Mittwoch, 13. September 2017

Partei-Meinungen und die tieferen Schichten der menschlichen Seele

Mich bewegen so viele Fragen und Einsichten, dass ich wieder einmal alles andere liegen lasse und versuche, durch das Schreiben mehr Klarheit in den „Komplex“ zu bekommen.
Gestern Abend habe ich – nach dem Kurs in Crailsheim – die Dokumentation über Billy Wilder in der Arte-Mediathek angeschaut, die am Sonntagabend nach „El Dorado“ ausgestrahlt wurde. Am Sonntag war ich so müde, dass ich nicht einmal den Western-Klassiker zu Ende angeschaut habe. Das 90-minütige Porträt von Andre Schäfer und Jascha Hannover aus dem Jahre 2016 trägt den Titel „Du sollst nicht langweilen: Billy Wilder“.
Ich habe Billy Wilders Filme, angefangen mit „Ariane – Liebe am Nachmittag“ immer geliebt. Ich habe auch die meisten seiner Filme gesehen, beziehungsweise auf DVD. Einen, den ich noch nicht gesehen habe, ist „Stalag 17“, der von der Flucht von amerikanischen GIs aus einem deutschen Kriegsgefangenenlager im Zweiten Weltkrieg handelt. Genau dieser Film könnte aber etwas tiefer in die Seele dieses 1933 vor den Nazis geflohenen jüdischen Drehbuchautors („Ninotschka“) und Regisseurs blicken lassen.
Am Montagabend habe ich nach dem UFA-Film „Die Glückskinder“ (Deutschland 1936) – ebenfalls im Internet – die Sendung „Ken Jebsen Live“ angeschaut, in der vier ausgewiesene Experten, darunter Daniele Ganser und Matthias Bröckers,  zu den Hintergründen des 11. Septembers 2001 über zwei Stunden lang diskutierten. Dabei erfuhr ich wieder sehr viele Einzelheiten, die mir bis dahin nur halb oder gar nicht bekannt waren. 
Ich hatte ja alle meine Bücher zu diesem Komplex im August 2013 in den Altpapiercontainer geworfen, weil ich mich nicht mehr mit „Verschwörungstheorien“ beschäftigten wollte. Ich spürte damals, dass die Beschäftigung damit auch eine Gefahr für mich bedeutete. Ich konnte all diesen Dingen, die dort aufgezeigt wurden, mit meinem „Kinderglauben“ noch nicht begegnen, ohne Angst zu bekommen. Sie erzeugten in mir eine Art Verfolgungswahn und trugen dazu bei, dass ich wieder einmal in der Psychiatrie landete.
Inzwischen ist es anders.
Indem ich nun die Informationen aus dieser Literatur „dosiere“, gleichzeitig meinen Beruf ausübe und außerdem eine eher rationale Frau an meiner Seite habe, die jede Art von Aberglauben ablehnt, kann ich ruhiger und gelassener mit diesen Dingen umgehen.
Da ich nun auch Rentner bin und keine beruflichen Nachteile mehr zu befürchten habe, kann ich darüber offen nachdenken und sogar offen schreiben und veröffentlichen, ohne um meinen Ruf besorgt sein zu müssen.
Ich halte nicht das Geringste von „Hetze“ und „Verhetzung“, ich formuliere auch trotz manchmal aufsteigen wollender Empörung und sogar Wut keine „Hasspredigten“, sondern versuche die Dinge rein phänomenologisch zu betrachten, also nach goetheanistischer Methode.
Dabei ist mir durchaus bewusst, dass ich mich dabei mit dem „heikelsten“ Thema beschäftige, mit dem sich ein Deutscher nur beschäftigen kann. Deswegen meide ich auch deutsche Literatur zu diesem Komplex, sondern bevorzuge jüdische (zum Beispiel Norman G. Finkelstein, „Die Holocaust-Industrie“, Gerard Menuchin, „Tell the Truth and Shame the Devil“, Israel Schahak, „Jüdische Geschichte, Jüdische Religion,  Ilan Pappe, „Die ethnische Säuberung Palästinas“ oder die Veröffentlichungen von Eva Hecht-Gallinski), britisch-amerikanische (zum Beispiel James Barr, „A Line in the Sand – Britain, France and the Struggle, that shaped the Middle East“, Alison Weir, „Against our better Judgement – The Hidden History of How the U.S. was Used to Create Israel“, John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt „Die Israel Lobby – Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird“, Robert A. Rockaway, „Meyer Lansky, Bugsy Siegel & Co – Lebensgeschichten jüdischer Gangster in den USA“, Benton L. Bradberry, „The Myth of German Villainy“ und Dennis McDougal, „The Last Mogul – Leon Wasserman, MCA and the Hidden History of Hollywood“) und seit neuestem auch russische (zum Beispiel Fjodor Dostojewski „Die Dämonen“, Wladimir Solowiev, „Kurze Erzählung vom Antichrist“, Andrej Beli „Sankt Petersburg“, Edward Radsinski, „Nikolaus II.“).
Leitfaden bei all meinen Überlegungen bleiben jedoch Rudolf Steiner und seine geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse, soweit sie mir bisher „zugeflogen“ sind. Ich studiere sie nicht systematisch oder krampfhaft, sondern halte es mit Rilke, der in einem seiner schönsten Gedichte sagt: „Und wie eine Braut, kommt jedem das Ding, das er will“.
Auch suche ich nicht absichtlich nach „schwarzen Schafen“, halte auch nichts von einer „jüdischen Weltverschwörung“, sondern versuche, das Phänomen von seiner spirituellen Seite her zu erfassen. Dabei steht ein Wort von Goethe aus „Faust I“ wie ein Motto über allem, was ich schreibe:
Der Dichter lässt Gottvater im „Prolog im Himmel“ sprechen:
„Ich habe deinesgleichen nie gehasst./ Von allen Geistern, die verneinen/Ist mir der Schalk am wenigsten zur Last./ Des Menschen Tätigkeit kann allzuleicht erschlaffen, / er liebt sich bald die unbedingte Ruh;/ Drum geb‘ ich gern ihm den Gesellen zu,/ Der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen.“
Vor hundert Jahren „offenbarte“ Rudolf Steiner den Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft eine spirituelle Tatsache, die er geistig erforscht hatte. Vom 29. September bis zum 28. Oktober 1917 hielt er in Dornach vierzehn Vorträge, die 1966 zum ersten Mal in der Gesamtausgabe unter dem Titel „Die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt – Der Sturz der Geister der Finsternis“ veröffentlicht wurden. In diesen Vorträgen „berichtete“ er, dass in den Jahren 1842 bis 1879 in der unmittelbar über der Erdenwelt angrenzenden geistigen Welt, also „im Himmel“[1] ein geistiger Kampf stattgefunden habe. Es war ein Kampf zwischen dem Erzengel Michael und seinen Scharen und dem Widersachergeist Ahriman und seinen Scharen. Der Geisteskampf endete mit dem „Sturz der Geister der Finsternis“ auf „die Erde“ im November 1879.
Seitdem vermögen die „Dämonen“, wie der feinsinnige russische Dichter Fedor Dostojewski bereits 1873 beschrieb, in den menschlichen Seelen wirken, das heißt auf der Erde wirksam werden.
Um diese Tatsache nachzuweisen, könnte man viel Material beisteuern. An dieser Aufgabe arbeite ich. Dabei sind vor allem die Biographien von Richard Wagner und Friedrich Nietzsche, ihre ursprüngliche Freundschaft und spätere Gegnerschaft zu beachten, aber auch die Biographien des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson oder des deutschen Kaisers Wilhelm II., sowie die Biographien von Karl Marx, Lenin und Trotzki[2].
Ungefähr zwei Jahre später, im Oktober, November und Dezember 1919  „enthüllt“ Rudolf Steiner eine weitere wichtige spirituelle Tatsache. In seinen Vorträgen aus dieser Zeit spricht er – auf die nicht allzu ferne Zukunft deutend – von einer bevorstehenden, einmaligen fleischlichen Inkarnation des geistigen Widersacher-Wesens Ahriman.
Seit der Veröffentlichung des Bestseller-Romans „Rosemarys Baby“ von Ira Levin am 12. März 1967, der ein Geschehen aus dem Jahre 1966 so realistisch schildert, dass nicht wenige es für Wirklichkeit nahmen, erscheint die Fiktion, dass sich „der Teufel“ in unserer Zeit inkarniert, bis heute geradezu inflationär in Romanen und Filmen, wobei die „Visionen“ immer gruseliger werden.
In seinen Vorträgen geht Rudolf Steiner auch auf die Strategien ein, deren sich Ahriman als Vorbereitung auf seine Inkarnation bedienen wird und bereits bedient.
Über eine dieser Strategien spricht er zum Beispiel in seinem Vortrag vom 27. Oktober 1919 in Zürich, der Stadt, in der noch zwei Jahre zuvor Wladimir Ilijitsch Uljanow, genannt Lenin, und einige seiner Freunde im Exil lebten. Nachdem er zuerst über die Verbreitung von „Illusionen“ als dem wichtigsten Mittel Ahrimans[3] gesprochen hat, spricht er nun über das „zweite Mittel“, das mich im Augenblick besonders „angeht“:
„Das andere Mittel, das zweite Mittel, das er hat, ist: alles das zu schüren, was die Menschen heute in Gruppen, in kleine Gruppen zerteilt, die sich gegenseitig befehden. Sie brauchen bloß in der Gegenwart auf das Parteiwesen, auf das sich befehdende Parteiwesen hinzusehen, und Sie werden finden – wenn Sie nur unbefangen sind, können Sie das anerkennen – dass diese sich befehdenden Parteien eigentlich aus der bloßen Menschennatur heraus wahrhaftig nicht zu erklären sind. Wenn die Menschen einmal ehrlich gerade diesen sogenannten Weltkrieg aus den menschlichen Disharmonien werden erklären wollen, dann werden sie eben einsehen, dass sie mit dem, was sie in der physischen Menschheit finden, ihn nicht erklären können. Gerade da zeigt es sich so deutlich, wie außersinnliche Mächte hereingewirkt haben, gerade ahrimanische Mächte.
Aber diese ahrimanischen Mächte sind ja überall wirksam, wo sich Disharmonien zwischen Menschengruppen bilden. Worauf beruht denn das Meiste, was hier in Betracht kommt? Gehen wir von einem ganz charakteristischen Beispiel aus. Das moderne Proletariat hat seinen Karl Marx gehabt. Lernen Sie genau erkennen, wie die Lehre von Karl Marx sich im modernen Proletariat ausgebreitet hat, und sehen Sie die schier ins Endlose gehende, ins Unermessliche gehende Literatur des Marxismus an. Die heute sonst übliche Art von wissenschaftlicher Betrachtung finden Sie darin in ausgesprochenem Maße angewendet, alles streng bewiesen, so streng bewiesen, dass auch schon manche Leute, von denen man es gar nicht angenommen hätte, auf den Marxismus hereingefallen sind.
Wie war denn eigentlich das Schicksal des Marxismus? Zunächst, nicht wahr, breitete sich der Marxismus im Proletariat aus. Von der Universitätswissenschaft wurde er streng abgewiesen. Heute sind schon eine Anzahl von Universitätswissenschaftlern da, die sich der Logik des Marxismus nicht mehr entziehen, die ihn anerkennen, die gar nicht mehr aus ihm herauskommen können, weil es sich in der Literatur allmählich herausgestellt hat, dass die Schlussfolgerungen sehr fein stimmen, dass man mit der gegenwärtigen wissenschaftlichen Gesinnung und Vorstellungsart diesen Marxismus ganz fein säuberlich beweisen kann. Die bürgerlichen Kreise haben nur keinen Karl Marx gehabt, der ihnen das Gegenteil bewiesen hätte, denn genau ebenso wie man beweisen kann den ideologischen Charakter von Recht, Sitte und so weiter, die Theorie vom Mehrwert und die materialistische Geschichtsforschung vom marxistischen Standpunkt aus, so kann man von allen diesen Dingen ganz genau ebenso exakt das Gegenteil beweisen. Es wäre durchaus möglich, dass ein bürgerlicher, ein Bourgeois-Marx genau das Gegenteil in derselben strengen Weise bewiesen hätte. Und da ist nicht einmal irgendein Humbug oder Schwindel dabei. Die Beweise würden restlos klappen. (…)
… man kann gegeneinander kämpfen mit denselben guten Standpunkten, weil der heutige Intellektualismus in einer oberen Schicht der Wirklichkeit ist und nicht in die Tiefen des Seins hinuntergeht. Und so ist es auch mit den Parteimeinungen. Wer das nicht durchschaut, sondern sich einfach aufnehmen lässt durch seine Erziehung, Vererbung, durch seine Staats- und anderen Lebensverhältnisse in einen gewissen Parteikreis, der glaubt, wie er meint, ehrlich an die Beweiskraft desjenigen, was in dieser Partei ist, in die er hineingerutscht ist, hineingeschlittert ist, wie man in der deutschen Sprache zuweilen auch sagt. Und dann, dann kämpft er gegen einen Anderen, der in eine andere Partei hineingeschlittert ist. Und der Eine hat ebenso gut recht wie der Andere.
Das ruft über die Menschheit hin ein Chaos und eine Verwirrung hervor, die nach und nach immer größer und größer werden können, wenn die Menschheit das nicht durchschaut. Und diese Verwirrung ist wiederum eine solche, die die ahrimanische Macht benützt, um den Triumph ihrer Inkarnation vorzubereiten (…)“[4]




