Einübung auf Auschwitz“.
Seit dem Attentat auf zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch am 15. März 2019 finden es sogenannte „Gamer“ cool, ihre realen Tötungen ins Internet zu stellen, als wären es Ego-Shooter-Spiele.
Das ist nun der dritte bedeutsame Schritt auf dem Weg.
Was wir eben erleben, hat weniger mit Antisemitismus zu tun als mit den Geistern, die gewisse Leute riefen und die sie nun nicht mehr loswerden. Dabei sind die Synagogen von Halle oder Pittsburg[8] nur Symptome für die dumpfen Gefühle der fehlgeleiteten Atten-Täter, die sich unbewusst gegen die dahinterstehenden Mächte richten, die sie fatalerweise mit „den“ Juden identifizieren.
So schrieb der Attentäter von Halle (laut Bild-Zeitung vom 11.10.2029) in seinem „Manifest“:
„Und die Wurzel all dieser Probleme ist der Jude.“
Der Grundirrtum dabei ist, dass es „den“ Juden gar nicht gibt. Gemeint sind immer nur bestimmte, sehr einflussreiche Juden, die eine solche Tat natürlich sofort instrumentalisieren, um jede Kritik an ihnen zu immunisieren, indem sie sie mit der Antisemitismus-Keule abwehren.
„Wehe, du kritisierst einen Juden! Dann wirst du Ziel von Shitstürmen und mehr!" 
Und da spielt eine verwahrloste Sprache plötzlich keine Rolle mehr. Dann ist alles nur „hate-speech“ und muss ausgemerzt werden. 
Adolf Hitler und seine Paladine identifizierten einst die Juden mit dem "Bösen“ schlechthin, das sie vernichten wollten, um die Welt wieder "gut" zu machen. Heute werden von „der Mehrheit“ die sogenannten „Rechten“ und die „Antisemiten“ als die Bösen abgestempelt, die es zu „vernichten“ gilt.
Der neue Hashtag "Halt die Fresse!" ist nur ein erstes Zeichen dieser anderen Sprachverwahrlosung.
Da kommt ein computerspielgeschädigter, empathieloser, vieleicht sogar ich-loser junger Mann gerade rechtzeitig.



[2]Dom dzienny, dom nocny (Taghaus, Nachthaus, 1998), wenn auch formell ein Roman, ist eher ein Flickenteppich lose miteinander verbundener Texte, Skizzen und Essays über Gegenwart und Vergangenheit in der Wahlheimat der Autorin, einem Dorf im Waldenburger Bergland nahe der polnisch-tschechischen Grenze. Wenn auch Tokarczuks schwierigstes Buch, zumindest für jene, die mit der Geschichte Mitteleuropas nicht vertraut sind, ist es das einzige, das bislang ins Englische übersetzt worden ist.“ (Wikipedia)
[4] Kirch war laut Wikipedia auch Trauzeuge bei Helmuth Kohls zweiter Hochzeit am 8. Mai 2008. https://de.wikipedia.org/wiki/Leo_Kirch
[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Haim_Saban. Er soll gesagt haben: „Ich bin ein Kerl mit nur einem einzigen Interesse und mein einziges Interesse gilt Israel.“ 
[6] Der Buchstabe Waw hat im Hebräischen den Zahlenwert „6“. Man kann also die Buchstabenfolge „www“ auch als die biblische Zahl des Tieres „666“ lesen.
[8] Dort fand am 27. Oktober 1918, also vor knapp einem Jahre ebenfalls ein Anschlag auf eine Synagoge statt, bei der der Täter am Sabbat elf Menschen tötete. https://en.wikipedia.org/wiki/Pittsburgh_synagogue_shooting

Dienstag, 8. Oktober 2019

Wer ist Robert Zoellick? - "Die spirituellen Hintergründe des Mauerfalls" (3. Teil)



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Gestern habe ich meinen Text unter dem Titel „Der Schachzug des Robert Zoellick“ auf meinem Weblog „Kommentare zum Zeitgeschehen“ veröffentlicht.[1] Ich verstehe ihn als notwendige Ergänzung zu meinem letzten Blog-Eintrag „Die spirituellen Hintergründe des Mauerfalls“.

