Montag, 16. Januar 2017

"Seid umschlungen, Millionen". Musik aus zwei Hafenstädten als Botschaft für eine bessere Welt.

Ein Impuls trieb mich gestern, am Sonntag, den 15. Januar 2017, das Buch des jüdischen Historikers Ilan Pappe vorzunehmen, das er 2006 über „Die ethnische Säuberung Palästinas“ (Deutsche Ausgabe bei Haffmanns und Tolkemitt, 2014) geschrieben hat. 
Der Autor behandelt damit mutig ein Kapitel, das in der offiziellen israelischen Geschichtsschreibung ignoriert oder falsch dargestellt wird. Anhand von Dokumenten kann Ilan Pappe nachweisen, dass eine Gruppe von elf Zionisten um den charismatischen Führer David Ben-Gurion im März 1948, also unmittelbar vor der Gründung des Staates Israel, plante, die arabische Bevölkerung aus Palästina zu vertreiben. Das geschah dann auch mit Gewalt und Terror. Etwa 800000 Palästinenser, das heißt, etwa die Hälfte der eingesessenen Bevölkerung, wurden vertrieben und über 500 palästinensische Dörfer zerstört. Dabei hatten reiche Juden zu dieser Zeit erst knapp 5 Prozent des Landes durch Kauf in Besitz genommen.
Es ist bedenklich, dass ausgerechnet Juden, die so oft Pogrome erleiden mussten, nun im Zuge der Gründung eines eigenen Staates auf fremden Land selbst so ein Pogrom an der bäuerlichen arabischen Bevölkerung verübten. Das Schlimmste aber ist, dass dieses „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ in den Mythen der Staatsgründung untergeht und die Akteure der „Maßnahme“ in Israel bis heute als Helden gefeiert werden.
Diese „Doppelzüngigkeit“ begegnet mir leider immer wieder in jüdischen Zusammenhängen. Bis heute sind die Verbrechen nicht „aufgearbeitet“. Sie offen anzusprechen und den noch lebenden Opfern oder Nachkommen der Opfer eine „Entschädigung“ anzubieten, das wäre die erste Voraussetzung für eine friedliche Lösung des Nahostkonfliktes.
Gerade gestern, am 15. Januar, ging in Paris eine Friedenskonferenz zu Ende, bei der Vertreter von 70 Nationen für eine „Zweistaatenlösung“ eintraten. Aber die beiden Hauptbeteiligten, Israel und Palästina, waren der Konferenz fern geblieben. Israel ist offiziell auch für die „Zweistaatenlösung“, tut aber von sich aus nichts dafür, sondern weitet täglich den Siedlungsbau im Westjordanland und in Ost-Jerusalem aus und reduziert damit das Land der arabischen Bevölkerung weiter. Hier sprechen die Vertreter des Staates wieder mit „gespaltener Zunge“.
Erfreulich ist dagegen, dass es auch Juden gibt wie den israelischen Regisseur Udi Aloni, die das heikle Thema mit künstlerischen Mitteln angehen. Sein Film „Junction 48“ wird gerade in den Kultursendern 3SAT ("Kulturzeit"am Freitag) und Arte ("Metropolis"gestern) beworben. Er spielt in einer der von der Säuberung betroffenen Städte, dem einst rein arabischen Lod, das nur zehn Kilometer von Tel Aviv entfernt ist, und erzählt die Geschichte eines jungen arabischen Rappers, Tamar Nafar. Es ist bezeichnenderweise eine israelisch-deutsche Koproduktion.