[1] Rudolf Steiner sieht „den Himmel“ sehr differenziert. Aus seinen in sich absolut stimmigen und mit esoterischen Traditionen des Mittelalters (Dionysos Areopagita) übereinstimmenden Forschungen sind „die Himmel“, die man sich keinesfalls räumlich vorstellen sollte, belebt von unzähligen geistigen Wesen, die streng hierarchisch geordnet sind.
[2] Darüber möchte ich, ausgehend von den Mitteilungen Rudolf Steiners vor allem im neunten Vortrag seines Zyklus (vom 14. Oktober 1917), auf meinem Weblog „Johannes Stürmer Kommentare zum Zeitgeschehen“ schreiben.
[3] In diesem Zusammenhang sind all meine Beiträge zur „Traumfabrik“ Hollywood in meinem Weblog „Johannes Stürmer Filmkritik“ zu sehen.
[4] Aus „Die Vorträge über Ahrimans Inkarnation im Westen aus dem Jahre 1919“, herausgegeben von Thomas Meyer, Perseus-Verlag, Basel 2016, S 24 – 26.

Samstag, 9. September 2017

Flucht und Vertreibung - aus dem Tagebuch eines Bürgermeisters aus dem Jahre 1947

Ich habe mich gestern den ganzen Tag in den „Nachlass“ meiner Eltern vertieft und bin auf wahre „Schätze“ gestoßen.
Ich habe das Gefühl, dass ich erst jetzt, knapp zwanzig Jahre nach dem Tod meiner Mutter und exakt dreißig Jahre nach dem Tod meines Vaters reif dafür bin.
Ich vermute, es war in der Nacht unserer Heimreise von Sankt Petersburg, als wir auch an Breslau, Liegnitz und Görlitz vorbeikamen, als ich die Inspiration empfing, mich wieder einmal meinen Eltern und ihren Vorfahren zuzuwenden. Das Überqueren der Oder bei Breslau war mein größtes nächtliches Erlebnis bei dieser Heimreise: Wie Strahlen stiegen die beleuchteten dicken Stahlseile, an denen die neue Autobahn-Brücke hing, und die sich an zwei mächtigen Pfeilern in der Höhe bündelten, in den dunklen Himmel. Ich wusste nun, unter mir floss der Schicksalsfluss, der Breslau und Dyhernfurth, meine Mutter und meinen Vater einst verband. Auf der Oder lernte mein Vater, der Pfarrerssohn und spätere Marineoffizier, segeln. In der Hauptstadt Schlesiens ging meine Mutter, die Tochter aus einem gutbürgerlichen Haus in der zentralen Tauentziehnstraße[1], oft am Ufer der Oder spazieren.
Ich studierte die Papiere, die Ahnentafeln, die Briefe und die Fotos, die mir meine Eltern hinterlassen haben und die ich einst noch, mit der Hilfe Tante Dittes zum Teil beschriften konnte. Überhaupt war es Brigitte, die ältere Schwester meines Vaters, die das Familienerbe treu gepflegt hat. Christine, die jüngere Schwester, hat meine Eltern einst zusammengeführt.
Vieles wusste ich schon, aber es war wieder tief in meiner Seele versunken. Gestern beim Betrachten der nachgelassenen Papiere und Fotos kam manches wieder hoch. Besonders berührt haben mich zwei Briefe über die Besitzer des Gutes Rosenhain, das meine Mutter eigentlich erben sollte. Der eine war von Tante Inge, der andere von meiner Mutter. Es sind für mich unschätzbare Dokumente, die ich unbedingt abschreiben muss, um sie unseren Kindern zu hinterlassen. Sie wissen ja noch viel zu wenig über ihre Vorfahren. Deren Heimat kennt keines aus eigener Anschauung. Schlesien ist in der dritten Generation in der Tat „verloren“ für die Enkel der Heimatvertriebenen (Polen nicht!).
Bei der Durchsicht der Papiere stieß ich auch auf ein dünnes Heftchen mit dem Titel „Tagebuchaufzeichnungen und Briefauszüge aus einer Zeit tiefster Not und Bedrängnis 1945/46 von Bürgermeister Kriebel und Pastor Stürmer früher wohnhaft in Dyhernfurth/Oder“, das meine Tante Brigitte Stürmer im Jahre 1978, ein Jahr vor der Geburt Fs, des ersten Enkels meiner Eltern, herausgegeben hat. Es steht nichts darüber im Impressum, in welcher Auflage die abgetippten Tagebuch- und Briefauszüge veröffentlicht wurden, aber ich weiß, dass Tante Ditte sich jahrelang um den Dyhernfurther Rundbrief kümmerte, in dem sie alle Nachrichten aus der verlorenen Heimat sammelte und an die in ganz Deutschland verstreuten ehemaligen Einwohner verschickte. Für diese Tätigkeit hat sie einst vom Stuttgarter Bürgermeister das Verdienstkreuz der Bundesrepublik verliehen bekommen. Bei der kleinen Feier im Stuttgarter Rathaus waren I. und ich damals als einzige aus der Verwandtschaft zugegen.
Ich möchte nun als erstes eine Stelle aus den Aufzeichnungen des Dyhernfurther Bürgermeisters Kriebel abtippen, die ich gestern Abend auch Lena vorlas, weil sie in gewisser Weise unseren Erfahrungen an der weißrussisch-polnischen Grenze[2] entsprechen:
„Unsere oben geschilderten Erlebnisse sind, im Großen und Ganzen, die gleichen aller Anderen, die in das sogenannte „polnische Verwaltungsgebiet“ zurückgekehrt und dann daraus vertrieben wurden. Waren wir bis dahin Flüchtlinge oder Evakuierte, so sind wir jetzt, seit der Ausweisung aus Schlesien, widerrechtlich Vertriebene.
Die Behandlung durch die Russen war unvergleichlich besser als durch die Polen. Die vielen Vergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen durch die Russen waren natürlich sehr schlimm, ließen aber später nach. Über die Polen hörte man derartige Klagen nur selten. Sie hatten meist ihre Frauen bei sich. Was aber die sonstige Behandlung betrifft, so ist sie durch die Russen doch immerhin erträglich, durch die Polen aber unter aller Würde gewesen. Es wurde geplündert, geraubt und geprügelt, und zwar in Anwesenheit und unter Mitwirkung der Polizei, des Bürgermeisters und dessen Angestellten sowie der polnischen Parteifunktionäre. Wenn einer oder der andere von uns dabei scheinbar etwas besser wegkam, so nur aus dem Grunde, weil es bei ihm nichts mehr zu klauen gab. Es gab die tollsten Lumpen unter den polnischen Beamten. Ein Kerl lief anfangs immer in polnischer Korporalsuniform herum. Er war früher deutscher Soldat gewesen und hatte als solcher ein Bein verloren und hatte auch im Werk in Dyhernfurth gearbeitet. Nachdem seine Versuche, uns über alles Mögliche auszuhorchen, vergeblich waren, behandelte er uns schlecht. Außerdem war er dauernd besoffen. Das waren sie jedoch fast alle. Was sich zu Schnaps verarbeiten ließ, wurde auch dazu benutzt – Getreide, Rüben, Kartoffeln. Die Amerikaner schickten Saatgetreide, die Polen machten Schnaps daraus.
(…)
Ein weiteres Beispiel für den Unterschied im Benehmen der Russen und Polen war folgendes: Die Russen haben unser Kriegerdenkmal ausgebessert, als es beschädigt war. Die Polen ließen sämtliche Denkmäler durch die Deutschen selbst zerstören.
Motto: ‚Liebet eure Feinde‘
Leese, 4.11.47                                                                                                 Friedrich Kriebel



[1] In einem Haus in dieser zentralen Straße Breslaus wohnte auch Rudolf Steiner, als er zu Pfingsten 1924 auf dem Gut Koberwitz des Grafen Karl von Keyserlingk, das in unmittelbarer Nachbarschaft des Gutes meiner Urgroßeltern mütterlicherseits lag, die Vorträge zum „Landwirtschaftlichen Kurs“ hielt, die später zur biologisch-dynamischen Landwirtschaft und zu „Demeter“ führten. https://anthrowiki.at/Biologisch-dynamische_Landwirtschaft