Wenn ich mir das Gesicht des „Beraters“ Zoellick anschaue, dann erinnert es mich immer wieder von ferne an die Büste des Ahriman von Rudolf Steiner (siehe Foto). Damit möchte ich nicht sagen, dass der am 25. Juli 1953 geborene Mann identisch ist mit Ahriman, sondern dass ich ihn für einen Diener Ahrimans halte.
Wenn man wissen möchte, wie die deutschen Vorfahren des „im lutherischen Glauben“ Erzogenen mit Familiennamen geheißen haben mögen, dann fällt mir als erstes der Name „Selig“ ein. Die „Seligkeit“ oder mittelhochdeutsch „saelde“ war das höchste Glück, dass ein Mensch auf Erden erreichen konnte; damit war kein äußeres Glück, sondern ein inneres gemeint, so wie es in Wolfram von Eschenbachs „Parzival“ als dritte und höchste Stufe eines Entwicklungsganges, der von der „tumbheit“ und über den „zwifel“ führt, beschrieben hat. 
Robert Zoellick ist an einem 25. Juli geboren. Das ist einerseits der Tag des Apostels Jakobus, andererseits der Tag des Heiligen Christophorus, des „Christus-Trägers“.
Der Jurist war nach dem Rücktritt von Paul Wolfowitz[2] von 2007 bis 2012 der elfte Präsident der Weltbank, davor der „managing director“ von Goldman Sachs.
Robert Zoellick war von Anfang an, das heißt seit dem Regierungsantritt Ronald Reagans, Mitglied der republikanischen Partei, Sympathisant des PNAC (Project for an American Century)[3] und Mitunterzeichner eines offenen Briefes an Präsident Clinton, in dem am 26. Januar 1998 behauptet wurde, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen und dass es notwendig sei, Saddam Hussein von der Regierung zu entfernen.
In dem Brief heißt es unter anderem:
„We urge you to (…) enunciate a new strategy that would secure the interests of the U.S. and our friends and allies around the world (…). That strategy should aim, above all, at the removal of Saddam Hussein’s regime from power.”
Gute drei Jahre später wurde das geopolitische Projekt als Teil des auf den 11. September 2001 folgenden „War on Terror“ umgesetzt und das „Amerikanische Jahrhundert“ eingeleitet.
Der „Berater“ aller republikanischen US-Präsidenten ist, wie erwähnt, Mitglied im einflussreichen amerikanischen Think Tank „Council on Foreign Relations“, in der „Trilateralen Kommission“ und war laut der deutschen Wikipedia-Seite neunmal Teilnehmer an den Treffen der „Bilderberg-Gruppe“[4], einer informellen Zusammenkunft wichtiger Staatsmänner an verschiedenen Orten der Welt.
Man kann sagen, dass er nicht nur der entscheidende „Player“ bei der Zerstörung der Sowjetunion war, indem er am 30. Mai 1990 Michael Gorbatschow im Weißen Haus „über den Tisch zog“, wie ich in meinem vorigen Beitrag nachgewiesen habe, sondern auch einer der wesentlichen Architekten des durch die Kriege gegen die sieben Schurkenstaaten, die Präsident Bush als „Axis of Evil“ bezeichnete, begonnenen Projekts für ein „Amerikanisches Jahrhundert“, das mit dem Donnerschlag vom 11. September eingeleitet worden ist.
Seine juristische Karriere begann Zoellick nach seinem Abschluss, den er an der Harvard Law School im Jahre 1981 mit dem Prädikat „summa cum laude“ gemacht hatte, als Rechtsanwalt-Assistent von Patricia Wald im „United States Court of Appeals for the District of Columbia Circuit“.
Dieses Berufungsgericht ist das kleinste von insgesamt dreizehn US-amerikanischen Berufungsgerichten und liegt im kleinsten „Bundesstaat“ der USA, im „District of Columbia“ (D.C.), in unmittelbarer Nachbarschaft zum Regierungssitz in Washington D.C.
Patricia Wald (1928 – 1919) war als erste Frau vorsitzende Richterin („Chief Judge“) an diesem Berufungsgericht. Nach ihrer Graduation hatte sie als Gerichtsassistentin Anfang der 50er Jahre die Berufungssache der später zum Tode verurteilten amerikanischen Spione Julius und Ethel Rosenberg behandelt, die als aktive Kommunisten bereits 1949 zusammen mit Ethels Bruder David Greenglass, der in Los Alamos („Manhattan Project“) arbeitete, die Pläne für die amerikanische Atombombe verrieten und so das sowjetische Nuklearprogramm erst ermöglichten, das der Idealist Michael Gorbatschow nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl im Jahre 1986 wieder auflösen wollte.
In der Zeit, als Robert Zoellick unter Richterin Wald im besagten Berufungsgericht arbeitete (1982 – 1983), entstand in New York der elfte Film von Woody Allen, der den merkwürdigen Titel „Zelig“ trägt. Die Filmhandlung erinnert mich in gewisser Weise an Robert Zoellick und ich sehe hier einen inneren Zusammenhang zwischen dem „Berater“ der US-Präsidenten und dem „kleinen Juden“ Leonard Zelig (gespielt von Woody Allen), der wie ein Chamäleon immer wieder neue Identitäten annimmt, weil er keine eigene hat. Am Ende wird er sogar ein Berater Adolf Hitlers. Durch die Liebe einer Frau, seiner Psychiaterin Eudora (gespielt von Mia Farrow aus „Rosemarys Baby“), findet er schließlich zu sich selbst und wird in Amerika als Held gefeiert. Diesen Zelig gab es nie, obwohl Woody Allen ihn durch allerlei Dokumentarfilmmaterial, das er geschickt manipuliert, in die Zeitgeschichte einbaut und wie eine historische Persönlichkeit erscheinen lässt.
Ähnlich wie die fiktive Figur des Zelig in Woody Allens „Mockumentary“[5] erscheint Robert Zoellick immer wieder in neuen Zusammenhängen und spielt dabei im Hintergrund immer eine entscheidende Rolle, ohne dass er – ähnlich einem Chamäleon – ganz klar zu greifen ist.

Montag, 7. Oktober 2019

Der Schachzug des Robert Zoellick (Die spirituellen Hintergründe des Mauerfalls, Teil 2)



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Gestern (06.10.2019) sah ich unmittelbar im Anschluss an die Ausstrahlung von Florian Henckel von Donersmarcks Meisterwerk „Das Leben der anderen“ (Deutschland 2006) auf Arte eine Dokumentation, die mir die Augen weit öffnete und den größten Teil meiner bösen Ahnungen bestätigte, wie Michael Gorbatschows humanitärer Impuls von 1989 von den westlichen Siegermächten – allen voran Großbritannien und Amerika – pervertiert wurde:
„Der schwierige Weg zur Deutschen Einheit - Das Ringen um die Zwei-Plus- Vier Verhandlungen“ von Ulrich Stein und Gerhard Spörl (Deutschland 1919)


Leider spielte der deutsche Kanzler darin eine eher traurige Rolle. Das aller erbärmlichste war jedoch, wie die Westdeutschen die ostdeutschen Verhandlungspartner behandelten: als Menschen zweiter Klasse. Wenn ich das heute sehe, dann wundert mich nicht mehr, wenn sich viele Ostdeutsche in Ermangelung der richtigen Alternative heute rechten Ideologien zuwenden.

Die Sendung über den „schwierigen Weg zur Wiedervereinigung“, diese „Geschichtsstunde“ kann ich eigentlich nur weiterempfehlen und ich habe es auch auf Facebook getan.
„Die weltpolitischen Entscheidungen von damals haben Auswirkungen bis heute!“, so heißt es richtig zu Beginn der Dokumentation. Sie haben Deutschland die Einheit geschenkt, aber nicht der Welt. Mit welchem Preis die deutsche Einheit erkauft worden ist, das schlüsselt der Film detailliert auf.