Und es gibt noch mehr positive Botschaften aus Israel.
Am Samstagabend zeigte 3SAT das Jubiläumskonzert des „Israel Philharmonic Orchestra“, das am 26. Dezember 2016, dem zweiten Tag des jüdischen Hanuka-Festes, anlässlich seines 80. Geburtstages im Charles Bronfman-Auditorium in der israelischen Haupt- und Hafenstadt Tel Aviv gegeben wurde. Der Dirigent Zubin Metha hatte nur Werke des deutschen Komponisten Beethoven ausgewählt. Dieses Orchester versucht mit Hilfe der Musik ein positives, friedliches Bild von Israel zu vermitteln, wie der Dirigent sinngemäß in einem Interview sagte.
Für die anschließende Dokumentation über die Entstehung des Orchesters im Jahre 1936 war ich zu müde. Es war der polnische Geiger Bronislaw Hubermann, der über 1000 jüdische Musiker mit Hilfe der Musik vor der Deportation in die Konzentrationslager gerettet hat.
In diesem Jahr 1936 hatten die Palästinenser gerade den ersten großen Aufstand gegen die neuen Besatzer ihres Landes unternommen, der von den Briten blutig niedergeschlagen wurde. Später fertigten die Israelis Listen an, in denen die Namen der am Aufstand Beteiligten aufgeführt waren. 1948 dann, als sie die einzelnen Dörfer „eroberten“, hatten sie diese Listen dabei und exekutierten, wie Ilan Pappe schreibt, alle Männer, die 1936 am Aufstand in irgendeiner Weise beteiligt waren.
Das sind die Methoden, die deutsche Nazis während des Krieges gegenüber feindlichen Partisanen angewendet haben, und die in vielen Filmen gezeigt werden, um die Brutalität der „bösen Deutschen“ zu veranschaulichen. Dass Zionisten die gleichen Verbrechen –  und zwar nach dem Krieg und außerhalb des Krieges – begangen haben, wurde bis jetzt in keinem Film gezeigt.
Immer wieder muss ich feststellen, dass hier mit zweierlei Maßstab gemessen wird: Die Deutschen sind ewig die Täter und die Juden immer die Opfer. Dieses Bild soll sich den Menschen, die sich immer weniger für Geschichte interessieren, weil sie ahnen, dass sie durch diese Geschichte sowieso „ganz irregeführt“ (Rudolf Steiner) werden, einprägen. Genau dafür wurden der „Holocaust-Gedenktag“ in Deutschland eingeführt und das monumentale „Holocaust-Denkmal“ in der deutschen Hauptstadt Berlin gebaut.
Aber die Lüge wird nicht ewig bestehen können. Die Wahrheit bricht sich Bahn.
In diesem Zusammenhang sehe ich die Angst unserer Politiker vor den „Hass-Botschaften“ in den sozialen Netzwerken, die sie jetzt massiv bekämpfen wollen. Natürlich machen die so jahrelang „Betrogenen“ und „Belogenen“ ihren Herzen jetzt, 100 Jahre nach der verhängnisvollen Balfour-Deklaration, Luft und verletzten die eingeübten Tabus. Jetzt haben sie durch das Internet die Möglichkeit, ihre „Meinung“ zu sagen, auch wenn diese manchmal derb klingt. Wie oft wurde nicht nur verbal, sondern real Gewalt gegen diese „einfachen“ Menschen ausgeübt! Wie oft haben sie sich vom Staat übergangen gefühlt! Wie oft wurden sie als „Pack“ bezeichnet und als Nazis beschimpft!
Und was die „Fake News“ anbelangt, die man jetzt von staatlicher Seite bekämpfen will, weil sie angeblich das Wahlverhalten der Menschen beeinflussen könnten, so erinnere ich mich nur an die zahlreichen Desinformationskampagnen staatlicher Institutionen in den vergangenen 100 Jahren. Dabei denke ich nicht einmal nur an die vielen verdeckten Operationen des amerikanischen Auslandsgeheimdienstes CIA. Die ganze Geschichtsschreibung der Nachkriegszeit erscheint mir als eine bewusste Desinformationskampagne. Wenn nicht Fakten verdreht oder gefälscht wurden, so wurden sie doch entweder ausgeklammert oder in einen Zusammenhang gebracht, der die Täter, also die besiegten Deutschen, in ein besonders ungünstiges Licht rückten.
Es verwundert mich überhaupt nicht, dass auch viel Schlamm über die bewusst aufgerichteten „Dämme“ gespült wird, wenn sich „die Wut“ der Bürger Bahn bricht. Das Internet gibt den vom Bildungsniveau des durch Helmut Kohl 1984 eingeführten Privatfernsehens „geprägten“ Arbeitslosen, Hartz-IV-Empfängern und verarmten Rentnern eine Stimme. Das „Lumpenproletariat“ meldet sich zu Wort. Oder sind die Hass-Kommentare und Falschinformationen im Wesentlichen nur künstlich generierte Botschaften, die von sogenannten „Bots“ verbreitet werden?

Gestern schaute ich mir ein anderes Konzert an, das ebenfalls in einer Hafenstadt stattfand. Auf Arte wurde das Eröffnungskonzert der Elb-Philharmonie, dem neuen Wahrzeichen Hamburgs, vom 11. Januar 2017 ausgestrahlt.
Zuerst kam eine atemberaubende Dokumentation über den spektakulären Bau, dessen Grundstein am 2. April 2007 gelegt wurde. Bereits 2010 sollte der Konzertsaal, der von einem Basler Architekturbüro auf einem alten Hafenspeicher errichtet wurde, eröffnet werden. Aus den drei Jahren Bauzeit sind nun beinahe zehn Jahre und aus den veranschlagten Kosten von ca. 78 Millionen das zehnfache, nämlich rund 780 Millionen Euro,  geworden. Dafür hat die Stadt an der Elbe, in der vor 300 Jahren das erste Opernhaus Deutschlands errichtet wurde (und etwas später unter Gotthold Ephraim Lessing das erste deutsche Nationaltheater geplant war), jetzt ein wahres „Juwel“ (Bundespräsident Gauck bei seiner Eröffnungsrede) erhalten. Ich habe das fast fertig gebaute Konzerthaus, das wie ein glänzendes Schiff im Hafen zu liegen scheint, an Pfingsten 2015 bewundern können.  
Das Konzert stand unter dem Thema „Zum Raum wird hier die Zeit“ und begann mit einem Stück von Benjamin Britten mit dem Titel „Pan“ aus der Reihe „Sechs Metamorphosen nach Ovid“ Op. 49. Danach folgte ein modernes Stück von Henri Dutilleux mit dem Titel „Appels, Echos et Prismes“ aus „Mystere de l’instant“ (Mysterium des Augenblicks).
Schon dieser Auftakt des Konzerts macht deutlich, dass es den Veranstaltern um etwas Besonderes ging.
Wenn man den griechischen Gott Pan, wie es Georg Hartmann in einem seiner Aufsätze in dem Büchlein „Bewusstseinswege“ tut, mit dem „kleinen Hüter der Schwelle“ gleichsetzt, dem der Geistesschüler bei der Einweihung unweigerlich begegnet, dann scheint mir der Beginn des Konzertes mit einem Stück diesen Titels ganz bewusst gewählt zu sein, um eine Art weltlichen „Mysterientempel“ einzuweihen. Darauf deutet auch das folgende Stück, das den Ausdruck „Mysterium“ sogar im Titel führt und ganz eindeutig auch das Thema des ganzen Abends, das aus Richard Wagners „Bühnenweihfestspiel“ „Parsifal“ entnommen ist, hin. Das „Vorspiel zu Parsifal“, das nach der Pause erklingt, ist für mich dann auch der Höhepunkt des ganzen Konzertes. Durch solche Konzerte können sensible Menschen, die sich schon lange von den religiösen Institutionen abgewendet habe, einen Zugang zum Geistigen, vielleicht auch zum "Übersinnlichen" bekommen, denn Musik ist die Kunst, die aus einer jenseitigen Welt in die diesseitige "hereinragt".
Man kann nicht sagen, dass solch ein Konzerthaus „bescheiden“ ist. Aber es zeigt, dass Deutschland, das heißt hier, die Bürgerschaft der im Krieg von britischen Bombern so gut wie komplett zerstörten („Operation Gomorrha“) Freien Hansestadt Hamburg, auch viel Geld in die „Eroberung des Nutzlosen“ (Reinhard J. Brembeck in „Süddeutsche Zeitung“ vom Freitag, den 13. Januar 2017) zu investieren in der Lage ist. 