Freitag, 8. September 2017

Zu Erika Steinbachs Pforzheimer Rede

Den Text, den ich gestern und vorgestern geschrieben habe, habe ich auf meinem Weblog veröffentlicht[1] und tatsächlich positive Reaktionen bekommen. Was mich besonders gefreut hat, war ein kurzer Kommentar von Rolf D., der folgendes schrieb:
Der Traum vom Kommunismus. Und wer diesem nicht entspricht, der wird umgebracht. Das können auch gerne Millionen sein, spielt doch keine Rolle. Ach, die "Überzeugten", eine wahrlich unangenehme Sorte Mensch.
Aber auch mein leider noch nicht persönlich bekannter Facebook-Freund Wilfried M. kommentiert seit einiger Zeit meine Posts – immer sehr intelligent und tiefsinnig.
Anders geht es mir mit Constance H. Sie hängt an meine Posts oft Links an, die mir nicht so gut gefallen. Sie stammen offensichtlich aus dem Bereich der Reichsbürger, die dem Wahn verfallen sind, dass die Bundesrepublik Deutschland kein Staat, sondern eine Firma sei. Ich halte das für abstrus und kann es nicht ernst nehmen.
Bisweilen postet sie jedoch auch Dinge, die mich weiter bringen oder mir neue Einsichten verschaffen. So hörte ich gestern Abend noch die Rede von Erika Steinbach auf einer Wahlkampf-Veranstaltung der AFD in Pforzheim am 6. September 2017[2], die Constance auf ihrer Facebook-Seite empfohlen hatte.
Die langjährige CDU-Politikerin (geboren am 25. Juli 1943 bei Danzig) und frühere Präsidentin des „Bundes der Vertriebenen“[3] (von 1998 – 2014) war bereits am 15. Januar 2017 aus der Partei ausgetreten und hat nach der Entscheidung des Bundestages zur „Ehe für alle“ als fraktionsloses Mitglied des Bundestages als eine der wenigen den Verstand behalten und sich klar gegen diesen Beschluss geäußert.
Sie verkörpert für mich in mancher Beziehung als eine der wenigen MDBs den gesunden Menschenverstand in der heute weitgehend wieder ideologisierten Politik. Leider folgen auch viele  AFD-Wähler solchen ideologischen Abstraktionen, anstatt von realen „Erfahrungen“ auszugehen.
Aber im Prinzip hat Erika Steinbach Recht: Angela Merkel hat seit nunmehr sieben Jahren die Beschlüsse des Deutschen Bundestages ignoriert und selbstherrlich regiert, ohne sich um Recht und Gesetz zu kümmern. Das begann 2010 mit den Euro-Rettungs-Paketen, die klar dem „Euro-Stabilitätspakt“ widersprachen (Steinbach Rede ab Minute 12.02). Das ging weiter mit dem Schnellschuss der Energie-Wende. Vorher war ein klarer, geregelter Ausstieg aus der Kernenergie vom Parlament beschlossen worden, der plötzlich nicht mehr galt. Wegen der überstürzten Energiewende müssen wir Bürger heute die teuersten Strom-Preise in Europa bezahlen. Und das gipfelte in Merkels spontanem Entschluss im September 2015, die Grenzen für Flüchtlinge aller Art zu öffnen und dadurch eine illegale Einwanderung nach Deutschland zu befördern, die die Behörden bis heute überfordert. Schließlich machte sie beim kürzlichen Fernsehduell mit Martin Schulz wieder so einen „Schnellschuss“: Sie wollte – ohne Abstimmung mit unseren europäischen Partnern – die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beenden.
Das ist keine rationale Politik. Das ist Politik aus dem Bauch. Es ist Populismus.
Aber er wird von den Medien, die Frau Merkel offenbar feiern, nicht als solcher erkannt. Die Frau Doktor erscheint als intelligenter als ihr Kollege Donald Trump, der seine Politik ebenso aus dem Bauch heraus begründet wie Frau Merkel und damit nur Unheil anrichtet.
Es bedarf schon einigen Rückgrats, um aus einer "Minderheitsposition" heraus dieser Form von Politik zu widerstehen. Und das hat Frau Steinbach in ihrer Rede immerhin gezeigt.




[3] Durch diese Tätigkeit steht mir als Kind von Heimatvertriebenen Erika Steinbach auch „persönlich“ nahe. Mein Großvater Dr. Waldemar Rumbaur hatte sich ebenfalls für die Heimatvertriebenen engagiert und war lange stellvertretender  Bundesvorsitzender der „Landsmannschaft Schlesien“. http://kulturportal-west-ost.eu/biographien/rumbaur-waldemar-2  

Die Ermordung des letzten russischen Zaren

Am Nachmittag habe ich weiter bei Radsinski über das Schicksal der Zarenfamilie gelesen. Dabei wird ziemlich ausführlich die Geschichte des bolschewistischen Kommissars und Terroristen Wassili Jakowlews und seines Vorgesetzten Jakow Swerdlow erzählt, die die Überführung der Familie vom sibirischen Tobolsk nach Jekaterinburg im Ural organisierten und dabei sämtliche Tricks anwendeten, die bei Terroristen üblich sind. Die Strategie hatte Lenin in einem Brief an seine Kampftruppen bereits am 3. Oktober 1905 verkündet[1]:
„Gründet sofort Kampftruppen, überall und allerorts, sowohl bei den Studenten als auch besonders bei den Arbeitern… Sie sollen sich unverzüglich selber bewaffnen, so gut jeder kann, mit Revolvern, Messern, petroleumgetränkten Lappen, um Feuer anzulegen usw. … Die Abteilungen sollen jetzt gleich, unverzüglich ihre militärische Ausbildung mit praktischen Kampfhandlungen beginnen. Die einen werden einen Spitzel töten oder ein Polizeirevier in die Luft sprengen, andere werden eine Bank überfallen, um Geldmittel für den Aufstand zu konfiszieren … Jede Abteilung soll selbständig lernen, sei es durch Verprügelung von Polizisten.“ (S 280)
Solche revolutionären Phrasen wirkten noch bei meinen kommunistischen Kommilitonen nach, die während meines Studiums in den 70er Jahren immer noch von der Weltrevolution träumten[2]. Die RAF (Rote-Armee-Fraktion), die ziemlich genau vor 40 Jahren in Köln den Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer entführte und dabei drei Stuttgarter Polizisten tötete, haben Lenins Direktive knapp 75 Jahre später noch einmal „umgesetzt“.
Swerdlow und Jakowlew waren, wie alle bolschewistischen Führer, atheistische Juden. Sie spielten in aller Regel ein doppeltes Spiel. So konstatiert Radsinski auf Seite  279 im Kapitel „Die geheime Mission“:
„Die nach Tobolsk entsandte ‚militärische Verstärkung‘ hatte tatsächlich die geheime Mission, den Zaren und seine Familie nach Moskau zu überführen. Aber der gewiefte Swerdlow[3] erklärte nicht, dass die „Ergänzung“ Jekaterinburg nun das gesetzliche Recht gab, die Zarenfamilie für sich zu fordern. Das doppelte Spiel Swerdlovs hatte begonnen. Dieses Spiel würde alle künftigen Historiker verwirren. Mit der Leitung war Wassili Jakowlew betraut.“

Jetzt habe ich beinahe das ganze Buch von Radsinski gelesen. Die grausamen Berichte von der Erschießung der Zarenfamilie und ihrer Nächsten, insgesamt elf Personen, sind wahrlich kaum auszuhalten. Dokumente über diese Morde wurden erst kurz vor Zusammenbruch der Sowjetherrschaft bekannt. Radsinki war der erste Historiker, der sie in Archiven auffand und begann, sie – zunächst 1989 in einer russischen Zeitschrift, dann in seinem 1992 erschienenen Buch – zu veröffentlichen.

Der Mörder des Zaren, Jakov Jurowski, der im Buch auch als „Der schwarze Mann“ bezeichnet wird, hat einen Bericht von der Hinrichtung verfasst. Radsinski versucht, seinen Hass zu verstehen:
„Wenn man später das Unmenschliche, das im Souterrain des Ipatjew-Hauses geschah, zu erklären versuchte, bezeichneten die einen Jurowski und seine Genossen als Mörder und Sadisten. Die anderen sahen in der Erschießung der Zarenfamilie die blutige Rache der Juden am rechtgläubigen Zaren (…). Damit ließ sich das Geschehen leichter erklären. Rache für die bestialischen Pogrome, für die tägliche Erniedrigung!
Wäre es so gewesen, dann wäre darin, so schrecklich es klingen mag, doch etwas gewesen, was der menschliche Verstand zu erfassen vermag. Aber es war alles anders.
In seinem letzten Brief aus dem Kremlkrankenhaus schrieb der todkranke Jurowski: ‚Unsere Familie litt weniger unter dem ständigen Hunger als unter dem religiösen Fanatismus des Vaters. An Feiertagen wie an Werktagen mussten wir Kinder beten, und es ist nicht verwunderlich, dass mein erster aktiver Protest gegen die religiösen, nationalistischen Traditionen gerichtet war. Ich hasste Gott und die Gebete, wie ich die Armut und meine Herren hasste.‘
Ja, er hasste die Religion seiner Väter und ihren Gott.
Jurowski und Golostschokin hatten ihr Judentum schon in der Jugend verworfen. Sie dienten einem ganz anderen Volk. Dieses Volk lebte ebenfalls auf der ganzen Welt. Es war das weltweite Proletariat. Das war das Volk Jurowskis, Nikulins, Golostschokins, Beloborodows und des Letten Bersin.
Und die Partei, der sie angehörten, versprach, auf der ganzen Erde die Herrschaft dieses Volkes zu befestigen. Dann musste das lang ersehnte Glück der Menschheit anbrechen.
Aber dazu musste ein grausamer Kampf geführt werden. ‚Hebamme der Geschichte‘, nannten sie Blut und Gewalt.
Die Revolutionäre des 19. Jahrhunderts, Netschajew und Tkatschew, hatten überlegt: wie viele Menschen der alten Gesellschaft müssen wir vernichten, um eine glückliche Zukunft zu errichten? Sie waren zu dem Schluss gekommen: Wir müssen darüber nachdenken, wie viele wir ‚übriglassen‘. Es ging um die ‚Methode der Aussonderung der kommunistischen Menschheit aus dem Material der kapitalistischen Epoche‘ (Bucharin).
Sie machten sich an die Arbeit – sie sonderten aus dem menschlichen Material aus.
Trotzki: ‚Man muss für immer Schluss machen mit dem Popen- und Quäkergeschwätz über den heiligen Wert des menschlichen Lebens.‘ Und sie machten damit Schluss. Unbeugsamer Klassenhass beherrschte ihre Seelen. (…) 
Sie verwirklichten die große Mission, die ihnen ihr Lehrer Marx im Namen der Zukunft hinterlassen hatte: die Agonie der überlebten Klassen zu beschleunigen.“ (Edward Radsinski, Nikolaus II, 1992, S 331f)




[1] Später hat er diese Strategie zwar offiziell zurückgenommen, aber, so Radsinski, „Doch wie immer in der Geschichte der Bolschewiken stand hinter dem Offensichtlichen das Geheime. (…) Nachdem sie den Terrorismus aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung verboten hatten, unterstützten sie ihn heimlich.“ (S 280)
[2] Selbst jetzt im Bundestagswahlkampf tritt eine kommunistische Partei, die MLPD, an. Von ihren Plakaten schauen Marx und Lenin immer noch als die längst entthronten Götter herab. Ich kann es nicht fassen, dass es immer noch Leute gibt, die vom Kommunismus träumen.
[3] Kommissar der Bolschewisten im Ural-Gebiet