Die Sowjetunion, vertreten durch den damaligen Außenminister Schewardnadse, forderte im März 1990 die militärische und politische Neutralität Deutschlands, wie es bereits Stalin in seiner Note vom März 1952 als Gegenleistung für eine vorgeschlagene deutsche Wiedervereinigung gefordert hatte.
Bertrand Dufourcq, der französische Delegationsleiter, sagt in der Dokumentation, also 30 Jahre später: „Frankreich hätte die Neutralität Deutschlands niemals akzeptiert. Das war von Anfang an völlig ausgeschlossen!“
Das entsprach genau der „Marschroute“ der USA unter Außenminister James Baker und seinem Berater Robert Zoellick, dem deutschstämmigen Mitglied des „Council of Foreign Relations“. Dieser spätere Goldman Sachs Berater[1] schien mir in Wirklichkeit die Strippen in der US-Delegation zu ziehen. Natürlich war die damals noch existierende DDR von einer Nato-Mitgliedschaft Deutschlands nie begeistert. Sie sah die Sowjetunion nicht als Feind, sondern als „größeren Bruder“.
Thilo Steinbach, der Delegierte der DDR unter dem Außenminister Markus Meckel, sagt: „Die DDR wollte nicht dazu beitragen, dass Gorbatschow innenpolitisch zusätzlich destabilisiert wird.“ In seinen handschriftlichen Notizen zum Entwurf des 2+4-Vertrages steht: „Die Schlüsselfrage ist das Kräftegleichgewicht“. Man muss ergänzen: zwischen Ost und West. Er bestärkt seine Ansicht, wenn er sagt: „Die Russen waren für uns per se nicht der Feind!“ Ihm ist bewusst, dass die friedliche Entwicklung im Osten nach dem Mauerfall nur durch ein „positives Begleiten durch Moskau möglich war“.
Am 14. Mai 1990 schickte Bundeskanzler Helmuth Kohl seinen Sicherheitsberater Horst Teltschick mit zwei deutschen Bankern in geheimer Mission nach Moskau, um den Kreml, der im Sommer 1990 zahlungsunfähig gewesen wäre, mit einem Fünfmilliardenkredit zu stützen; man könnte auch sagen: zu kaufen.
Michael Gorbatschow kommt am 30. Mai 1990 nach Washington. Präsident Bush Senior bietet ihm ein Handelsabkommen an, aber dafür soll er politische Zugeständnisse machen. Zoellick schlug Präsident Bush vor, Präsident Gorbatschow nicht zu sagen, dass Deutschland Teil der Nato sein solle, sondern ihm zu sagen, dass Deutschland selber entscheiden solle, welchem Bündnis es angehören wolle.
Das war die Falle. Hier sehe ich den historischen Moment, der alles weitere bestimmte.
Natürlich hätte Westdeutschland nie selber entscheiden können, dass es neutral bleiben wolle, und die zerfallende DDR erst recht nicht. Selbstverständlich musste auch ein wiedervereinigtes Deutschland die „Marschroute“ einhalten, die Washington vorgab, also die Mitgliedschaft in der Nato.
James Baker erinnert sich in der Dokumentation an die Diskussion im Konferenzraum des Weißen Hauses an jenem Tag Ende Mai 1990: „Wir stellten Gorbatschow die Frage: Glauben Sie, dass jedes Land wählen darf, welchem Sicherheitsbündnis es sich anschließen will, und Gorbatschow antwortete: Ja, natürlich.“
Es gibt ein Protokoll des Gesprächs zwischen Präsident Bush und Michael Gorbatschow. Es hält den entscheidenden Dialog fest:
George Bush: „I am glad you and I seem to agree that nations can choose their own alliances”[2]
Gorbatschow: “So we will put it this way: The U.S. and the USSR are in favour of Germany deciding herself in which alliances they would like to participate after a Two-plus-Four settlement”
Bush: “The United States is unequivocally advocating Germany’s membership in NATO. However, should Germany prefer to make a different choice, we will respect it.”
Gorbatschow: “I agree.”
Robert Zoellick, der George Bush und Michael Gorbatschow bat, diese Zustimmung noch einmal zu wiederholen, stellt im Nachhinein fest: „Das war einer der ungewöhnlichsten diplomatischen Momente, die ich erlebt hatte. Man konnte Gorbatschows Delegation, Schewardnadse und seine Generäle, bei diesem Schachzug förmlich zusammensinken sehen.“
Lothar de Maiziere, der damalige Ministerpräsident der DDR, der von Helmuth Kohl nie wirklich ernst genommen wurde – er sagt, er sei von den Franzosen und den Amerikanern freundlicher behandelt worden als vom deutschen Bundeskanzler – meint zu dem Treffen vom 30./31 Mai 1990: „Das war der entscheidende Durchbruch.“
Ich hatte neulich behauptet[3], dass ich einen inneren Zusammenhang zwischen der Situation von 1989 (dem Mauerfall) und 1429 (Eroberung der Stadt Orleans) sehe. Der 30. Mai 1431 war der Todestag der Jungfrau von Orleans. Ist es nur ein Zufall, dass an einem 30. Mai auch die Würfel für das Ende der Sowjetunion gefallen sind?
Bei diesem Gespräch im Weißen Haus wurde im Grunde Gorbatschows Ende besiegelt. Lothar de Maiziere weiß: Gorbatschow habe „es damals noch nicht gewagt, es zu Hause zu sagen, angesichts des Widerstands, den er dort erwartete.“
Das Wort Robert Zoellicks vom „Schachzug“ verrät die ganze Hinterlist der amerikanischen Delegation, ähnlich wie es beim Prozess der Jeanne d’Arc Versuche gab, das Mädchen hinters Licht zu führen, damit es widerrief.
Gorbatschow hat – auch veranlasst durch die damalige ökonomische Situation der Sowjetunion und durch den Köder des Handelsabkommens – in einer Frage nachgegeben, in der es im Grunde um Sieg oder Niederlage, nicht mehr um ein „Kräftegleichgewicht“ ging. Der Westen hatte mit diesem „Schachzug“ den Osten „matt“ gesetzt. Die beiden Deutschlands spielten in diesem Schachspiel nur die Rolle von Bauern.
Die „Schlüsselfrage“ (Thilo Steinbach) war einseitig – zugunsten des Westens – entschieden worden.
Wladislaw Petrovitch Terechov, der Botschafter der Sowjetunion in Deutschland, der das falsche Spiel heute klar durchschaut, sagt in einem Interview: „Gorbatschow saß im Grunde zwischen zwei Stühlen: er musste den Amerikanern und den westlichen Verbündeten eine Antwort geben und gleichzeitig musste er zu Hause sein Gesicht wahren. Deswegen gab er diese verschwommenen Antworten, die so oder so ausgelegt werden konnten“
Zu den Zwei-plus-vier Verhandlungen trafen sich die Delegationen dreimal. Das zweite Treffen kam am 22. Juni 1990, dem Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion im Jahre 1941, in Ostberlin (Schönhausen) zustande. An diesem Tag bauten die Vertreter der vier Siegermächte den sogenannten „Checkpoint Charlie“, der Ost- von Westberlin trennt, ab, „um diese Stadt zusammenzuführen, um dieses Volk zu vereinen und um diesen Kontinent zu heilen (and to heal this Kontinent)“, wie Außenminister Baker in seiner Rede am Ende im Pathos eines von sich selbst überzeugten Amerikaners sagte.
Es ist wieder ein symbolischer Akt an einem symbolischen Tag.
Markus Meckel, der damalige DDR-Außenminister und Gastgeber, sagt heute. „Wir waren in diesen Verhandlungen völlig isoliert.“ Die ostdeutschen Verhandlungsführer bekamen keine Informationen vom Auswärtigen Amt und fühlten sich völlig zur Seite geschoben. Im Gegensatz zum Pathos des Wilson-Bakerschen „Selbstbestimmungsrechts“ sah so die Realität aus: Der noch existierende Staat DDR hatte nichts zu sagen. „Wir liefen einfach nur noch so mit…“
Von wegen: Deutschland solle selbst entscheiden, welche „alliance“ es eingehen wolle.
Dem französischen Delegationsleiter Dufourcq ist das aufgefallen. Er sagt in einem Interview: „Wenn ich ehrlich bin, hat mich oft erstaunt, wie sich einige Mitglieder der westdeutschen Delegation, wenn auch nicht alle, gegenüber ihren ostdeutschen Kollegen verhielten. Sie betrachteten sie tatsächlich als die Besiegten, die Verlierer, die nur das Recht auf Schweigen hatten, die nichts zu sagen hatten, weil sie keinerlei Macht mehr innehatten.“
Hans-Jürgen Misselwitz, der Delegationsleiter der DDR, weiß zu diesem Zeitpunkt noch nichts vom „Durchbruch“ in Washington drei Wochen zuvor. Erst am Tag der Verhandlungen erfuhr er von Robert Zoellick von dem Gespräch zwischen Gorbatschow und Bush Ende Mai 1990



[2] Damit bezieht sich Bush natürlich indirekt auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ von US-Präsident Woodrow Wilson, das schon bei den „Friedensverhandlungen“ von Versailles 70 Jahre zuvor allen Völkern zugestanden worden war, nur Preußen und Österreich-Ungarn nicht.