Dieses Konzerthaus wird die neue Visitenkarte Deutschlands in der Welt sein und ich hoffe nur, dass es nicht, wie schon einmal bei anderer Gelegenheit, den Neid anderer Völker hervorrufen wird. Dabei meine ich natürlich besonders Mitglieder eines bestimmten „Volkes“, das den Deutschen seit über hundert Jahren (nicht erst seit dem Holocaust!) nicht sehr gut gesonnen ist, ein Volk, dass offenbar Ludwig van Beethoven, nicht aber Richard Wagner liebt. 
Beide Komponisten gehören jedoch untrennbar zur „deutschen Hochkultur“!

Der vierte Satz von Beethovens neunter Symphonie mit der Europahymne „An die Freude“ nach dem Gedicht von Friedrich Schiller begeisterte denn zu Recht als Schluss die Zuhörer des Eröffnungskonzertes: „Seid umschlungen, Millionen!“

Samstag, 14. Januar 2017

Das trinitarische Denken des Amos Comenius - Gedanken zu einer Sendung des SWR2

Als ich gestern (Samstag, der 14. Januar 2017) kurz vor halb neun ins Auto stieg, um nach Ellwangen zu fahren, begann gerade auf SWR2 die Sendung „Wissen“ mit einer Wiederholung eines Beitrages von Christoph König vom 25.03. 2006 über Jan Amos Comenius: „Schule als Spiel – Leben als Schule“.http://www.swr.de/swr2/programm/sendungen/wissen/schule-als-spiel-leben-als-schule/-/id=660374/did=18791454/nid=660374/1oe5a3x/index.html
Mit zunehmend sich steigerndem Interesse lauschte ich der Sendung und bekam immer mehr das Gefühl, dass ich selbst unbewusst in meinem Unterricht ein „Anhänger“ dieses Pädagogen und Pansophen war und bin.
Ich kann gar nicht beschreiben, wie beglückt ich war, als ich manche der Zitate aus seinen Schriften hörte, wie zum Beispiel folgende: Comenius fordert in seiner „Großen Didaktik“, dass die Schüler „alles“ lernen sollten, wobei er genauer ausführt: „Das ist jedoch nicht so zu verstehen, dass wir von allen die Kenntnis aller Wissenschaften und Künste verlangten. Das ist weder an sich nützlich, noch bei der Kürze unseres Lebens überhaupt möglich. Aber über die Grundlagen, Ursachen und Zwecke der wichtigsten Tatsachen und Ereignisse müssen alle belehrt werden, die als künftig Handelnde in die Welt eintreten.“
„Alles“ bedeutet für Comenius vor allem, dass seine Schüler „weise im Verstand, umsichtig und sittlich im Handeln und fromm im Herzen“ gemacht werden, damit sie „Gott, den Geschöpfen und uns“ dienen können. Comenius ergänzt: „Unselig wäre die Trennung dieser drei Dinge, unselig die Gelehrsamkeit, die nicht in Tugend und Frömmigkeit mündet.“
Wie weit sind wir heute von so einer Anschauung, ja von so einer Pädagogik entfernt!
Es gab zwar im Peutinger Gymnasium ein Projekt, das den Namen des großen Barock-Pädagogen trug, das sogenannte „Comenius-Projekt“, aber das hatte eher eine Alibi-Funktion, denn die täglich praktizierte Pädagogik hatte bei meinen meisten Kollegen kaum „diese drei Dinge“ im Blick und schon gar nicht so „altmodische“ Dinge wie „Tugend und Frömmigkeit“.
Ich zitiere eine weitere Stelle aus Comenius „Großer Didaktik“ (Didactica Magna, 1657), die in der Sendung wiedergegeben wurde:
„Die Menschen müssen so viel wie möglich ihre Weisheit nicht aus Büchern schöpfen, sondern aus Himmel und Erde, aus Eichen und Buchen, das heißt, sie müssen die Dinge selbst kennen und erforschen und nicht nur fremde Beobachtungen und Zeugnisse darüber. Denn wenn ich nur einmal Zucker gekostet, einmal ein Kamel gesehen, einmal den Gesang der Nachtigall gehört habe, so haftet all das fest in meinem Gedächtnis und kann mir nicht wieder entfallen.“
In der Sendung kommt auch ein moderner Pädagoge und Theologe zu Wort, der emeritierte Tübinger Professor Karl Ernst Nipkow, der auf die Aktualität von Comenius hinweist und mit Comenius meint, dass die Lehrer lieber „weniger“, dafür aber das „wenige“ „gründlicher“ unterrichten sollten. Er plädiert für ein „Orientierungswissen“ und lehnt das übliche „Verfügungswissen“ ab.
Es gibt offenbar noch „vernünftige“ Gelehrte. Allerdings erwähnt auch dieser „Interpret“ den einzigen gelungenen Umsetzungsversuch der „pansophischen“ Pädagogik in der Sendung mit keinem Wort, obwohl er wie durch eine hauchdünne Wand ständig mitschwingt: die Waldorfpädagogik Rudolf Steiners.