Mittwoch, 6. September 2017

Nach der Reise

(...) Genau der gleiche Altersunterschied von 14 Jahren bestand, wie ich gerade heute erfuhr, zwischen Lou Andrea-Salome und Rainer Maria Rilke. Der spätere Schriftsteller Boris Pasternak erinnert sich in seinem autobiografischen „Geleitbrief“ an die Begegnung mit den beiden in einem Schnellzug von Moskau nach Kiew. Damals war er zehn Jahre alt und in Begleitung seines Vaters, dem Maler Leonid Pasternak. Dreißig Jahre später beginnt er seine Autobiografie mit dem Bericht von dieser ersten Begegnung, die für den russischen Schriftsteller und Autor von „Doktor Schiwago“ offenbar sehr wichtig war:
„An einem heißen Sommermorgen des Jahres 1900 verließ ein Schnellzug den Kursker Bahnhof in Moskau. Unmittelbar vor der Abfahrt trat ein Mann im schwarzen Tiroler Umhang an das Fenster unseres Abteils. Mit ihm eine hochgewachsene Frau. Sie mochte wohl seine Mutter oder seine ältere Schwester sein.“
Der Mann im Tiroler Umhang war der damals knapp 25-jährige Rainer Maria Rilke und die Frau, die seine Mutter sein könnte, die 39-jährige Lou Andreas-Salome. Diese in Sankt Petersburg geborene ungewöhnliche Russin war damals also genauso alt wie Lenas Schwester Olga heute, mit der wir meine erste Russlandreise unternommen haben.
Rilke war zweimal in Russland: 1899 und 1900.
Eben habe ich mich in dem Katalog zur Ausstellung, die wir vor ein paar Monaten in Marbach angeschaut haben, wieder mit diesen beiden Reisen beschäftigt und mich dabei wieder an das wunderbare Gedicht erinnert, das ich meiner estnischen Facebook-Freundin Hela Erenpreis bei ihrem Besuch im vergangenen September vorgetragen habe: „Es neigt sich die Stunde und rührt mich an/mit klarem, metallenem Schlag.“
Rilke hat Russland mit seiner Dichterseele verklärt. Er hat dort tiefe religiöse Erfahrungen machen dürfen. Die habe ich auch gemacht, aber mehr noch habe ich die Schattenseiten erleben müssen, die Russland heute beinahe westlicher erscheinen lassen als den Westen: überall gibt es gefüllte Supermärkte, dicke westliche Autos, vorwiegend SUVs, und betriebsame sinnlose Hektik. Dieses Land hat noch nicht zu sich selbst gefunden. Die Menschen wissen nicht mehr, wohin sie gehören. Der Kapitalismus ist dabei, die Menschen dieses Landes zu verderben, nachdem ihnen der Kommunismus den Glauben ausgetrieben hat. Ich erlebte den reinsten Materialismus allerorten. Ikonen und Kirchen sind nur noch Schmuckstücke, die meisten Gottesdienste nur noch schöne theatralische Rituale. Sankt Petersburg mit seinen Palästen lebt vom Glanz vergangener Tage.
Im Katalog zur Ausstellung, den ich heute Abend wieder vorgenommen hatte, heißt es auf Seite 106:
„Der junge Rilke hatte 1899 in der Moskauer Osternacht nicht nur das ‚Herz Russlands“ schlagen gehört und erkannt, dass dieses Land das einzige sei, ‚durch welches Gott noch mit der Erde zusammenhängt‘. Er hatte mit den ‚alten, nachgedunkelten Ikonen‘ auch das wichtigste Symbol der russischen Frömmigkeit kennengelernt, in das er den gefährdeten Gott der europäischen Tradition gerettet sah.“
Auf der gegenüber liegenden Seite 107 des Katalogs ist die schon einmal erwähnte Ikone aus Rilkes Besitz abgebildet, die die heilige Dreieinigkeit von Glaube (Vera), Liebe (Ljubov) und Hoffnung (Nadeschda) zeigt. Die drei christlichen Kardinaltugenden „Fides“, „Caritas“ und „Spes“, die zum Beispiel auch auf dem Baldachin der Kanzel in der Ellwanger Sankt-Vitus-Basilika als Allegorien stehen, erscheinen hier auf der Ikone als die drei Töchter der Heiligen Sophia.
Plötzlich erinnere ich mich, dass wir an jenem 20. August, der für mich mit Abstand der wichtigste Tag unserer Russlandreise war, eine Frau namens Nadeschda getroffen haben, die uns zuerst die Dreifaltigkeitskirche und später den Park von Oranienbaum gezeigt hat. Durch sie haben wir letztlich auch Vater Andrej kennengelernt.
Wenn Lenas Mutter durch ihren Namen „Tatjana“ und ihre unbändige Energie einen wesentlichen Teil der russischen Seele verkörpert, so zeigt Nadeschda durch ihren Namen die „Hoffnung“ an, dass es eines Tages im Sinne von Herder, der in seinen „Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit“ zum ersten Mal vom Slawentum als dem Träger einer zukünftigen Kultur sprach und die „Slawen im Ganzen als friedliebend, jugendlich, leidbegabt und naturverbunden“ (Katalog S 14) bezeichnete, dazu kommen wird, dass diese Völker tatsächlich die Träger der zukünftigen Sechsten Kulturepoche des Geistselbst werden, die auf wahrer Brüderlichkeit – und nicht auf falschem Sozialismus –  aufgebaut ist.
Schwäbisch Hall, der 03. September 2017 (Sonntag, 4.55 Uhr)
Gestern habe ich mich mit einem deutschen Dichter beschäftigt, der um die Wende vom 19. Zum 20. Jahrhundert in Russland seine Seele entdeckt hat und in dem berühmten Gedicht aus dem „Buch vom mönchischen Leben“ nach der ersten Reise (vom 25.04. – 18.06.1899) im Herbst 1899 meinte, dass „nichts (…) noch vollendet (war), eh ich es erschaut“ und behauptet: „meine Blicke sind reif, und wie eine Braut, kommt jedem das Ding, das er will.“
Bereits am Donnerstag las ich in dem Buch „Erinnerungen, Briefe, Dokumente 1877 – 1916“ von Generaloberst Helmuth von Moltke das Kapitel über seinen zweiten Besuch in Sankt Petersburg im Oktober 1895 noch einmal. Ich hatte die Erstausgabe des Bandes aus dem Jahr 1922 einmal in der Bibliothek der Anthroposophischen Gesellschaft von Heidenheim erhalten, in der mehrere Exemplare standen. Später (am 20.11.1999) habe ich für fast 100 Euro die zweibändige Neuausgabe aus dem Perseus-Verlag in Basel nach einem Vortragsabend mit Thomas Meyer gekauft und den ersten Band unmittelbar darauf ganz gelesen. Es ist ein einmaliges Zeitdokument eines bedeutenden Mannes und Freundes von Rudolf Steiner.
Moltke war am Michaelstag 1895 in Sankt Petersburg angekommen, um im Auftrag von Kaiser Wilhelm II. Zar Nikolaus II. ein „Handschreiben“ und ein Bild des Malers Hermann Knackfuß (1848 – 1915) zu überreichen, das dieser im Auftrag des Kaisers und nach seinen Angaben gemalt hat.[1]
Es trägt den Titel „Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter“
Helmuth von Moltke beschreibt es so:
„Das Bild zeigt eine Gruppe weiblicher Figuren, die im antiken Kostüm, in der Art der Walküren, auf einem Felsvorsprung stehen und über eine mit blühenden Städten, schiffbefahrenen Flüssen und beackerten Feldern bedeckte Ebene hinwegschauen. Sie stellen die europäischen Staaten vor. Im Vordergrunde Deutschland, eng an dasselbe geschmiegt Russland, zur Seite Frankreich, dahinter Österreich, Italien, England usw.