Freitag, 4. Oktober 2019

Die spirituellen Hintergründe des "Mauerfalls"


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Ich weiß nicht, warum, aber ich hatte einen seltsamen Traum in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch (02.10.2019): Ich träumte von einem ostdeutschen Paar, das mir völlig unbekannt war, so, als schaute ich eine Dokumentation im Fernsehen an. Dennoch kam es zum Dialog zwischen dem Mann und mir und ich konnte ihn dies oder jenes fragen. Seine Frau war bereits gestorben und unser Thema kreiste im Grunde immer um die gleiche Frage: um den Zeitpunkt seiner Geburt. Es war der 13. Mai 1951, daran erinnere ich mich ganz genau. Nun lebte in meiner Seele während des Traumes die Frage, ob dieser Tag ein Pfingstsonntag war. Ich war dieser festen Meinung und beschloss, beim Aufwachen nachzuforschen.

Daraufhin habe ich die „Chronik des 20. Jahrhunderts“, einen dicken Band aus dem „Chronik-Verlag“ (14. erweiterte und ergänzte Auflage, 1995) aus meinem Bücherregal gezogen und spontan auf der Seite 334/335 geöffnet.
Wer schaut mich da an?
Es ist Rudolf Steiner, dessen vertrautes Bild auf der rechten Seite neben der Überschrift „Tod Rudolf Steiners“ abgedruckt ist. Ich bin also „zufällig“ im März 1925 gelandet.
Auf der linken Seite (334) gibt es eine ganz andere Nachricht, die allerdings indirekt ebenfalls mit Rudolf Steiner zusammenhängt, nämlich mit seinem offiziellen Geburtsdatum. Unter dem 27. Februar 1925 erfahre ich, dass an diesem Tag im Münchner Bürgerbräukeller die „NSDAP neu gegründet“ worden ist. Daneben gibt es, genau Rudolf Steiner gegenüber, ein Foto mit Adolf Hitler (zusammen mit Julius Streicher, dem späteren Herausgeber der Zeitschrift „Der Stürmer“)[1].
Darauf wollte ich aber gar nicht hinaus, denn eigentlich wollte ich nur nachschauen, welcher Wochentag der 13. Mai 1951 war. Ich blättere also weiter und komme auf Seite 752. Tatsächlich ist der 13. Mai 1951 ein Sonntag! Eigentlich wusste ich das schon, weil ich vor vielen Jahren bereits einmal darüber nachgeforscht hatte. Es ist der Geburtstag einer guten französischen Freundin.

Ein paar Klicks im Internet und ich bin jetzt sicher: der 13. Mai 1951 war der Pfingstsonntag.[2]

Um auf meinen Traum zurückzukommen, so denke ich, dass er mit dem Dokumentarfilm „Gorbatschow: eine Begegnung“ von Werner Herzog und Andre Singer zusammenhängt, den ich am Dienstagabend auf Arte im Rahmen des Schwerpunktthemas „30 Jahre Fall des Eisernen Vorhangs“ angeschaut habe. Das einfühlsame Porträt des von allen Deutschen hochverehrten Michael Gorbatschow hat mich außerordentlich berührt und ich glaube, dass das ostdeutsche Paar, von dem ich geträumt habe, in Wirklichkeit Michael und Raissa Gorbatschow[3] darstellten.
Michael Gorbatschow, der am 2. März 1931 geboren wurde und zum Zeitpunkt des Interviews 87 Jahre alt war, ist in meinen Augen eine ähnlich tragische Gestalt wie Mahatma Gandhi. Er wollte das Beste für sein Land, gilt aber heute bei den meisten Russen als „Verräter“.
Mehrmals beim Anschauen des Films kamen mir die Tränen. Der Geist dieses tragischen „Helden“ berührt mich zutiefst. Ich bin sicher, dass in ihm, wie in Gandhi, eine Individualität wirksam ist, die durch viel Schmerz gehen musste, um das neue Zeitalter (des Geistselbst) vorzubereiten.
Nur so kann ich mich selbst über das Scheitern dieser Männer trösten.
Im Arte Magazin kommt ein mehrseitiger Beitrag des ungarisch-jüdischen Biographen Gorbatschows György Dalos[4], den ich gestern Abend noch gelesen habe. Auf der deutschen Wikipedia-Seite begegne ich diesem Autor wieder. Dort heißt es, bezugnehmend auf seine 2011 erschienene Gorbatschow-Biographie:
„Der Biograph György Dalos sieht Gorbatschow in einer Linie mit jenen Kommunisten im Ostblock, die Hans Magnus Enzensberger als ‚Helden des Rückzugs‘ apostrophierte, weil sie beim friedlichen Abbau ihres Systems mitgeholfen hätten: ‚Wenn man diese ironische Sichtweise auf Michail Gorbatschow anwendet, dann müssen wir in ihm einen wahren Napoleon des Rückzugs sehen[5], dessen Tragik ausgerechnet darin bestand, dass er sozusagen siegreich von Niederlage zu Niederlage marschieren musste.‘ Das postsowjetische Erbe habe nicht zu dauerhaftem Frieden in der Welt geführt; auf eine neue Generation in den frei gewordenen Ländern müssten unterdessen Lösungen für ökologische, ökonomische und soziokulturelle Probleme dringend gefunden werden. Auf den jungen Menschen laste das schwierige Erbe des 20. Jahrhunderts, ‚ein gewaltiger Berg, den Michail Gorbatschow mit großem Elan und Ehrgeiz, wenn auch mit wechselhaftem Erfolg begonnen hat abzutragen.“ [6]
Dem eindrucksvollen Dokumentarfilm von Werner Herzog[7] gelingt es, etwas vom Wesen und von der historischen Bedeutung Michael Gorbatschows im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts einzufangen. Dabei arbeitet er schön heraus, dass die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 eine entscheidende Rolle gespielt hat. Es war eine „Grenzlinie“, man könnte auch sagen: eine „Schwelle“ oder Zeitenwende: es gab ein Davor und ein Danach.
Damals kam es offenbar in der Seele des jüngsten Generalsekretärs der UdSSR, der nach den schwer kranken Vorgängern Breschnew, Andropow und Tschernenko  gerade ein Jahr im Amt gewesen war, zu einem entscheidenden Erlebnis. Von da an sprach der damals 56-Jährige[8] von „Perestrojka“ (Umbau) und „Glasnost“ (Transparenz). Diese beiden russischen Begriffe sind damals in der ganzen Welt bekannt gewesen.[9]
In erster Linie ging es Gorbatschow bei dem „Umbau“ darum, die gefährlichen Nuklearwaffen zu vernichten. Er hatte ein klares Gespür davon bekommen, wie gefährlich die Atomspaltung für die Menschheit ist. Eigentlich wollte er sich in Hiroshima mit Präsident Reagan zu den Abrüstungsverhandlungen treffen, dann aber trafen sich die beiden Staatschefs in Reykjavik auf der Vulkan-Insel Island.