Das entspricht genau dem, was mir vor kurzem auffiel: Jüdische Themen sind fast täglich im Radio oder Fernsehen präsent, die moderne „Pansophie“, die unter dem Namen „Anthroposophie“ seit über hundert Jahren „in der Welt“ ist, wird „ausgeklammert“.
Wenn Professor Nipkow meint, dass Comenius‘ Pädagogik in einen viel größeren Zusammenhang gestellt werden müsse, dann geht er in die gleiche Richtung, in die auch Rudolf Steiner ging: „Er litt an der Verfassung der Gesellschaft und wollte eine von Grund auf erneuerte Gesellschaft. Und diese didaktischen Schriften waren Hilfsmittel. Es ist leider so, dass in der Geschichte der deutschen Pädagogik von den Pädagogen nur der Didaktiker und Methodiker aufgenommen worden ist. Im comenianischen Sinn müsste die Schule und ihre Reform eingebettet werden in eine Gesellschaftsreform, er ist in dem Sinne ein politisch orientierter Gesellschaftsreformer und Pädagoge.“
Genau das war Rudolf Steiner auch. Sein eigentliches Anliegen war seit 1917, als er zum ersten Mal seine Gedanken zur „Dreigliederung des sozialen Organismus“ öffentlich aussprach, eine Reform der Gesellschaft im christlich-trinitarischen Sinne. Weil er erkannte, dass die Deutschen nach dem Zusammenbruch der Monarchie am Ende des Ersten Weltkrieges noch nicht reif für eine dreigegliederte Gesellschaft waren, sondern lieber die chaotischen bis tödlichen Erfahrungen der Weimarer Republik und des Dritten Reiches machen „wollten“, hat er seine Reformideen zurückgestellt und dafür mit Hilfe des Unternehmers Emil Molt 1919 die erste Waldorfschule gegründet.
Schon Comenius wusste, dass das Heil nur in einer dreigegliederten menschlichen und gesellschaftlichen Organisation liegen kann, wenn er von der Weisheit des Verstandes, der Umsichtigkeit des Handelns und der Frömmigkeit des Herzens spricht. Genau aus diesem Grunde polemisiert er in seinen Schriften, wie in der Sendung ebenfalls bezeugt wird, gegen „Ungläubige, Türken und Juden“, also diejenigen, „die die Dreieinigkeitslehre ablehnen“.
Und genau hier scheint mir der wesentliche Unterschied zwischen Juden und Christen zu liegen, der zu dem untergründigen Geisteskampf geführt hat, dessen Zeugen wir heute sind. Die Juden wollen in ihrer „Ethnozentrizität“ die alleinigen „Beherrscher“ der Welt sein. Das Bewusstsein der „Auserwähltheit“ scheint ihnen das Recht dazu zu geben. Deshalb haben sie sich besonders Amerika zugewandt, das die Amerikaner ebenso als „auserwählt“ ansehen, indem sie es  „Gods own Country“ nennen. Die Dreieinigkeit müssen die Juden natürlicherweise ablehnen, weil sie Jesus Christus als Gottes Sohn ablehnen, genau wie die Moslems es tun. Dadurch haben sie aber keinen Zugang zu der „Frömmigkeit des Herzens“ im Sinne von Comenius, genauso wenig, wie sie zu der „Weisheit“ des Verstandes, die vom „Heiligen Geist“ oder der „Sophia“  vermittelt wird, wirklichen Zugang finden. Die Juden waren schon zur Zeit Christi vor allem „Schriftgelehrte“, im heutigen Sinne „Intellektuelle“. Von Geist und von Weisheit erlebe ich nur bei ganz wenigen hervorragenden jüdischen Geistern etwas. Und diese standen der Anthroposophie oder Rudolf Steiner auch in ihrem persönlichen Leben nahe.
Über die Nutzlosigkeit solcher „Schriftgelehrsamkeit“ spricht Rudolf Steiner zum Beispiel im zweiten Vortrag seiner „Zeitgeschichtlichen Betrachtungen“ vom 9. Dezember 1916, den ich gestern gelesen habe:
„Ich will Sie durch die Anführung dieser elementaren Dinge nur hinweisen auf das, worauf man aufmerksam sein muss, wenn man die Dinge beurteilen will, denn durch die Art und Weise, wie Geschichte geschrieben wird, wird die Welt vielfach irregeführt – ganz irregeführt. Es handelt sich nämlich bei der Geschichtsschreibung wirklich um etwas Tieferes. So an der alleräußersten Oberfläche des physischen Daseins, in der alleräußersten Maja wird man sagen: nun ja, wenn der oder jener Professor ein tüchtiger Mann ist und die historischen Methoden kennt, so weiß er das Richtige geschichtlich darzustellen. – Das muss aber durchaus nicht sein.