Vor ihnen steht, mit der Hand in die Ferne weisend, das Flammenschwert in der anderen, der Cherub des Krieges[2], über der Gruppe schwebt, von Strahlen umgeben das Kreuz. Hinter der blühenden Landschaft, die Handel und Gewerbe, europäische Kultur und Gesittung versinnbildlicht, sieht man den qualmend aufsteigenden Rauch einer brennenden Stadt. Der Schwaden zieht in dicken Wolken, die sich zur Form eines Drachens zusammenballen, drohend heran. Aus dem Qualm steigt das Bild Buddhas auf, das mit stieren, kalten Augen auf die Zerstörung blickt. – Der Sinn des Ganzen ist der in der Zukunft heraufdämmernde Existenzkampf der weißen und gelben Rasse. – Die Idee zu dem Bilde ist Sr. Majestät gekommen, wie bei Abschluss der Friedenspräliminarien zwischen China und Japan die Gefahr vorlag, dass die ungeheure Masse des chinesischen Reiches, auf dessen Entwicklung Japan einen entscheidenden Einfluss zu gewinnen suchte, durch dieses tätige, nach expansiver Entwicklung strebende Land organisiert und in Gärung gebracht werden könnte, und dass dann die Woge der gelben Rasse sich verderbenbringend über Europa ergießen würde.[3] Unter dem Bild stehen, von der Hand des Kaisers geschrieben, die Worte: ‚Völker Europas, wahrt eure heiligsten Güter‘.“
Moltke fährt dann fort:
„Ich verfehlte nicht, nachdem ich die Erläuterung gegeben, hinzuzufügen, dass diese Gefahr durch die Weisheit der Politik und des gemeinsamen Handelns Russlands, Deutschlands und Frankreichs vorläufig zurückgedämpft sei. – Der Kaiser (Zar Nikolaus II.) interessierte sich lebhaft für die Zeichnung, und ich musste ihm alle Details erklären. – Ich wies darauf hin, wie in den Silhouetten der Städte die Kuppel der orthodoxen Kirche neben dem Turm des protestantischen Münsters aufrage, und als der Kaiser auf eine Stadt deutend fragte, ob das Moskau sein solle, erwiderte ich, dass ich zwar nicht wüsste, ob Se. Majestät, mein allergnädigster Herr, gerade diese Stadt im Auge gehabt habe, dass aber Moskau sicherlich ebenso bedroht sein würde wie jede andere europäische Stadt.“
Nachdem Helmuth von Moltke dem Kaiser das Bild im Alexander-Palast von Zarskoje Selo überreicht und erläutert hatte, wurde er zur Kaiserin Alexandra Fjodorowna vorgelassen. Dieses Ereignis beschreibt der Generaloberst so:
„Ich ließ mich nun bei Ihrer Majestät anmelden. Nach kurzer Zeit wurde ich zur Kaiserin geführt, die mich ganz alleine empfing. Es war auch hier keine Dame zugegen, und die Anmeldung erfolgte ebenfalls durch einen Kammerdiener. Die Kaiserin sah vortrefflich aus. Sie hatte frische Farben, strahlende Madonnaaugen und sah in ihrem faltigen Trauerkleide[4] aus wie eine wahre Kaiserin. – Sie unterhielt sich sehr freundlich mit mir, ich musste erzählen von dem Kaiser aus Rominten[5], von der Kaiserin und den Kindern, und wie sie mir zum Abschied  die Hand reichte, führte ich sie mit der Empfindung an die Lippen, dass die Russen ihrem orthodoxen Gott wohl dankbar sein können, dass er einen solchen Lichtengel auf den Thron des Zarenreiches berufen hat.“
Am 3. Oktober 1895 war Oberst Moltke noch einmal in Zarskoje Selo bei Zar Nikolaus II. Es war die „Abschiedsaudienz“. Dabei ging der Zar auf die Kaiser Wilhelm offenbar beunruhigenden Gerüchte aus Paris ein und sagte, in den Worten Moltkes „etwa folgendes“:
Se. Majestät beunruhigen sich wegen der Anwesenheit meines Ministers Lobanoff[6] in Frankreich. Derselbe hatte von mir Urlaub ins Bad erbeten, und telegrafierte mir von dort, ob ich gestatte, dass er der Revue beiwohne, die ihn sehr interessiere. Ich antwortete, dass ich nichts dagegen einzuwenden habe. Ich hatte ihm bei seiner Abreise den Auftrag gegeben, in beruhigendem Sinne auf die Franzosen zu wirken. Nachdem ich nun gesehen und auch durch den Brief Sr. Majestät aufs neue darauf hingewiesen worden bin, dass im Gegenteil der französische Chauvinismus lebhaft erregt worden ist, habe ich Lobanoff aufs neue telegraphisch befohlen (und bei dem letzten Wort stießen Se. Majestät energisch mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte), sich nicht nur jeden demonstrativen Auftretens zu enthalten, sondern auch den französischen Chauvinismus abzukühlen, wo er ihm entgegentritt. Ich habe ihm ferner befohlen, auf seiner Rückreise eine Audienz bei Sr. Majestät dem Kaiser nachzusuchen, und stelle es Allerhöchstdemselben anheim, ob er ihn empfangen will. Wenn er ihn empfängt, wird er aus seinem Munde dasselbe hören, was ich Ihnen jetzt sage. Es war mir bisher nicht genügend bekannt, wie leicht die Franzosen Feuer fangen. Hätte ich dies gewusst und vorhersehen können, so hätte ich weder Lobanoff noch Dragomirow[7] die Erlaubnis erteilt, nach Frankreich zu gehen, und ich werde in Zukunft vorsichtiger mit meinen Herren sein.“
In Frankreich wurden während der Dritten Republik (1870 – 1945), die oft auch als „Freimaurer-Republik“ bezeichnet wird, weil ein Großteil der Minister Mitglieder im „Grand Orient de France“ waren, nach dem Sieg Deutschlands über Kaiser Napoleon III. im von Frankreich angezettelten „Deutsch Französischen Krieg“, bei dem Frankreich Elsass-Lothringen abgeben musste, systematisch Revanche-Gefühle geschürt, vor allem später unter dem Lothringer Finanz- und Kulturminister, dann Ministerpräsidenten und schließlich Staatspräsidenten Raymond Poincare (1860 – 1934), der die Deutschen hasste, seit er als Zehnjähriger mit ansehen musste, wie sie seine Heimatstadt Bar le Duc eroberten. Damals wurden schon die Pläne eines französisch-russischen Bündnisses geschmiedet und es ist allzu verständlich, dass Deutschland in Gestalt von Kaiser Wilhelm beunruhigt war.
Dann lässt sich Zar Nikolaus über die Presse aus, die schon damals vorwiegend in der Hand von jüdischen Redakteuren lag:
„Se. Majestät kamen dann auf die französische Presse zu sprechen, äußerten sich darüber, wieviel Unheil die Presse schon in der Welt angerichtet, und fuhren dann fort: ‚Ich vermute, dass Se. Majestät in der Stille seines Jagdaufenthalts, wo keiner seiner Minister bei ihm war, erregt worden ist, durch die Lektüre der Zeitungsausschnitte, und ich kann dies vollkommen begreifen. Wenn man nur in dieser Form die Nachrichten aus Frankreich liest, so kann ich mir denken, dass die Nachrichten von dort alarmierend wirken müssen. Ich selber habe mir die Zeitungsausschnitte verbeten, die man mir zuerst auch vorlegen wollte. Ich fürchte durch sie nur Kenntnis zu erhalten von einer bestimmten Richtung, die zu bestimmen in der Hand desjenigen liegt, der Ausschnitte auswählt und anfertigt. Ich lese stattdessen eine deutsche (…), eine französische (…), eine englische und eine russische Zeitung, - letztere nicht gern, denn sie taugen alle nichts, und indem ich so die verschiedenen Stimmen höre, suche ich mir mein Urteil selber zu bilden. Ich lege aber nicht zu viel Wert auf die Zeitungen, denn ich weiß, wie sie gemacht werden. Da sitzt irgendein Jude, der sein Geschäft damit macht, wenn er die Leidenschaften der Völker gegeneinander aufhetzt, und das Volk, meist ohne eigenes politisches Urteil, hält sich an die Phrase. Deswegen werde ich auch die russische Presse nie freigeben, solange ich lebe. Die russische Presse soll nur schreiben, was ich will (und damit stießen Se. Majestät wieder mit dem Zeigefinger auf den Tisch), und im ganzen Land darf nur mein Wille herrschen.‘
Se. Majestät führten sodann aus, wie der Russisch-türkische Krieg nur den Hetzereien der Presse zu verdanken sei, und wie diese auch jetzt die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland sowie Frankreich verderbe und die Empfindungen verbittere, und sagten dann: ‚Zwischen Deutschland und Russland ist seit hundertfünfzig Jahren kein Krieg gewesen. Deutschland hat sich mit ungefähr allen seinen Nachbarn geschlagen, nur mit uns nicht, und es ist auch ein Unding, an einen Krieg zwischen Deutschland und Russland zu denken, da diese beiden Länder gar keine miteinander kollidierenden Interessen haben.‘
Russland war nach der „Aufteilung“ Polens am Ende des 18. Jahrhunderts vor dem Ersten Weltkrieg unmittelbarer Nachbar des Deutschen Reiches.
Moltke fährt fort:
„Sodann erzählte Se. Majestät, dass ihm aus den deutsch-russischen Grenzdistrikten laufend Berichte zugingen, aus denen Er zu Seiner Freude ersehe, wie das Verhältnis zwischen den beiderseits  an der Grenze stehenden  Truppen ein ausgezeichnet gutes sei. Die Offiziere machten sich gegenseitig Besuche, lüden sich ein und hielten gute Kameradschaft. Alles Nachrichten, worüber Er Sich aufrichtig freue. Hier wenigstens sei nichts von der Animosität zu bemerken, die sich in der Presse breit mache.
Ich bemerkte nun: ‚Wollen Ew. Majestät mir allergnädigst erlauben, noch einmal darauf zurückzukommen, dass wir nach den Gesinnungen, die Ew. Majestät äußern, gewiss keinen Grund haben, Besorgnisse von seiten Russlands zu hegen. Das was wir aber befürchten müssen, ist das leicht erregbare Temperament der französischen Nation, das natürlich durch die Anwesenheit der russischen Generäle und Staatsmänner noch mehr erhitzt wird.‘ Der Kaiser erwiderte: ‚Ich weiß es, aber sagen Sie dem Kaiser, dass ich die Ruhe aufrecht erhalten werde. (…) Es liegt mir außerordentlich viel daran, dass wir (Deutschland und Russland) die guten Beziehungen zueinander aufrecht halten. Wir sind gegen Sie noch weit zurück, haben unendlich viel zu tun im Innern. Wir produzieren hauptsächlich Getreide, Sie industrielle Waren, die wir austauschen müssen. Ein Krieg zwischen uns würde beiden Völkern unendliches Leid bringen.“
Diese Worte, wiedergegeben von einem sensiblen, doch exakten Militär, der anders als der Dichter Rilke nicht so schnell ins Schwärmen gerät, wurden von Zar Nikolaus II. 19 Jahre vor dem Beginn des Ersten Weltkrieges gesprochen, dessen verhängnisvollen Folgen bis heute auf Deutschland lasten.


Schwäbisch Hall, der 04. September 2017 (6.00 Uhr)
Gestern habe ich den ganzen Tag nichts anderes getan, als mich in das Leben des Zaren Nikolaus II. zu vertiefen.  Ich las die ersten 200 Seiten der Biografie von Edward Radsinski, „Nikolaus II. – Der letzte Zar und seine Zeit“[8], ein Taschenbuch, das ich bereits vor 20 Jahren (am 4. April 1997) in Pforzheim gekauft hatte und das bis jetzt ungelesen in meinem Bücherschrank gestanden und mindestens fünf Umzüge erlebt hat.
Ich bin nicht einmal in die Kirche gegangen, obwohl ich mich nach über vier Wochen wieder nach einem Gottesdienst oder der Menschenweihehandlung gesehnt hatte. Auch den Fernseher habe ich nicht eingeschaltet, nicht einmal zur Tagesschau und auch nicht für das Fernsehduell zwischen Kanzlerin Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Schulz.[9].
Ich war vollkommen vertieft in jene Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges und konnte dem Zar und seiner Frau, der Deutschen Alix von Hessen-Darmstadt, durch die abgedruckten Briefe und Tagebuchauszüge tief in die Seelen schauen.
Durch das Geschenk von Vater Andrej, das Bild von der Zarenfamilie, das nun in meinem Schlafzimmer steht, fühle ich mich beinahe schicksalhaft mit diesen Menschen, die auf so tragische Weise enden mussten, verbunden.
Selten war ich so motiviert, mich mit einer Biografie eines Monarchen zu beschäftigen wie nach unserer Reise, bei der ich die meisten Orte der Handlung persönlich kennenlernen durfte. So steht alles noch viel plastischer und klarer vor meinem inneren Auge, so als könnte ich den Zar, seine arme Frau und seine Kinder persönlich auf ihren Gängen durch die Orte und die Zeit begleiten. Ein großes Rätsel bleibt dabei der sibirische Bauer Grigori Rasputin, der in dem Buch von Radsinski öfters als „der Heilige Teufel“ oder auch als „der böse Genius des russischen Volkes“ bezeichnet wird.
Die gesamte weitverzweigte Romanov-Familie stellte sich gegen diesen „Heiligen Starez“ und schließlich sogar gegen die feindliche „deutsche Spionin“ auf dem Zarenthron. Nur Zarin Alexandra Fjodorowna hielt zu ihm und schrieb ihrem Mann zum Beispiel am 16. Juni 1915 ins Hauptquartier der Russischen Armee folgende Worte über den „Freund“:
„Mir ist schwer und traurig ums Herz. Ich muss immer daran denken, was unser Freund sagt. Oft schenken wir seinen Worten nicht die nötige Aufmerksamkeit. Er war so gegen Deine Abreise ins Hauptquartier, weil sie Dich dort zwingen können, Dinge zu tun, die besser unterbleiben sollten. Wenn er Dir von irgendeiner Sache abrät und Du nicht auf ihn hörst, stellst Du im Nachhinein jedes Mal fest, dass Du unrecht hattest. Er (Nikolascha) missbilligt Grigoris Besuche in unserem Haus, darum hält er Dich im Hauptquartier fest, möglichst weit weg von ihm. Wenn sie nur wüssten, diese blinden Menschen, wie sie Dir mit ihrem Hass auf Grigori schaden, statt Dir zu helfen. Erinnere Dich, in einem Buch, das wir lasen, stand geschrieben, das Land, das von einem Gottesmann gelenkt werde, könne nicht zugrunde gehen. Oh, lass Dich mehr von ihm lenken.“ (Radsinski, S 158)