Am Donnerstagvormittag (3.Oktober 2019) habe ich den Film von Werner Herzog über Michael Segejewitsch Gorbatschow noch einmal mit Lena in der Arte-Mediathek angeschaut. Beide haben wir geweint. Natürlich haben wir beide, als es um Raissa und die Einsamkeit von Michael Sergejewitsch nach ihrem Tod ging, an Mamutschka und Paputschko gedacht. Lenas Vater erinnerte mich von Anfang an in seinem Aussehen an Michael Gorbatschow.
Was dieser Mann, der heute 88 Jahre alt ist, für Deutschland, ja für den ganzen kommunistischen Ostblock und eigentlich für die ganze Welt getan hat, ist historisch noch kaum zu ermessen. Es ist eine Tragik, dass viele Russen in ihm den Verräter sehen; dabei war es Boris Jelzin, der zusammen mit den Amerikanern die Sowjetunion aufgelöst hat. Michael Gorbatschow wollte nie, dass sich die sechzehn Teilrepubliken aus dem Ganzen herauslösen. Er sagt: jeder schaute nur nach sich, nach seiner eigenen Machtposition. Nur er sah weiter und dachte ans Ganze. Lena meint: alles ging viel zu schnell. Ich ergänze: genauso war es mit der „Auflösung“ der DDR.
Lena sagt: Gorbatschow war zu schwach, um das Ganze zusammenzuhalten. Ich ergänze: wie Zar Nikolaus II. Aber Lena sieht auch: Gorbatschow war menschlich. Dieses Attribut ist für mich die höchste Auszeichnung, die man einem Politiker „verleihen“ kann.
Vielleicht, meint Lena, war er auch zu gutgläubig, ja geradezu naiv. Er sah nicht, dass er es mit Machtmenschen zu tun hatte. Margaret Thatcher und Helmut Kohl waren Machtmenschen, sicher auch Ronald Reagan.
Lena bewundert, dass Michael Sergejewitsch nach dem Tod von Raissa nicht wieder geheiratet und nun schon 20 Jahre lang seine Einsamkeit ausgehalten hat. Helmuth Kohl hat nach dem Selbstmord seiner Frau Hannelore wieder geheiratet. Die zweite Frau hat dann alles an sich gerissen. Auch das ist Karma.
Am Ende des Films spricht Michael Sergejewitsch ein Gedicht von Michail Lermontow (1814 – 1841), das Rainer Maria Rilke übersetzt hat:

Einsam tret‘ ich auf den Weg, den leeren,
der durch Nebel leise schimmernd bricht;
Seh‘ die Leere still mit Gott verkehren
und wie jeder Stern mit Sternen spricht.

Feierliches Wunder: hingeruhte
Erde in der Himmel Herrlichkeit…
Ach, warum ist mir so schwer zumute?
Was erwart‘ ich denn, was tut mir leid?

Nichts hab‘ ich vom Leben zu verlangen
und Vergangenes bereu ich nicht:
Freiheit soll und Friede mich umfangen
im Vergessen, das der Schlaf verspricht.

Aber nicht der kalte Schlaf im Grabe.
Schlafen möcht ich so jahrhundertlang,
dass ich alle Kräfte in mir habe
und in ruhiger Brust des Atems Gang…

Dass mir Tag und Nacht die süße, kühne
Stimme sänge, die aus Liebe steigt,
Und ich wüsste, wie die immergrüne
Eiche flüstert, düster hergeneigt.

Im Grunde, so sage ich zum Schluss, haben wir beide, Lena und ich, unsere Verbindung ebenfalls Michael Sergejewitsch zu verdanken. Ohne ihn wären wir wohl kaum zusammengekommen.
Am Dienstagabend, dem 1. Oktober hat, ohne dass ich es wusste, der VHS-Russisch-Kurs bei Natascha Baltinger wieder begonnen. Ich habe mich erst am Mittwochnachmittag angemeldet und werde nun am nächsten Dienstag wieder Russisch lernen.
Es ist interessant, aber ich verstand beim zweiten Sehen des Dokumentarfilms über Michael Gorbatschow immer wieder das eine oder andere russische Wort. Das freute mich. Ich sagte zu Lena: „Am Anfang, als ich dich vor vier Jahren kennen lernte und wir uns mit deiner Schwester Olga trafen, war die russische Sprache für mich wie ein undurchdringlicher Nebel. Jetzt beginnt dieser Nebel an einigen Stellen lichter zu werden und ab und zu erkenne ich das, was dahinter liegt.“
Ich hoffe, dass durch den zweiten Russisch-Kurs, den ich nun beginnen werde, der Nebel sich so weit lichtet, dass ich mehr als die Hälfte verstehe.

Am deutschen Nationalfeiertag saßen Lena und ich fast den ganzen Tag in meinem Wohnzimmer vor dem Fernseher und haben anlässlich des 30. Jahrestages des „Mauerfalls“ auf 3SAT (Thementag) Filme angeschaut, nur unterbrochen durch das Mittagessen. 
In vielen politisch-historischen Fragen sind wir uns einig, zum Beispiel auch in der Beurteilung der Leistung Gorbatschows oder auch in der Beurteilung des Kommunismus.
Unmittelbar nach dem Film über Michael Gorbatschow schalteten wir auf das aktuelle Programm von Arte und sahen die Sendung „Solidarnosc: Der Mauerfall begann in Polen“, eine sehr gute Dokumentation über die Ereignisse, die am 15. August 1979 in Danzig begannen, als die Werftarbeiter zum ersten Mal streikten. Das führte dann am 31. August 1980 zum Ausnahmezustand. Sowjetische Panzer rollten in Warschau ein, ähnlich wie 1956 in Budapest. 
Der Ungar György Dalos macht eine interessante Bemerkung in seinem Gastbeitrag im „Arte-Magazin“, den ich weiter oben bereits einmal erwähnt hatte. Unter dem Titel „Europas Aufbruch“ schreibt er:
„Auf dem europäischen Kontinent standen sich die beiden Welthälften gut organisiert gegenüber: militärpolitisch durch die von den USA dominierte Nato und den auf sowjetische Initiative hin begründeten „Warschauer Vertrag“. Diese in der westlichen Sprachregelung als ‚Ostblock‘ oder ‚Warschauer Pakt‘ betitelte Allianz – mit der DDR, Polen, der Tschechoslowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien – galt für die Sowjetunion geopolitisch als Gewinn. In einigen der Staaten waren sogar bedeutende Kontingente der Roten Armee stationiert. Politisch und ökonomisch aber brachten die Satelliten den Kreml in unvorhersehbare Schwierigkeiten. Aufgrund historischer und kultureller Unterschiede stieß die Sowjetisierung Ostmitteleuropas auf heftigen Widerstand. Fast zyklisch, jedes zwölfte Jahr, kam es zu Ausbruchsversuchen einzelner Länder aus der Zwangsvereinigung. 1956 war es der blutige ungarische Volksaufstand, 1968 der weitgehend friedliche ‚Prager Frühling‘ und 1980 die polnische Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc. In allen Fällen wurden die Emanzipationsbestrebungen mit sowjetischen Panzern oder durch militärischen Putsch vereitelt.“