Ob man als Geschichtsschreiber das Richtige darzustellen vermag oder nicht, das hängt davon ab, ob einen sein Karma dazu führt, das Richtige kennenzulernen oder nicht. Das ist sehr wichtig. Und das Richtige drückt sich oftmals nicht aus in dem, worauf man beliebig den Blick wendet, sondern das Richtige drückt sich sehr häufig nur für den aus, der an die richtigen Stellen den Blick wenden kann – ich könnte auch sagen, der durch sein Karma dahin geführt wird, das Richtige im richtigen Augenblick da zu sehen, wo sich an einer einzelnen Erscheinung etwas Bedeutsames ausspricht. Oftmals drückt sich nämlich in einer einzelnen Erscheinung etwas aus, was ein Licht  auf dasjenige wirft, was sich eigentlich in Jahrzehnten vollzieht – aber nur in der Art eines Blitzschlages, der schnell etwas beleuchtet.“ (Rudolf Steiner, Zeitgeschichtliche Betrachtungen, GA 173 a, 4. Auflage 2010, S 64f)

Mittwoch, 11. Januar 2017

Ein "ehrlicher Kerl"? Zum Tod von Alt-Bundespräsident Roman Herzog

Am 10. Januar 2017, am ersten Todestag des Sängers, Musikers und Malers David Bowie, ist unser ehemaliger (siebter) Bundespräsident Roman Herzog mit 82 Jahren gestorben.
Er hat von 1994 bis 1999 den nunmehr wiedervereinigten deutschen Staat repräsentiert. Bekannt geworden ist seine Berliner „Ruck-Rede“ vom 26. April 1997, in der er dem deutschen Volk eine Art „Lähmung“ bescheinigte. Es müsse ein Ruck durch das Volk gehen. In welche Richtung der genau gehen soll, hat er nicht gesagt. Jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern. Als sein Vermächtnis aber gilt seine 1996 nach einem Besuch in Israel im Dezember 1994[1] und einem Besuch in Ausschwitz (als erstes deutsches Staatsoberhaupt) im Januar 1995 erfolgte Einführung des „Holocaust-Gedenktages“ am 27. Januar. So kann der Deutschlandfunk zum Todestag Roman Herzogs auf seiner Onlineseite titeln: „Der 27. Januar stellt den Holocaust ganz ins Zentrum“.[2]
Ich bezweifle sehr, dass durch diese ritualisierte „Erinnerung“ an die Schande des deutschen Volkes jene „Lähmung“ überwunden werden kann, die im Grunde seit den Friedensverträgen von Versailles über dem politischen Teil Deutschlands waltet. Damals wurde den Deutschen die „Alleinschuld“ am Ausbruch des Ersten Weltkrieges angeheftet, was nachweislich eine Lüge war. Diejenigen Deutschen, die diese Verträge mit unterschrieben haben, wurden von den Anhängern rechter Gruppierungen als „Volksverräter“ bezeichnet. Dieses Wort erklang am 3. Oktober 2016 anlässlich der Feiern des Tages der Deutschen Einheit in Dresden wieder, diesmal vorwiegend bei Anhängern der „rechtspopulistischen“ PEGIDA- Bewegung und wurde gestern, am Todestag Roman Herzogs, zum „Unwort des Jahres 2016“ erklärt. Damit sollen alle, die in populärer, aber eindeutiger Weise gegen die Politik der vergangenen hundert Jahre Stellung nehmen, stigmatisiert werden. Es ist eine ähnliche Strategie wie bei der Einführung des „Holocaust-Gedenktages“: das „deutsche Volk“ – was auch immer das sein mag –  klein und ruhig zu halten.
Ich weiß inzwischen zu viel, um die Augen vor den wahren Initiatoren solcher Festlegungen von Gedenktagen oder „Unwörtern“ zu verschließen, auch wenn sie niemals namentlich genannt werden. Vorgestern las ich in der Bildzeitung, dass der „Jüdische Weltkongress“ (WJC = World Jewish Congress) die Deutschen dazu aufruft, Selfies zu machen, auf denen sie im Stile von „Je suis Charlie“ ein Schild mit der Aufschrift „I remember“ tragen und diese Fotos dann ins Netz zu stellen.
Auf der deutschen Wikipediaseite kann man lesen, dass eine Vorläuferorganisation des 1936 in New York gegründeten WJC das 1919 anlässlich der „Pariser Friedensverhandlungen“ gegründete „Comite des delegations juives“ gewesen sei. Natürlich war diese Organisation zusammen mit den französischen Politikern für eine strenge Verurteilung und Bestrafung Deutschlands in diesen „Friedensverhandlungen“. Rudolf Steiner warnte damals die deutsche Delegation davor, ihre Unterschrift unter diesen Vertrag zu setzen, der später zum „unaufhaltsamen Aufstieg“ Adolf Hitlers führen wird. Er hat die Unterschreibenden, soweit ich weiß, aber nie als „Volksverräter“ tituliert. Das ist nicht sein Stil. Und meiner auch nicht.
Der Staatsrechtler Roman Herzog, der mehrere Jahre (von 1987 – 1994) Präsident des Bundesverfassungsgerichts war und in der sogenannten „Hauptstadt des Rechts“, Karlsruhe, arbeitete, war seit 2001 in zweiter Ehe mit Alexandra, Freifrau von Berlichingen verheiratet und lebte in der Residenz des Geschlechtes in Jagsthausen.
In diesem Städtchen an der Jagst wird bis heute jährlich in der „Götzen-Burg“ Goethes erstes Schauspiel, „Götz von Berlichingen“ aufgeführt, das von einem ritterlichen Rebellen gegen das sogenannte „Römische Recht“ handelt, der den Charakter des „aufrechten deutschen Kerls“ verkörperte. So ein „ehrlicher Kerl, der den Deutschen nichts vormacht“, wollte Roman Herzog, wie er einmal sagte, auch sein. Aber was heißt das schon!?
Der Landshuter „Alt-Bayer“ stammt aus einem protestantischen Elternhaus. Als er 2011 anlässlich der Verleihung des „Deutschen Medienpreises“ an den protestantischen Pfarrer Bethlehems, Mitri Raheb, die Laudatio halten sollte, protestierte die „Deutsch-Israelische Gemeinschaft“ und schrieb dem Ex-Präsidenten einen „offenen Brief“. Der „ehrliche Kerl“ Herzog ließ sich aber nicht von seinem Vorhaben abbringen.
Trotzdem wurde der verstorbene deutsche Politiker gestern mit folgenden Worten in einer Erklärung des WJC gewürdigt:
The World Jewish Congress honored Herzog as a "great fighter for the rule of law and for a free and tolerant society". Herzog had "distinguished himself with his great openness and friendship toward the Jewish community and for promoting its role in German civil society," said Maram Stern, the WJC's deputy CEO, in a statement.[3]
Ich denke, es ist sehr schwer, die zwei Dinge zu vereinen: Politiker zu sein und „ehrlich“ zu sein.
Roman Herzog hat es sicher versucht. Ob es ihm gelungen ist, bezweifle ich. Dennoch fand ich ihn immer sympathisch.