[2] Erzengel Michael, der Schutzpatron Deutschlands, wie Sankt Georg sowohl der Schutzpatron Russlands als auch Groß-Britanniens ist.
[3] In gewisser Beziehung hatte der Kaiser die Zukunft richtig vorausgesehen. Sowohl in Rom 2015 als auch jetzt wieder in Sankt Petersburg sah ich Scharen von Asiaten – vielleicht Chinesen, vielleicht Südkoreaner – sich busseweise über die Haupt-Sehenswürdigkeiten „ergießen“. Sie waren überall und fotografierten ohne Verstand alles, was ihnen vor die teure Kamera (meist der Marke Nikon) kam. Die Museumswärterin, mit der sich Lena in der Eremitage lange unterhielt, war entsetzt, wie respektlos „die Chinesen“ alles berührten oder fotografierten. Einmal riss ein Chinese Lena einen Schmucklöffel aus der Hand, den sie an einem Souvenirstand beim „Ehernen Reiter“ auf dem Senatsplatz westlich der Admiralität gerade anschaute und praktisch schon gekauft hatte. Im Katharinen-Palast in Zarskoje Selo drängte sich ein älterer Chinese mit seiner Frau an der wartenden Schlange vorbei und stellte sich ganz vorne an.
[4] Ein Jahr zuvor war der Vater von Zar Nikolaus II., Alexander III. gestorben.
[5] Das erst 1890 im schwedischen Stil eingerichtete Jagdschlösschen in der Rominter Heide bei Königsberg war Kaiser Wilhelms gern besuchter Landsitz, von dem der leidenschaftliche Jäger zu seinen Touren aufbrach.
[6] Alexej Lobanov Rostovsky (1824 – 1896), ein Nachkomme von Rurik, war von 18. März 1895 bis zu seinem Tod am 30. August 1896 Außenminister Russlands unter Zar Nikolaus II. https://en.wikipedia.org/wiki/Aleksey_Lobanov-Rostovsky
[7] Michail Iwanowitsch Dragomirow (1830 – 1905) war ein General der russischen Armee. https://de.wikipedia.org/wiki/Michail_Iwanowitsch_Dragomirow
[8] Die Originalausgabe erschien 1992, bereits im gleichen Jahr die deutsche Übersetzung von Renate Landa
[9] Lena hat es angeschaut.

Freitag, 1. September 2017

Grenzerfahrungen - aus meinem Reisetagebuch


Die leider viel zu kurze Zeit bei Lilia, ihrem Mann und ihren Kindern waren von Herzlichkeit geprägt.
Dobrusch im weißrussischen Dreiländereck liegt etwa 30 Kilometer von der russischen Grenze im Osten und etwa 40 Kilometer von der ukrainischen Grenze im Süden entfernt. Bis Kiew sind es nur noch etwa 300 Kilometer. Der Fluss Iputz, der einen nördlichen Teil von Dobrusch, in dem Lilia mit ihrer Familie wohnt, und einen südlichen Teil mit dem Bahnhof voneinander trennt, fließt in Gomel, der zweitgrößten Stadt Weißrusslands, in den Sosch, einen Nebenfluss des Dnjepr, der im Süden auch ein Stückchen weit Grenzfluss zur Ukraine ist. Es gibt den Rest einer mittelalterlichen Brücke in Nord-Dobrusch, an dem zwei geschnitzte Figuren stehen, die vermutlich Wikinger darstellen sollen. Ich denke, die Waräger sind bei ihren Fahrten auf dem Dnjepr auch den Sosch und den Irputz hochgefahren. Jedenfalls gehörte der größte Teil des südlichen Weißrussland vor 1000 Jahren noch zum ersten russischen Großfürstentum, zum Reich von Kiew.


Als wir am Montagmittag mit Lilia im nördlichen Teil von Dobrusch einkaufen gingen, erlebten wir eine Stadt, die wie aus der Zeit gefallen schien. Das zentrale Lenin-Denkmal steht am Eingang einer mit gepflegten Laubbäumen bepflanzten Esplanade, an der etwa dreistöckige Häuser standen, in denen im Erdgeschoss kleine Geschäfte untergebracht sind. In einem eher wie ein Kiosk aussehenden Häuschen war eine Bank untergebracht. Wir mussten draußen warten, bis der Kunde vor uns herauskam. Dann traten wir ein und wechselten an einem einzigen Schalter russische in weißrussische Rubel. Dabei ist der Wechselkurs eins zu zwei zum Euro. Wir bekommen also nicht die großen Rubelscheine, bei denen 200 Rubel gerade einmal knapp drei Euro sind. Jetzt sind zwei weißrussische Rubel einen Euro wert.
Lenin schaut auf einen großen Platz, an dem die wohl beste Metzgerei des Städtchens liegt, in der wir verschiedene Sorten der berühmten weißrussischen Wurst einkaufen. Wir müssen uns, wie in der sowjetischen Zeit, in eine Schlange einreihen, bis uns eine der drei Häubchen tragenden Verkäuferinnen bedient. Nicht weit von der Metzgerei ist ein etwas größerer Bau, man könnte fast sagen, eine kleine Fabrik. Hier gibt es ein paar Geschäfte, in denen zum Beispiel Kleider und Schuhe verkauft werden. In einem der hinteren Räume des Erdgeschosses hat Pavel seine winzige Leder-Werkstatt. Er arbeitet mit uralten Nähmaschinen und in der Werkstatt sieht es eher chaotisch aus. Er verdient je nach Saison umgerechnet 50.- bis 100.- Euro/Monat.
Wir besuchen ihn. Lilia, die sich mit Putzen Geld (umgerechnet 100.- Euro im Monat) verdient, hat an diesem Montag wegen unseres Besuchs extra frei genommen. Als wir von unserer Einkaufstour zurückkommen, ist auch Pavel zu Hause. Wir essen etwas zusammen. Ich entdecke eine leckere Fischpastete und einen mit Aprikosen bestückten Frischkäse. Es werden auch verschiedene Wurstsorten aufgetischt und ein dunkles weißrussisches Bier. Draußen im Garten fliegen auffallend viele Schmetterlinge und ich erfahre, dass Weißrussland die meisten Lebensmittel selbst herstellt und dass in dem Land wenig Pestizide und Kunstdünger in der Landwirtschaft verwendet werden, obwohl das Land 1986 besonders stark von der Atomkatastrophe im nur ca. 100 Kilometer südlich am Zusammenfluss des Pripjet mit dem Dnjepr gelegenen ukrainischen Kernreaktor von Tschernobyl betroffen war. Alles, was hier gegessen wird, hat noch den alten Geschmack, den Lilia und Lena aus ihrer Kindheit in Karaganda kennen. Die beiden Freundinnen erinnern sich gerne an diese gemeinsame Zeit in ihrer Heimatstadt.


Durch die Baptisten sind Lilia und Pawel auch nach Weißrussland ausgewandert. Sie konnten mit finanzieller Unterstützung der Gemeinde das 1978 gebaute Häuschen aus weiß gestrichenen Ziegelsteinen kaufen und sie können als siebenköpfige Familie auch heute (ohne staatliches Kindergeld) nur überleben, weil reichere Baptistengemeinden aus der ganzen Welt sie mit Spenden unterstützen, obwohl die Lebenshaltungskosten in diesem Land sehr gering sind. 
Dabei gefällt mir die Stimmung in dem nahezu autarken Land eigentlich ganz gut. Es herrscht Ordnung. Der Verkehr ist gut geregelt: es gibt viele Radaranlagen auf den gut ausgebauten Hauptstrecken. Die Weißrussen fahren wesentlich disziplinierter als die Russen und halten sich in der Regel an die vorgeschriebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen. Wir  fuhren auf den mehrspurig ausgebauten Strecken der Europastraße E 95 (von Sankt Petersburg nach Kiew) streckenweise 150 Stundenkilometer, als wir am Sonntag die etwa 1000 Kilometer lange Reise von Sosnovy Bor nach Dobrusch zu Lilia machten. Wir hatten dabei beinahe das ganze Land von Norden nach Süden durchquert. Am Dienstag haben wir dann das Land von Osten nach Westen auf der ebenfalls gut ausgebauten Fernstraße M 10 durchfahren. Nur die kleinen Verbindungen von Dorf zu Dorf müssen in miserablem Zustand sein, so wie der Weg, der zu Lilias Haus führt.
Auf den Fernstraßen darf man eigentlich nur 90 fahren, an den zahlreichen Fußgängerüberwegen nur 60. Auf den Nebenstraßen, die wir aber nicht benützen, kann man wohl wegen der vielen Schlaglöcher sowieso nicht schneller fahren. Einmal werden wir geblitzt, weil ich die Geschwindigkeitsbegrenzung nicht rechtzeitig gesehen hatte. Ich fuhr etwas schneller als 70 km/h, aber es waren nur 60 km/h erlaubt. Diese Geschwindigkeitsbeschränkung stand nicht auf einem Schild, sondern war als großes Verkehrszeichen auf die Straße gemalt, woran ich mich erst gewöhnen musste.
Was mir auffällt, sind die Plakate am Straßenrand des Stadtzentrums, die an die heroischen Taten der Weißrussen im Zweiten Weltkrieg erinnern sollen, oder die als Denkmale aufgestellten Panzer, von denen ich einen in Gomel und einen in Dobrusch sehe.
Lena erzählt mir, dass die Weißrussen vor allem als Partisanen gegen die deutschen Soldaten gekämpft hätten. Sie lebten in kleinen Bunkern in den beinahe undurchdringlichen, meist sumpfigen Wäldern. Die Deutschen brannten aus Rache die Holzhäuser der Weißrussen und manchmal ganze Dörfer nieder und sollen dabei auch die Einwohner getötet haben, die sie wohl für Angehörige der Partisanen hielten.
In diesem westlichen Teil Russlands lebten besonders viele Juden.  Allein in Gomel gab es 1939 fast 40000 Juden. Bei der Volkszählung von 1897 lag der jüdische Anteil laut Wikipedia bei 55 Prozent der Bevölkerung, vor dem Zweiten Weltkrieg (1939) noch bei knapp 30 Prozent. Die Deutschen sollen zwischen 3000 und 4000 von ihnen umgebracht haben. Am Anfang des 21. Jahrhunderts sind offenbar viele Juden ausgewandert, zum Teil auch nach Deutschland.
Wir trafen im Stadtzentrum, wo es an der Esplanade auch einen kleinen Wochenmarkt gab, beim Einkaufen auf ein Deutsch sprechendes junges Ehepaar, einen Weißrussen, der mit einer Deutschen verheiratet ist. Sie wohnen in der Nähe von Berlin und wollten noch an diesem Nachmittag zurückfahren. Lena meinte, dass es gewiss Juden wären. Der Mann erzählte uns, dass wir an der Grenze in Brest vermutlich etwas länger kontrolliert würden. Auf keinen Fall sollten wir weißrussische Wurst und weißrussische Milchprodukte „ausführen“. Er fahre gewöhnlich so, dass er die Grenze nachts passieren muss, weil da am wenigsten los sei und es am schnellsten ginge.