Solch ein Putsch traf im Dezember 1991 auch die Sowjetunion selbst, als Boris Jelzin sich auf einen aufgefahrenen Panzer stellte und sich – während Gorbatschow auf der Krim festgehalten wurde – als neuen Volkshelden feiern ließ. Wieder waren knapp 12 Jahre vergangen, seitdem sich das letzte Mal Menschen gegen sowjetische Panzer gestellt hatten.
Der Zyklus von 12 Jahren entspricht einem Umlauf des Planeten Jupiter um die Sonne. Jupiter ist der Planet der Weisheit und der Wahrheit. Es ist, als wollte diese Signatur den Kommunisten sagen: Ihr könnt die Wahrheit nicht ungestraft jahrzehntelang mit Füßen treten.
Das System brach im Prinzip 1989, also genau 70 Jahre nach der Oktoberrevolution, etwa einen Monat nach dem 40. Jahrestag der DDR (am 6. Oktober 1989) zusammen und der „Eiserne Vorhang“, der die Welt in zwei Blöcke teilte, fiel.
Das ganze kommunistische System war, wie wir anhand der Filme, die wir danach auf 3SAT anschauten, begriffen, auf Lüge, Verheimlichung und Misstrauen aufgebaut, nicht auf Wahrhaftigkeit.
Sehr eindrucksvoll war die dreiteilige Fernsehserie „Honigfrauen“ aus dem Jahre 2017, die zeigte, wie zwei Schwestern aus Erfurt im Sommer 1986 zum Balaton trampten, um dort ihren ersten Urlaub ohne die Eltern zu verbringen. Durch die drei Filme, die uns fast vier Stunden vor dem Fernseher festhielten, bekam ich einen Eindruck von diesem „Urlaubsparadies“ der Menschen aus sozialistischen Ländern. Dort, am ungarischen Plattensee, trafen viele auch zum ersten Mal auf Urlauber aus dem Westen. 
Ungarn spielt sowieso in der Geschichte der Auflösung des Ostblocks eine große Rolle, als sich der „Eiserne Vorhang“ im August 1989 bei der sogenannten „paneuropäischen Party“ zum ersten Mal hob.
Alle diese Länder gehören zu Mitteleuropa. Wenn Rudolf Steiner sagt, es sei ein Unglück, wenn das slawische Element, also die Russen, in dieses Mitteleuropa eindringen, weil sie dann sich selbst schaden würden, so haben wir heute den historischen Beweis dafür. Ich hatte bereits auf die Passage in Peter Tradowskys Vortrag vom 1. November 1983 beim „Kongress der Völkerverständigung“ in Witten hingewiesen[10], wo er ein Zitat von Rudolf Steiner aus einem Vortrag von 1915, also noch vor der Russischen Revolution, anführt:
„Man könnte sich denken, dass Osteuropa durch brutale Gewalt sich ausdehnen könnte nach Westen hin, über Mitteleuropa… Das würde aber genau dasselbe bedeuten, wie wenn im fünfzehnten Jahrhundert die Tat der Jeanne d’Arc nicht geschehen wäre und England damals Frankreich annektiert hätte. Wenn es dahin gekommen wäre…, so wäre damit etwas geschehen, was nicht nur zum Unheile Frankreichs gewesen wäre, sondern auch England zum Unheil gereicht hätte. Und würde jetzt die deutsche Geisteskultur beeinträchtigt werden vom Osten herüber, so würde das nicht bloß die deutsche Geisteskultur schädigen, sondern auch den Osten mit. Das Schlimmste, was den Osten treffen könnte, wäre, dass er zeitweilig sich ausbreiten und die deutsche Geisteskultur schädigen könnte (…) Das größte Unglück auch für den Osten Europas wäre es, wenn er diejenige geistige Macht (das ist Mitteleuropa) schädigen würde, an der er sich gerade heraufranken muss, die er gerade verehrend, freundschaftlich verehrend hegen und pflegen müsste.“[11]
Ist es ein Zufall, dass hier Rudolf Steiner im Zusammenhang mit Russland ausgerechnet auf die Jungfrau von Orleans hinweist?
Dieses junge lothringische Mädchen wird in anthroposophischen Zusammenhängen in der unmittelbaren Gegenwart bisweilen herangezogen, um die Mission von Greta Thunberg geistig zu beleuchten. Ich glaube nicht, dass die beiden karmisch etwas miteinander zu tun haben, außer dass sie beide etwa im gleichen Alter waren, als sie den Impuls zu ihrer Mission empfingen.
Dagegen glaube ich vielmehr, dass eher die außergewöhnliche Persönlichkeit Raissa Gorbatschowa, die an einem 5. Januar geboren ist, eine ähnliche Aufgabe wie die Jungfrau von Orleans hatte, auch wenn sie eher aus dem Hintergrund heraus wirkte. Sie war jedoch, wie Michael Sergejewitsch in dem Film von Werner Herzog andeutet, seine engste „Vertraute und Beraterin“ und ließ sich – im Gegensatz zu allen anderen Frauen der bisherigen Generalsekretäre – auch bei offiziellen Anlässen an seiner Seite sehen. Auch das war ein vollkommen neuer Politikstil in der Sowjetunion: plötzlich wurde die weibliche Seite sichtbar.
Rudolf Steiner weist im ersten Vortrag seines Zyklus zur „Geschichtlichen Symptomatologie“ vom 18. Oktober 1918 (GA 185) auf einen anderen Zusammenhang hin, der vor nunmehr 30 Jahren, also im Jahr 1989 auch wieder aktuell war.
Er führt zunächst aus, wie das ganze Mittelalter hindurch die Völker vom Universalimpuls des päpstlichen Katholizismus geleitet wurden. Von Nationalstaaten konnte man in dieser Zeit noch gar nicht reden. Das bestimmende Element war die christliche Religion, wie sie durch die Päpste und Bischöfe vertreten wurde. Erst mit dem Auftreten der Jungfrau von Orleans sei ein Wendepunkt eingetreten, ja damals begann in anthroposophischer Terminologie eine neue „Kulturepoche“, nämlich die fünfte nachatlantische, die die Entwicklung der Bewusstseinsseele zum Inhalt hatte. Rudolf Steiner datiert den Beginn dieser neuen Zeit exakt auf das Geburtsjahr der Johanna von Orleans, also auf das Jahr 1413. Dadurch gesteht er dem Mädchen aus Lothringen eine entscheidende Rolle als Träger eines wichtigen spirituellen Impulses zu.
In dem Vortrag vom 18. Oktober 1918 heißt es:
„Womit rechnete denn der von Rom ausgehende und sich in seiner Art durch die Jahrhunderte entwickelnde Katholizismus, der wirklich ein Universalimpuls war, der die tiefste Kraft war, welche in die Zivilisation Europas hineinpulsierte? Er rechnete mit einer gewissen Unbewusstheit der menschlichen Seele, mit einer gewissen Suggestivkraft, die man auf die menschliche Seele ausüben kann. Er rechnete mit jenen Kräften, welche die menschliche Seelenverfassung seit Jahrhunderten hatte, in welchen die menschliche Seele, die erst in unserem Zeitraume erwachte, noch nicht voll erwacht war. Er rechnete mit denen, die erst in der Gemüts- und Verstandesseele waren. Er rechnete damit, dass er in ihr Gemüt durch suggestives Wirken einträufelte dasjenige, was er für nützlich hielt, und er rechnete bei denen, welche die Gebildeten waren – und das war ja zumeist der Klerus – mit dem scharfen Verstand, der aber in sich noch nicht die Bewusstseinsseele geboren hatte.“
Damit charakterisiert Rudolf Steiner in wenigen Sätzen exakt den Seelenzustand der europäischen Menschheit im Hochmittelalter, als durch die großartigen gotischen Kathedralen eine suggestive Kraft auf die europäischen Völker ausgeübt wurde und als die großen Theologen der Scholastik in den Kathedralschulen versuchten, Gott mit dem Verstand zu erfassen ("Intelligo ut credam", Anselm von Canterbury).
Nun kommt  Rudolf Steiner auf den Umschwung zu sprechen. Dabei erwähnt er einige Vorstufen, die den Universalimpuls Roms bereits in den Grundfesten zu erschüttern vermochten. Er erwähnt die Mongoleneinfälle, die 1241 Mitteleuropa bedrohten, die „Zänkerei mit Päpsten und Gegenpäpsten“, die schließlich 1309 zum Exil des Papsttums ins französische Avignon führte und die „Aufhebung“ des Templerordens im Jahre 1312. Aber all diese Ereignisse führten noch nicht zur Schwächung des „römischen Universalimpulses“. Rudolf Steiner fährt fort:
„Während wir sehen, wie durch die Jahrhunderte hindurch ein gewisser einheitlicher Impuls über Frankreich und England sich ausbreitet, sehen wir, wie im 15. Jahrhundert Differenzierungen eintreten, für die der wichtigste Wendepunkt das Auftreten der Jungfrau von Orleans 1429 ist, womit der Anstoß gegeben wird (…) der Differenzierung zwischen dem Französischen einerseits, dem Englischen anderseits.