[1] Es war der erste Staatsbesuch des ersten gesamtdeutschen Bundespräsidenten im Ausland. Ob die Aufnahme des Paragraphen 130 ins deutsche Strafgesetzbuch, der ebenfalls im Jahre 1994 erfolgte, auch Herzogs Handschrift trägt, will ich noch genauer untersuchen. Auf Wikipedia lese ich: "Am 13. April 1994 entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Holocaustleugnung nicht unter das Grundrecht der Meinungsfreiheit nach Art. 5 Absatz 1 des Grundgesetzes fällt: Es handele sich bei der Holocaustleugnung um eine „unwahre Tatsachenbehauptung“, also das Bestreiten einer vielfach erwiesenen Tatsache, die für sich nicht vom Recht der Meinungsfreiheit gedeckt sei, da sie nicht zur verfassungsmäßig vorausgesetzten Meinungsbildung beitragen könne.[10] Schon die Prüfung, ob Holocaustleugnung überhaupt als im Sinne der Meinungsfreiheit schutzwürdige Meinung in Betracht kommt, wurde also verneint.
Daraufhin wurde § 130 StGB am 28. Oktober 1994 mit dem Absatz 3 ergänzt. Der darin verwendete Begriff des Völkermords bezieht sich vor allem auf die Holocaustleugnung, da § 6 Absatz 1 des Völkerstrafgesetzbuchs (VStGB) den Holocaust als Völkermord definiert. Absatz 3 ist nach BVerfG-Urteil von 1994 kein Sonderrecht gegen bestimmte Meinungsinhalte, weil eine direkt zu Hass, Gewalt oder Willkür aufstachelnde Äußerung eine nicht von der Meinungsfreiheit gedeckte Straftat darstellt, die weiteres illegales Handeln bewirken, dazu aufrufen und anstiften könne."
Interessant ist, dass Helmut Kohls Wunschkandidat 1993  nicht der Niederbayer Roman Herzog, sondern der Sachse Steffen Heitmann war. Dieser wurde jedoch wegen seiner kritischen Äußerungen zur „Tabuisierung“ der deutschen Vergangenheit und des Themas Holocaust fallen gelassen, nachdem eine wahre Medienkampagne gegen ihn „angezettelt“ worden war.

Dienstag, 1. November 2016

"Gieriges Geld" und "Agrarwende" - eine Veranstaltung in der Akademie Schloss Kirchberg