Wir fuhren am Dienstagmorgen pünktlich um 7.00 Uhr (deutscher Zeit) los, nachdem wir noch mit Lilia und Pavel gefrühstückt hatten. Pavel sprach zum Abschied auf Russisch ein Gebet. Die beiden sind dann noch vor unserer Abreise mit ihren Fahrrädern zur Arbeit gefahren. Ich legte in ihrem Schlafzimmer unter den Rosenquarz-Leuchter, den ich Lilia vor zwei Jahren in Rothenburg gekauft hatte, einen 50-Euro-Schein. Leider war es der falsche, denn Pavel hatte mir am Vortag einen älteren 50-Euroschein gezeigt, der einen kleinen Riss hatte, und den die weißrussische Bank nicht eintauschen wollte. Ich gab ihm einen unbeschädigten neuen Schein dafür. Nun hatte ich ausgerechnet seinen Schein als „Spende“ zurückgelassen. Als ich das merkte, drehte ich um, und wir fuhren noch einmal zurück. Nun tauschten wir den alten gegen einen neuen Schein aus und Lena legte von sich aus noch einmal 50.- Euro dazu. Durch diesen „Faux-Depart“ verloren wir ungefähr eine Dreiviertelstunde.
Wir fuhren abermals durch die Stadt Gomel, die einen durchaus modernen Eindruck machte. Die Straße nach Brest war gut ausgeschildert. Das verwunderte uns, denn als wir am vergangenen Donnerstag aus Sankt Petersburg herausfuhren, konnten wir zunächst überhaupt keine Hinweisschilder entdecken, obwohl wir uns auf einer der großen Ausfallsstraßen (Moskawa Chaussee) befanden. Ich musste mich an den Himmelsrichtungen und mit Hilfe meiner kleinmaßstäblichen Karte orientieren, bis wir endlich ein Schild mit der Aufschrift „Tallin“ sahen.
Schließlich fuhren wir auf der Fernstraße M 10 nach Westen. Bis zur weißrussisch-polnischen Grenze waren es ca. 550 Kilometer. Etwa 30 Kilometer hinter Gomel überquerten wir den Fluss Dnjepr, jenen Schicksalsfluss, den die Waräger von Birka am Mälarsee bei der späteren Stadt Stockholm nach Konstantinopel hinab- und hinauf ruderten. Straßen führten damals noch nicht durch die unendlichen Wälder. Flüsse waren im 9. Jahrhundert in diesem von slawischen Völkern dünn besiedeltem Gebiet die einzigen Verkehrswege, ganz anders als in den gallischen und südgermanischen Ländern, wo es – zumindest, wenn sie zum ehemaligen römischen Reich gehörten – befestigte Römerstraßen gab.
Dobrusch bei Gomel war bis dahin der östlichste Ort, den ich in meinem Leben besucht habe, so wie Noya bei Santiago de Compostella der westlichste war. Immer wieder musste ich an die erste große Reise mit dem Auto denken, die ich mit Isabelle und David, einer französischen Katholikin und einem südafrikanischen Juden im Sommer 1975 unternommen habe. Damals führte uns die Route nach Westen in ein diktatorisches Land. 1975 war in Spanien der letzte faschistische Diktator, Francisco  Franco, noch an der Macht. In Weißrussland herrscht seit 1994 der mit diktatorischen Vollmachten ausgestattete Präsident Alexander Lukaschenko. Zu den Verbündeten der weißrussischen „Republik“ gehört neben Venezuela, Kuba, dem Iran und China auch Nord-Korea, das letzte streng kommunistische Land des Planeten. Mit Russland gibt es immer wieder Probleme, weil Präsident Putin Weißrussland bei den Öl- und Gaspreisen keine Vergünstigungen gewähren will.
Die Straße M 10 führt mehr oder weniger schnurgerade nach Westen und durchschneidet das unendliche Wald- und Sumpfgebiet rund um den Fluss Prypjat mit einer breiten Schneise. Der Nebenfluss des Dnjepr fließt eine weite Strecke südlich parallel zur M 10 von West nach Ost, also genau in entgegengesetzter Richtung.
Die Siedlungen an der M 10 sahen etwas wohlhabender als an der E 95 aus. Auch waren die Wälder immer wieder unterbrochen durch große fruchtbare Felder, auf denen Getreide angebaut wurde, das zum Teil jetzt erst geerntet wird. Auch viele Maisfelder sahen wir rechts und links der Straße. Neben den üblichen einstöckigen Holzhäusern sahen wir viele Steinhäuser.


Eine der größeren Städte, die wir auf unserer Route durchquerten, war Pinsk. Es war einst die osteuropäische Stadt mit dem größten jüdischen Anteil an der Gesamtbevölkerung. Er belief sich 1897 laut Wikipedia auf 74 Prozent. Der erste israelische Präsident, Chaim Weizmann, wurde in der Nähe von Pinsk geboren und erhielt in der mehrheitlich polnisch sprechenden Stadt seine Schulbildung; die spätere vierte Ministerpräsidentin Israels, Gold Meir, verbrachte einige Jahre ihrer Kindheit in der Stadt. Die Stadt hatte 1581 die Magdeburger Stadtrechte bekommen und gehörte ab 1589 zum Polnisch-Litauischen Königreich. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Stadt polnisch, nach dem Zweiten durch den Hitler-Stalin-Pakt sowjetisch. 1991 wurde die Stadt mit heute knapp 140000 Einwohnern durch die Unabhängigkeit Weißrusslands belarussisch.
Während der Nazi-Herrschaft sollen in der Stadt auf Befehl Heinrich Himmlers durch das Polizei-Bataillon 306 an einem Tag (29. Oktober 1942) über 10000 Juden getötet worden sein.
Bei der Fahrt quer durch Weißrussland musste ich auch immer wieder an Tevje, den Milchmann und das Schtetl „Anatevka“ denken, in dem er mit seiner Frau Golde und seinen fünf Töchtern wohnte. Wie gerne hätte ich so ein jüdisches Städtchen einmal mit eigenen Augen gesehen. Aber vermutlich gibt es keines mehr. Pinsk war einst so ein unabhängiges, rein jüdisches Schtetl.
Kurz vor 14.00 Uhr kamen wir an der weißrussisch-polnischen Grenze in Brest-Litowsk an. 
Die Stadt ging als das östliche Brest in die Geschichtsbücher ein, weil hier von Januar bis März 1918 die Friedensverhandlungen zwischen dem Deutschen Reich und den Kommunisten der gerade gegründeten Sowjetunion stattfanden. Auf Wikipedia hatte ich mich am Abend zuvor darüber etwas informiert und erfahren, dass die Verhandlungen auf sowjetischer Seite vor allem von Leo Trotzki geführt wurden, der eine Verzögerungstaktik versuchte. Das Ergebnis des Vertrages, der am 3. März 1918 unterzeichnet wurde, war, dass die Sowjetunion als Kriegsteilnehmer ausschied. Nur dadurch konnten sich schließlich die Bolschewiki, die in den Wahlen keineswegs eine Mehrheit erhalten hatten, in Russland durchsetzen, weil ihre Hände nicht mehr durch den Krieg mit den Mittelmächten gebunden waren. Für Deutschland war dadurch der verhängnisvolle Zweifrontenkrieg beendet und die Oberste Heeresleitung konnte sich nun ganz auf die Westfront konzentrieren.
Auch in der Festungsstadt Brest bestand eine große jüdische Gemeinde mit ca. 65 Prozent der Gesamtbevölkerung. Auch hier trieben die nationalsozialistischen Polizeibataillone bis zu 20000 Juden in ein Ghetto zusammen und erschossen die meisten von ihnen bei dem Dörfchen Bronnaja Gora ca. 110 Kilometer östlich von Brest, wo eine „Erschießungsanlage“ und Massengräber existierten.
Diesen Ort des reinsten Grauens kannte ich bisher überhaupt nicht.
Ohne es zu merken waren wir offensichtlich durch die Hölle gefahren, jedenfalls durch eine der Höllen, die „Menschen“ auf Erden „eingerichtet“ haben.
Und nun waren wir an die Außengrenze der EU gekommen, von welcher wir wieder in einen Mitgliedsstaat der Europäischen Union, also in das Land Polen, einreisen wollten. Unser russisches Visum, das nach unseren Informationen auch für Weißrussland Gültigkeit besaß, sollte am 31. August auslaufen. Danach mussten wir Russland verlassen haben. Wir hatten noch drei Tage Zeit.