So sehen wir das Auftauchen des Nationalen als Gemeinsamkeit Bildendem, und zu gleicher Zeit diese für die Entwicklung der neueren Menschheit symptomatisch bedeutsame Differenzierung, die ihren Wendepunkt 1429 in dem Auftreten der Jungfrau von Orleans hat. Ich möchte sagen: In dem Augenblicke, in dem der Impuls des Papsttums die westliche europäische Bevölkerung aus seinen Fängen entlassen muss, taucht die Kraft des Nationalen gerade im Westen auf und ist dort bildend.“
Wenn ich diesen Gedanken, den Rudolf Steiner ein Jahr nach der Russischen Revolution in Dornach entwickelt hat, weiterdenke und auf die Gegenwart beziehe, dann komme ich zu folgendem Ergebnis:
Der Marxismus, wie er sich unter Wladimir Lenin in der Russischen Revolution zum ersten Mal in einem östlichen Volk – allerdings mit brutaler Gewalt – Geltung verschafft hatte, war eine internationale Bewegung, die allerdings auf falschen geistigen Voraussetzungen basierte. Die „Internationale“, das bekannte Lied der Revolutionäre, betonte diesen Zug des kommunistischen Impulses.
Rudolf Steiner wendet in einem Vortrag vom 12. Dezember 1918 ein:
„Karl Marx hat die proletarische Welt zu erobern vermocht aus dem einfachen Grunde, weil er das gesagt hat, was der Proletarier versteht, was er dadurch, dass er proletarisch ist, denkt. 1848 ist das ‚Kommunistische Manifest‘ (…) die erste Aussaat zu dem, was jetzt, nachdem andere widerstrebende Dinge zerstört worden sind, eben als Frucht aufgeht. Ein Wort enthält dieses Dokument, einen Satz, den sie heute fast in jeder sozialistischen Schrift zitiert finden: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘ Das ist ein Satz, der durch alle möglichen sozialistischen Vereinigungen ging: ‚Proletarier aller Länder, vereinigt euch!‘ Was drückt er denn aus? Er drückt aus das Allerallerunnatürlichste, das man sich für unser Zeitalter denken kann. Er drückt aus einen Impuls für die Sozialisierung, für die Vereinigung einer gewissen Menschenmasse. Worauf soll diese Vereinigung, diese Sozialisierung gebaut werden? Auf den Gegensatz, auf den Hass gegen diejenigen, die nicht Proletarier sind. Die Sozialisierung, das Zusammensein der Menschen, soll gebaut werden auf dem Auseinandersein! Sie müssen das nur bedenken, und sie müssen die Realität dieses Prinzips verfolgen in dem, was heute als reale Illusion (…) zuerst in Russland aufgetreten ist (…)“[12]
Geradezu hellsichtig legt Rudolf Steiner den Finger in die Wunde der kommunistischen Ideologie, die schließlich zur Spaltung der Menschheit in zwei Blöcke führte: die sozialistischen proletarischen Staaten in Osteuropa (und Asien)und die kapitalistischen Staaten des „Klassenfeindes“ im Westen.
Das „Allerallerunnatürlichste“ dieser Ideologie sperrte die Hälfte der Menschheit hinter dem „Eisernen Vorhang“ in ein Gefängnis ein, aus dem einzelne nur unter Lebensgefahr ausbrechen konnten.
Erst durch das Wirken von Michael Gorbatschow und seiner Frau Raissa bekam dieser Eiserne Vorhang Risse und der falsche „Universalimpuls“ des Sozialismus brach zusammen.
Michael Gorbatschow wollte nicht, dass auch der Vielvölkerstaat der Sowjetunion auseinanderbrach. Was im 15. Jahrhundert für England und Frankreich gut war, dass sie zu ihrer Nationalität gefunden haben, das ist im 20. Jahrhundert nicht mehr gut. Es war schon der Fehler der Versailler „Friedensordnung“, die dazu führte, dass der Vielvölkerstaat der Habsburger Monarchie unterging und im Anschluss an die Wilsonsche Idee vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ unzählige kleine Nationen entstehen ließ, dies war auch der Antrieb der einst unter einer „Universal-Ideologie“ zusammengehaltenen Sowjetrepubliken, ihre Unabhängigkeit zu suchen. So zerfiel vor etwa 30 Jahren der „Ostblock“.
1989 ist im Grunde das Spiegelbild zu 1429, als der „Mauerfall“ einen Teil der Menschheit aus der Zwangsjacke einer unmenschlichen Ideologie befreite. Gleichzeitig war es aber der Keim einer neuen Ideologie: die Ideologie des Nationalismus, die heute Länder wie die baltischen Republiken, Georgien, Kasachstan, die Ukraine, Polen und Ungarn beherrscht.
In der Ukraine ist heute dieser geradezu übersteigerte Nationalismus zu einer Gefahr für den Weltfrieden geworden. Ausgelöst wurde diese „Unabhängigkeitsbewegung“ im Februar 2014 mit der „orangen Revolution“ unter amerikanischem Beistand auf dem Maidanplatz in Kiew. Starke nationalistische, ja faschistische Gruppierungen spielten dabei eine entscheidende Rolle. Die „Annexion“ der Krim durch Russland im gleichen Jahr  führte zu der bis heute in westlichen Medien vielbeschworenen „Krimkrise“.[13]
Es ist die Tragik des Impulses von Michael Gorbatschow, dass er zu schwach war, um den Vielvölkerstaat zu erhalten. Die zentrifugalen Kräfte aus dem Westen, die 1991 hinter Boris Jelzin standen, waren zu mächtig. Heute ist Russland unter der Herrschaft Wladimir Putins zwar wieder eine ernstzunehmende Macht, leidet aber unter dem massiven Vordringen kapitalistischer Elemente in eine Gesellschaft, die eigentlich dafür prädestiniert ist, das „Soziale“ zu entwickeln.
Rudolf Steiner führt es in seinem Berner Vortrag so aus:
„Durch ihr Blut, durch ihre Geburtsanlagen, durch ihre Vererbungsanlagen darauf eingerichtet, dass der Menschheit die Bewusstseinsseele eingeprägt wird, sind eigentlich nur die Menschen der englisch sprechenden Bevölkerung in unserer Zeit. So ist einmal die Menschheit differenziert. Die Menschen der englisch sprechenden Bevölkerung sind heute dafür besonders veranlagt, die Bewusstseinsseele auszubilden, so dass sie in gewisser Weise die repräsentativen Menschen für diese fünfte nachatlantische Zeit sind; sie sind dafür ausgebildet.
Die Menschen des Ostens müssen in anderer Weise die richtige Entwicklung der Menschheit repräsentieren, bewirken. Bei den Menschen des Ostens, schon beginnend bei der russischen Bevölkerung, dann mit dem ganzen asiatischen Hintervolke, das nur die Nachschübe bilden wird, ist es so, dass nun gerade ein Anstürmen, ein Sichsträuben gegen dieses Instinktiv-Selbstverständliche in der Entwicklung der Bewusstseinsseele stattfindet. Die Menschen des Ostens wollen dasjenige, was das hauptsächliche Seelenvermögen in unserer Zeit ist, den Intellekt, nicht mit Erlebnissen vermischen; das wollen sie loslösen und es aufsparen für das folgende Zeitalter, für den sechsten nachatlantischen Zeitraum, wo dann ein Zusammenschluss stattfinden soll, nun nicht mit dem Menschen, wie er heute ist, sondern mit dem dann entwickelten Geistselbst.“ (a.a.O. S 52)
Das Experiment des Sozialismus konnte überhaupt nur deshalb funktionieren, weil die damals führenden Kräfte (instinktiv) spürten, dass in den slawischen Völkern ein natürliches Element des Sozialen, des Füreinander schlummerte.
Dass das Pendel nach dem Fall der Mauer in die gegenteilige Richtung ausschlug, ist nur natürlich. Die osteuropäischen Menschen, die zum Sozialismus „gezwungen“ wurden, haben in dem Augenblick, als sie aus dem „Gefängnis“ entlassen worden sind, erst einmal all die schönen Waren, die in westlichen Kaufhäusern ausliegen und sie verlockten, kaufen wollen.
Das kann man Egoismus nennen.
Es ist aber nur das Nachholbedürfnis von Menschen, die jahrelang vor leeren Läden einer sozialistischen Mangelwirtschaft Schlange stehen mussten oder die, wie die Eltern von Lena, sogar die blauen Uniformen der Fluggesellschaft Aeroflot, für die sie arbeiteten, gelegentlich selbst nähen oder ausbessern mussten.