Warum habe ich von diesem Mann noch nie etwas gehört!?
Gestern bekam ich durch ihn ganz unerwartet auf viele Fragen, die ich schon so lange mit mir herumtrage und die gerade jetzt im Zuge meiner Vorbereitung auf den "Orientierungskurs für Flüchtlinge" ganz aktuell sind, eine kompetente Antwort.
Wie es so geschieht, sah ich gestern Vormittag beim Gang durch die Schwäbisch Haller Markthalle, die vornehmlich Lebensmittel der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft anbietet, an der Eingangstür ein Plakat, auf dem ich etwas von einer Veranstaltung in der „Akademie Schloss Kirchberg“ las, die in irgendeinem Zusammenhang mit Martin Luther und der Reformation zu stehen schien. Da die Tür sich automatisch öffnete, war das Plakat, bevor ich es wirklich lesen konnte, schon wieder verdeckt. Ich schaute also, ob ich nicht irgendwo beim Stand der Erzeugergemeinschaft einen Flyer finden könnte, der mir weiterhilft. Den fand ich schließlich auch. Ich las das Thema und erfuhr, dass die Veranstaltung am gestrigen Abend, also bewusst am Reformationstag, mit einem Einführungsvortrag zum Thema „Von Luthers Irrtum im Bauernkrieg zur Solidarität der Kirchen mit den Bauern weltweit“ beginnen sollte. Rudolf Bühler schien zu der Veranstaltung einzuladen, denn es hieß im Flyer „19.00 Uhr: Begrüßung und Einführung ins Thema“ durch Rudolf Bühler, der, wie ich bei der Gelegenheit erfahre, im Jahre 1984 – dem Orwell-Jahr – mit acht weiteren Bauern in Wolpertshausen die „Bäuerliche Erzeugergemeinschaft“ gegründet hatte, der inzwischen 1450 Bauern angehören.
Von dem Referenten des Abend-Vortrages, Professor Dr. Ulrich Duchrow aus Heidelberg, hatte ich noch nie etwas gehört. Ich las jedoch, dass am folgenden Tag, also heute, auch Dr. Winfried Dalferth, unser ehemaliger Dekan, der am 17. Juli diesen Jahres verabschiedet wurde, ein Referat halten würde. Die Namen Rudolf Bühler und Winfried Dalferth hatten neben dem Namen Martin Luthers mein Interesse geweckt. Ich hatte den ganzen Nachmittag Zeit, mir zu überlegen, ob ich am Abend nach Kirchberg fahren solle. Eigentlich stand mein Entschluss aber schon fest, zumindest den Abend-Vortrag zu besuchen.
Der Vortrag von Ulrich Duchrow war eine Offenbarung. Ich habe mir heute Morgen ein Video angeschaut, in dem er in einem Vortrag über sein Buch „Gieriges Geld“ referiert, das er auch gestern Abend erwähnte und aus dem er zusammenfassend seine wichtigsten Thesen vortrug, die er in für mich überzeugender Weise mit der Geschichte der Geldwirtschaft verknüpft. Ulrich Duchrow ist von Haus aus protestantischer Theologe und zieht die Texte des Alten Testamentes als Quellen für jenen Umschwung im achten vorchristlichen Jahrhundert heran, als die Geldwirtschaft eingeführt wurde. Es ist hochspannend, da ich dabei wieder auf die „üblichen Verdächtigen“ stoße, die Juden.
Duchrow erzählt von dem Wunsch der Israeliten, wie die umliegenden Völker einen König zu haben. Er verweist – mit Luther – auf 1. Samuel 8, wo der Schreiber ausführt, welche „Ausbeutung“ des Volkes herrschen wird, wenn über Israel – gegen den Willen Jahves – ein König herrschen wird. Das betrifft vor allem die Bauern, wenn Samuel schreibt (1.Sam 8, 14f): „Eure besten Äcker und Weinberge und Ölgärten wird er (der König) nehmen und seinen Großen geben. Dazu von euren Kornfeldern und Weinbergen wird er den Zehnten nehmen…“ und so weiter. All diese Dinge geschehen nur, damit der Fürst in ausschweifendem Luxus leben kann. In seiner „Vermahnung zum Frieden auf die zwölf Artikel der Bauernschaft in Schwaben“ aus dem Jahr 1525, dem Jahr der Bauernaufstände, klagt Martin Luther in deutlicher Sprache zunächst einmal die Fürsten an: „Das Schwert ist euch am Halse. Dennoch meint ihr, ihr sitzt so fest im Sattel, man werde euch nicht können ausheben. Diese Sicherheit und verstockte Vermessenheit wird euch den Hals brechen. Das werdet ihr sehen. Ich hab’s euch früher verkündet, ihr sollt euch hüten vor dem Spruch des Psalms 107, 40: ‚Er schüttet Verachtung über die Fürsten‘. Ihr ringt danach und wollt auf den Kopf geschlagen sein; davor hilft kein Warnen noch Erbarmen.“ (Martin Luther, Ausgewählte Schriften, Band 4, S 102f)
Duchrow erklärt, wie der Kapitalismus im Mittelalter mit der „Satisfaktionslehre“ des Anselm von Canterbury „im Himmel“ beginnt, wie er durch die Kreuzzüge verstärkt wird und wie „das Kapital“ schließlich die ganze Welt ergreift. Er übersetzt „Kapital“ mit „gieriges Geld“. Das Wesen des Kapitals sei, sich zu vermehren und das fördere die Gier. Dem stellt er Gegenbewegungen gegenüber, die weltweit von China bis in den Mittelmeerraum im sechsten vorchristlichen Jahrhundert einsetzten: den achtgliedrigen Pfad Buddhas, die Sprüche Lao-tses und die Philosophie des Kon-fu-tse, die Thora der Juden und schließlich die Lehre Jesu Christi, die in einem Satz zusammengefasst, lautet: „Der Mensch kann nicht zwei Herren dienen: Gott und dem Mammon“.
All diese Aussagen sind mir aus dem Herzen gesprochen. Und ich verstehe nun, warum meine Generation immer nach einer Alternative zum Kapitalismus gesucht hat. Der Kapitalismus ist dabei, den Planeten zu zerstören. Er führt zu Kriegen und zur Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich. Er ist tödlich und muss bekämpft werden. Das tut Professor Duchrow seit 1992, als er zusammen mit anderen in Straßburg das "Parlament von unten" gründet. Später, im Jahre 2000, war er einer der Mitbegründer von "Attac Deutschland", einer Bürgerrechtsbewegung, die seit 1998 in Frankreich existierte.
Es wird mir klar, dass in der Akademie Schloss Kirchberg, die dieses Jahr gegründet wurde, eine radikale „Umkehr“ (im Sinne der ersten der 95 Thesen Martin Luthers) stattfinden soll. Im Schloss Kirchberg, so führt Rudolf Bühler in seinem Schlusswort aus, wurde im Jahre 1949, also im gleichen Jahr, in dem die Bundesrepublik gegründet wurde, die erste Bauernschule Deutschlands eröffnet. Das Bild des Gründers Fritz Strempfer (7.04.1907 – 14.07. 2003) hängt im Nebenraum des Rittersaales, in dem die Bäuerliche Erzeugergemeinschaft nach den Vorträgen auch einen leckeren Imbiss kredenzt.
Dass die „Umkehr“ von den Bauern ausgehen sollte, macht Rudolf Bühler noch einmal klar. Sie sind es, die die Böden pflegen, damit sie fruchtbar bleiben, und die auf ihnen die Pflanzen anbauen und die Tiere weiden lassen, die für eine gesunde Ernährung der Menschen sorgen sollen. Die Bundesernährungsministerin Renate Künast, die einen Hohenloher Biobauern als Berater engagiert hatte, sprach schon vor Jahren von der „Agrarwende“. Erst jetzt merken immer mehr Verbraucher, dass die in den Supermärkten angebotenen Lebensmittel degeneriert und voller Rückstände sind und immer mehr schwenken um auf Bio. Es bieten jetzt sogar Discounter wie Aldi und Lidl Bio an. Ob das allerdings wirklich „Bio“ ist, ist mehr als fraglich. Es wird sich in der nächsten Zeit hoffentlich die „Spreu vom Weizen“ trennen.
Wir sind Zeugen einer neuen „Reformation“ und ich bin froh, dass Kirchenmänner wie Ulrich Duchrow, aber auch der katholische Papst Franziskus, der gestern anlässlich des Reformationstages in der evangelischen Kathedrale im südschwedischen Lund ein Gespräch mit den skandinavischen Protestanten geführt hat und heute in einer ökumenischen Messe im Stadion von Malmö vor Katholiken und Protestanten die Einheit der christlichen Kirche beschwören wird, treibende Kräfte bei diesem friedlichen Prozess sind.