Es war genau 14.00 Uhr, als wir uns in die Autoschlange an der Grenzstation einreihten. Ich habe nicht gezählt, wie viele Autos hier warteten, aber es waren gewiss mehrere hundert, die meisten mit weißrussischen Kennzeichen, viele auch mit polnischen Kennzeichen. Ich sah nur drei mit deutschen und zwei mit französischen Kennzeichen. Wir aßen im Auto unsere mitgebrachten Brote zu Mittag und warteten geduldig, bis wir an die weißrussische Kontrollstation gelangten, wo wir mehrmals Autopapiere und Pässe vorzeigen mussten. Wir erfuhren voller Erstaunen, dass unser russisches Visum doch nicht in Weißrussland gültig war, obwohl man es uns an der finnisch-russischen Grenze mehrmals versichert hatte.
Wenn es anders gewesen wäre, wären wir nicht zu Lilia, sondern über die baltischen Staaten, die bereits zur Europäischen Union gehören, nach Hause gefahren. Das war eigentlich ursprünglich mein Plan. Ich hätte gerne Tallin und Riga, die beiden alten Hansestädte an der Ostsee besucht, womit unsere Reise, die ja in Lübeck begonnen hatte, einen runden Abschluss gefunden hätte. Aber Lena hatte Lilia versprochen, dass wir sie besuchen würden, und Geschenke für sie und ihre Kinder besorgt.
Nun wollten wir also von Weißrussland nach Polen „einreisen“. Eigentlich wollten wir nur so schnell wie möglich nach Hause, denn unsere „Reise nach Sankt Petersburg“ endete an diesem Tag mit der Abreise aus Dobrusch. Dazu mussten wir Polen durchqueren.
Die Grenzbeamten forderten uns auf, unser Auto auf einem mit Eisengitter geschlossenen Parkplatz abzustellen und umschlossen den linken Vorderreifen mit einer Wegfahrsperre aus Eisenkrallen. Wir waren an dieser Grenze die einzigen, die so behandelt wurden. Alle anderen durften weiterfahren. Der junge Zollbeamte nahm uns mit in ein dunkles Büro und verhörte Lena und mich eine Stunde lang, während Olga, die einen russischen Pass besaß, beim Auto warten musste. Sie durfte nicht einmal auf die Toilette gehen, geschweige denn in den benachbarten „Duty-Free-Shop“.
Über das Verhör wurde ein etwa zehnseitiges Protokoll in weißrussischer Sprache angefertigt, das jeder von uns am Schluss mindestens fünfzehnmal unterschreiben musste. Es wurde uns eine Strafe von je 30.- Euro auferlegt, weil wir kein gültiges Visum besaßen.
Die Strafe war laut Aussage des Beamten die günstigere Lösung, da die Visa selbst wohl das Doppelte gekostet hätten. Wir sollten die Summe von 60.- Euro überweisen. Der junge Weißrusse mit armenischen Wurzeln, der bereits seit drei Stunden in dem kleinen, stickigen Büro ausharren musste, weil angeblich etwas mit seinem Ausweis nicht stimmte, flüsterte mir auf Englisch zu, dass wir das Geld nicht überweisen sollten. Der Beamte wies uns darauf hin, dass wir nicht wieder in Weißrussland einreisen dürften, wenn wir nicht überweisen würden. Uns lag in diesem Augenblick nichts ferner als dies. Nein, in dieses Land würden wir gewiss nie wieder einreisen.
Immerhin war der junge Beamte mit kurzgeschorenem rotblonden Haar und fünf Sternen auf seiner Uniform einigermaßen freundlich, als er uns befragte. Er tat ja nur seine Pflicht. Er hätte aber auch „ein Auge zudrücken“ können.
Es war kurz nach 18.00 Uhr, als wir entlassen wurden und unser Auto von den Krallen befreit wurde.
Nun mussten wir uns einreihen in die nächste Schlange: wir befanden uns jetzt an der polnischen Grenze. Es gab acht Reihen, eine davon war für Mitglieder der EU vorgesehen. In diese Reihe stellten wir uns zuerst. Als wir aber sahen, dass es überhaupt nicht vorwärts ging, reihten wir uns in die nächste Schlange ein, die zu einem Schalter führte, der für „all pasports“ galt.
Nach einer Wartezeit von einer weiteren Dreiviertelstunde zeigten wir wieder mehrmals unsere Pässe. Die blondhaarige, hagere Grenzbeamtin (Lena: „Hexe“) antwortete mir sehr unfreundlich auf Polnisch, als ich sie auf Englisch ansprach. Sie fragte, ob wir Zigaretten, Wurst oder Milchprodukte dabei hatten. Olga hatte tatsächlich drei Stangen Zigaretten, die sie in einem großen Supermarkt in Sankt Petersburg für den Vater ihres Sohnes gekauft hatte, in ihrer Reisetasche, die auf ihrem Koffer auf der linken Seite des Rücksitzes stand, ganz oben eingepackt.
Ich antwortete auf Englisch, dass ich keine Zigaretten habe; da mischte sich Lena auf Russisch ein und erklärte, dass wir pro mitfahrender Person eine Stange dabei hätten. Wir waren der Meinung, dass diese Menge genehmigt war. Aber auch hier irrten wir uns offenbar. Diese Menge durfte man seit einigen Monaten nur im Flugzeug, nicht aber im Auto mitführen.
Wir wurden zu einer Halle auf eine Grube geleitet, in der nun unser Auto von drei äußerst unfreundlichen Polen von allen Seiten nach „Schmuggelware“ untersucht wurde. Lena musste sogar ihre Handtasche öffnen. Wir wurden wie Diebe und Schmuggler behandelt.
Natürlich fanden wir diese unwürdige Behandlung skandalös und wehrten uns. Olga sollte noch 100.- Euro Strafe zahlen, nachdem ihr bis auf sechs Päckchen alle Zigaretten abgenommen worden waren. Sie weigerte sich beharrlich. Diesmal wurde sie eine Stunde lang in einem Büro verhört, während Lena und ich im Auto warteten.
Als wir den letzten Posten passieren wollten, fuhr ich an den geöffneten Schalter vor, weil ich der Meinung war, wir müssten unsere Pässe noch einmal vorlegen. Aber auch da irrte ich mich. Der Beamte schrie mich wie ein Psychopath auf Polnisch an und schließlich begriff ich, dass ich zu weit vorgefahren war. So stieß ich ein wenig zurück bis zu einer Bodenschwelle. Aber das war dem Beamten immer noch nicht genug und er schrie weiter. So fuhr ich noch weiter zurück, bis er zufrieden war. Dann stellte er die Ampel auf Grün, öffnete gnädig den Schlagbaum und wir waren „draußen“!
Es war 23.30 Uhr, als wir endlich losfahren und den Grenzfluss Bug überqueren durften. Wir hatten fast zehn Stunden an dieser Grenze verbracht und wir schwuren uns, dass wir nie wieder nach Polen reisen würden. Wir wollten so schnell wie möglich durch dieses Land durchfahren, möglichst ohne anzuhalten und ohne einen Sloty da zu lassen.
Wir waren mehr als entrüstet über die Behandlung, die uns von Grenzbeamten eines Mitgliedslandes der EU angetan worden war. Dagegen waren die Weißrussen direkt freundlich. Aber von den Polen bekamen wir kein gutes Wort zu hören und nicht ein Lächeln gezeigt.
Lena erzählte mir, dass die Russen die Polen noch nie leiden mochten. Für sie sind die Polen wie Hyänen, die gierig nach jedem hingeworfenem Aas schnappen. In Deutschland gelten Polen als Diebe, besonders als Autodiebe. Lena erzählte von einer polnischen Nachbarsfamilie in Hessental, die eines Tages mit einem Lastwagen voll Fahrräder vorfuhr. Genau einen Tag zuvor war auch das nagelneue Fahrrad ihres damals siebenjährigen Sohnes verschwunden. Die polnische Familie stritt ab, dass sie es gestohlen hätte.
Ähnliche Geschichten höre ich immer wieder von vielen Menschen.
Die etwa 200 Kilometer lange Fahrt von Brest nach Warschau auf der einspurigen europäischen Fernstraße E 30 war etwas beschwerlich, da die Fahrt immer wieder durch Geschwindigkeitsbegrenzungen gebremst wurde. Diese Strecke zog sich lange hin.
Erst in Warschau gelangten wir auf eine mehrspurige Autobahn. Wir überquerten auf einer großen Autobahnbrücke bei Nacht die Weichsel und fuhren dann zunächst in Richtung Posen. Die alte Bischofs- und Handelsstadt beidseits der Warthe hätte ich gerne einmal besucht.
Mein Navi, das glücklicherweise in Polen wieder funktionierte, nachdem es in Schweden auf der Hinfahrt nichts mehr anzeigte, führte mich sicher auf den durchweg gut ausgebauten und zum Tell beleuchteten Autobahnen über Lodz nach Breslau, das auf Polnisch „Wroclaw“ heißt.
Der Morgen begann zu dämmern, als uns die Autobahn auf eine gigantischen Brücke über die Oder und dann westlich an der Heimatstadt meiner Eltern vorbei führte.
Im Sommer 1992 war ich mit meiner Tante und einer Reisegruppe zum ersten Mal in Breslau. Damals war die Stadt kurz nach der Wende ein Schutthaufen und die einzige Autobahn, die von der Grenzstadt Görlitz an der Neiße nach Breslau führte, bestand aus Betonplatten und war kaum mit 100 Stundenkilometern befahrbar. Nun schien sich die Stadt, die im vergangenen Jahr europäische Kulturhauptstadt war, gemausert zu haben. Überall sehe ich Reklametafeln von Burger-King, McDonald und von großen Einkaufszentren oder Tankstellen. In den vergangenen 25 Jahren hat Polen offenbar, mit Hilfe von EU-Subventionen, einen großen „Sprung nach vorne“ gemacht. Polen ist heute eine boomende Wirtschaftsnation.
Hier lässt IKEA seine Billigmöbel bauen und amerikanische Firmen mästen in großen Betrieben tausende von Schweinen, Gänsen, Puten und Hähnchen, deren hormon- und antibiotikahaltiges Fleisch dann billig auf den europäischen Markt „geworfen“ wird, wo es in den großen Supermärkten an die Menschen verkauft wird, die immer nur „billig“ einkaufen wollen und nicht merken, dass sie nur gesundheitsschädlichen „Müll“ erwerben. Andererseits bemühen sich zunehmend polnische landwirtschaftliche Betriebe um den ökologischen Landbau und weiten die Öko-Anbaufläche ständig aus. Sie liegt heute bei deutlich über einer halben Million Hektar.
Nachdem wir Breslau passiert haben, geht um 6.00 Uhr deutscher Zeit hinter uns die Sonne auf. Die ersten Sonnenstrahlen lassen die Haare und Gesichter meiner beiden schlafenden russischen Frauen rosa erglühen. Es beginnt ein wolkenloser Sommertag, dessen Temperaturen bis auf 30° C ansteigen werden. Auf unserer Reise hatten wir an keinem Tag Temperaturen über 24° C.
Im Süden begrüßen mich die im blauen Dunst liegenden Ausläufer des Riesengebirges. Zum ersten Mal seit drei Wochen Ebene sehe ich wieder Berge und ich freue mich wie ein Kind über diesen Anblick. Für mich ist es wie ein ferner Gruß meiner einst deutschen Heimat, mit der ich mich immer noch verbunden fühle.
Wir fahren auch an Liegnitz vorbei, wo mein Vater die Ritterakademie besucht hat. Es ist der Ort, an dem am 9. April 1241 bei einer mörderischen Schlacht mit den Mongolen der schlesische Herzog Heinrich II. tot auf der Walstatt blieb. Der Sohn der Heiligen Hedwig ruht heute in der Kirche Sankt Vinzenz in Breslau. Sein kunstvoll gestaltetes Hochgrab habe ich 1992 besucht.
In Liegnitz wendete sich das Schicksal Europas, denn die „Goldene Horde“ des Batu Kahn, des Enkels von Dschingis Khan, die bis zum Atlantischen Ozean alle europäischen Länder erobern wollte, kehrte plötzlich um und stellte ihre Eroberungszüge ein.
Der Ort wird auf den Schildern an der Autobahn als „Legnica“ bezeichnet. Ich kann mich noch erinnern, wie 1992 alle Ortsnamen auf Verkehrsschildern und Straßenkarten zweisprachig, also auf Polnisch und Deutsch, verzeichnet waren. Nun lese ich nur noch die für mich geradezu unaussprechlichen polnischen Ortsnamen. Das fällt mir besonders bei Görlitz auf, dessen östlicher Teil auf Polnisch Zgorzelek heißt. Der Name Görlitz taucht auf den Autobahnschildern an keiner Stelle auf, obwohl bei dieser Stadt an der Lausitzer Neiße die deutsch-polnische Grenze verläuft.
Wir halten schon die Pässe bereit und sind auf ähnliche Schikane gefasst wie an der weißrussisch-polnischen Grenze; aber es gibt nicht die geringste Spur von eine Grenzanlage, geschweige denn eine Grenzkontrolle.
Als wir weiter über Dresden, Chemnitz, Zwickau, Hof, Bayreuth, Nürnberg und Ansbach nach Schwäbisch Hall fahren, müssen wir an einer nahezu ununterbrochenen Kolonne von LKWs vorbeifahren, die fast alle aus Polen kommen. Nur ganz vereinzelt treffen wir auf ein litauisches oder estnisches Kennzeichen und manchmal sogar auf ein deutsches.
Einmal musste ich in Polen tanken. Dabei habe ich mir auch einen Coffee-to-Go gekauft, von dem ich immer wieder trank. In der ostdeutschen Raststätte Vogtland frühstückten wir und ich tankte noch ein letztes Mal Diesel.
Um 12.45 Uhr waren wir in Schwäbisch Hall.
Der Tachometer, den ich bei der Abreise am 04. August 2017 auf 0 gestellt hatte, stand auf 6389,5 Kilometern.



Es war meine bisher längste Autoreise, die an diesem 30. August zu Ende ging.