[1] Ich habe mir, einem Hinweis auf Wikipedia folgend, das „Politische Testament Julius Streichers“, das im Oktober 1978 in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“ veröffentlicht wurde und als PDF-Datei online verfügbar ist, ausgedruckt und studiert. Ich wollte mich einfach aus erster Hand über den Mann informieren, der das „antisemitische Hetzblatt“ herausgegeben hat, dessen Name fatalerweise mit meinem Familiennamen übereinstimmt.
[3] Geboren am 5. Januar 1932, gestorben am 20. September 1999 in Münster, Deutschland) https://de.wikipedia.org/wiki/Raissa_Maximowna_Gorbatschowa
[4] György Dalos: Gorbatschow. Mensch und Macht. Eine Biographie., Beck, München 2011
[5] Karl Langenstein behauptete schon 1990, dass Michael Gorbatschow der wiedergeborene Napoleon sei.
[7] Werner Herzog gehört für mich zu dem Dreigestirn des „Jungen deutschen Films“, das internationale Bekanntheit durch ihre Werke erlangte. Für mich ist er, vielleicht ähnlich wie Volker Schlöndorff, der Kopf der drei, während Rainer Werner Fassbinder der „Bauch“ und Wim Wenders das „Herz“ des neueren deutschen Films sind.
[8] Dritter Mondknoten
[9] Als ich am 02. Oktober meine osteuropäischen Schüler im Deutschkurs fragte, ob sie die Begriffe kannten, waren nur zwei darunter, die sich vage erinnerten, aber nicht mehr wussten, was die beiden Fremdwörter  bedeuteten.
[11] Peter Tradowsky, Das Schicksal Russlands und seine zukünftige Kultur, in „Europa und sein Genius – Die Volksseelenkunde der Anthroposophie. Ein Beitrag zu einem schöpferischen Frieden“, Fischer Taschenbuchverlag, Frankfurt am Main, Januar 1986, S 161f. Welche Verehrung auch Gorbatschow Deutschland und deutscher Kultur entgegenbringt, wird gleich am Beginn der Dokumentation von Werner Herzog deutlich, als der Regisseur ihn fragte, was er empfand, als er zum ersten Mal auf Deutsche traf. Gorbatschow erzählte, wie ihn sein Vater in der Adventszeit einmal zu einer russlanddeutschen Familie mitnahm, die einen kleinen Laden führte, und er zum ersten Mal Lebkuchen, „Lebkuchenpferde, kleine Fische, Häschen“ sah und roch. Er sagte. „Ich hatte den Eindruck, dass nur sehr gute Menschen solche Lebkuchen machen konnten.“ https://www.arte.tv/de/videos/078706-000-A/gorbatschow-eine-begegnung/.
[12] Rudolf Steiner am 12. Dezember 1918 in Bern, abgedruckt in GA 186, Sonderdruck „Soziale und antisoziale Triebe im Menschen, Dornach 1979, S 49f