Sonntag, 14. August 2016

Eine Treppe in den Himmel über Berlin – die Musikrevue „The stairways to heaven“ auf der Großen Treppe, Schwäbisch Hall



Ich wollte noch von der „Musikrevue“ erzählen, die wir am Freitagabend (12.08.2016) zusammen mit E. und G. angeschaut haben. Der Titel entstammt dem berühmten Song der britischen Band Led Zeppelin aus dem Jahr 1971. Er wurde komponiert von dem Gitarristen Jimmy Page. Er spielt auch die Gitarren-Riffs und sein Freund, der Sänger Robert Plant, schrieb den Text und leiht dem Lied seine Stimme. In der SWR1-Hitparade, die seit ein paar Jahren immer in den Herbstferien stattfindet, erreichte der Song hintereinander immer wieder Platz 1. Er ist also weltbekannt.
Auf Wikipedia kann man nachlesen, wie das Lied entstand: Die Melodie fiel Jimmy Page während eines Aufenthalts in einem Bauernhaus in Wales in einer Nacht ein und Robert Plant erzählt, dass er den Text zu 80% in einem Zug niedergeschrieben habe.
„The first attempts at lyrics, written by Robert Plant next to an evening log fire at Headley Grange were partly spontaneously improvised and Page claimed, „a huge percentage of the lyrics were written there and then“. Jimmy Page was strumming the chords and Robert Plant had a pencil and paper. Plant later said suddenly, ‘my hand was writing  out the words ‘There’s a Lady is sure, all that glitters is gold, and she’s buying a stairway to heaven’. I just sat there and looked at them and almost leapt out of my seat.’ Plant’s own explanation of the lyrics was that it ‘was some cynical aside about a woman getting everything she wanted all the time without giving back any thought or consideration. The first line begins with that cynical sweep of the hand … and it softened up after that.” (https://en.wikipedia.org/wiki/Stairway_to_Heaven)
Zu dieser Zeit las Robert Plant in einem Buch des schottischen Volkskundlers und Okkultisten Lewis Spence (1874 – 1955). Der Autor war einer der ersten, der in seinem Buch „Occult Causes of the Present War“ (1940) über die okkulten Hintergründe des Zweiten Weltkrieges schrieb. Ansonsten beschäftigte Spence sich vor allem mit alten keltischen Mythen und Ritualen. Ich denke, das Lied und die „Lady“, das es besingt, sind Inspirationen aus dem keltischen Volksgeist. Die Frau, die von Gold glitzert und sich eine Treppe in den Himmel „kauft“, könnte die Fee Viviane („The Lady of the Lake“) sein, die schon den „enchanteur“ Merlin verzaubert hat.
Im Jahr 2014 hatte Treppen-Intendant Christoph Biermeier die Musikrevue „Summer of Love“ auf der Treppe inszeniert. Damals wurden Songs der 60er Jahre auf der Treppe gesungen. G. und E. hatten das Stück damals gesehen. Aber leider musste es, wie sie erzählen, wegen eines heftigen Gewitters abgebrochen werden. Nun hatten sich beide die Fortsetzung, „The stairways to heaven“, das bereits letztes Jahr auf der „Großen Treppe“ Premiere hatte, und zwar ausgerechnet am Jakobstag (25.07. 2015), als Geburtstagsgeschenk von mir gewünscht. Beide sind ja dieses Jahr 60 geworden. In „The Staiways to Heaven“ werden nun Songs der 70er und 80er Jahre gesungen, von denen ich die meisten kannte.
Nachdem es am Abend zuvor zu regnen begonnen hatte und auch noch am Freitagvormittag leicht regnete, hellte sich der Himmel am Abend auf und es blieb trocken. Im Südwesten begleitete der stille Halbmond, umrahmt von Mars und Saturn im Sternbild des Skorpion, die Show, die mit raffinierten Lichteffekten auf der in Dreiecksform über die Steintreppe gestülpten Metallictreppenkulisse einen starken Kontrast zu den leisen Gestirnen bildete.
Überhaupt fand ich die grelle Machart der Musikrevue dem inneren Thema nicht sehr angemessen.
Es geht in der Geschichte um ein Mädchen namens „Summer“ (gespielt von Walesca Frank), das am 9. November 1989 in der Begeisterung über die Öffnung der Mauer unglücklich stürzt und sich dabei tödlich verletzt. Nun wird Summer von Erzengel Gabriel (David Michael Johnson) gerufen und auf der „Himmelsleiter“ von Stufe zu Stufe nach oben geführt, bis sie selbst zu einem „Schutzengel“ wird, der vier Menschen auf ihren irdischen Wegen begleitet und sie von Irrwegen abzubringen und zu ihren wahren Aufgaben zu „inspirieren“ versucht.
Die Story dürfte in gewisser Weise von Wim Wenders‘ erstem Engel-Film, „Der Himmel über Berlin“, der kurz vor dem Mauerfall (1987) in die Kinos kam, inspiriert sein. Das umgekehrte Dreieck der Silbertreppe „zum Himmel über Berlin“ endet unmittelbar vor Sankt Michael in einem sich nach oben öffnenden Parallelogramm, das die Mauer symbolisiert. Ich bin zunächst ein wenig enttäuscht, weil diese stilisierte Mauer den Blick auf die wunderbare spätgotische Michaelsstatue verstellt, die ich so sehr liebe und die wie ein immer noch wirksamer Schutzgeist über die Stadt, ihre Menschen und die Inszenierungen auf der Treppe wacht.


 Aber am Ende der „Zeitreise“ , als die Geschichte wieder an ihren Ausgangspunkt zurückkehrt, öffnet sich die Mauer und der Blick ist für die, welche ihn kennen, frei auf den im Dunkel waltenden Sonnen-Engel, der auch der Seelenführer nach dem Tode ist. Der Erzengel Gabriel, der auch der Inspirator Mohameds war, ist ein Monden-Engel und ist zuständig für die Geburt.
Also hier liegt einmal wieder eine spirituelle Verwechslung vor, die umso schwerwiegender ist, wenn man davon ausgeht, dass die Autoren dieser Revue sich ein bisschen mit Engeln beschäftigt haben. Aber gut: Mir ist bewusst, dass hinter dem Looking-for-Freedom-singenden Gabriel in Wirklichkeit die Statue des Erzengels Michael als der wahre Inspirator steht. Das Lied passt ja auch großartig zu ihm: Michael ist es, der das große Risiko innerhalb der Evolution auf sich genommen hat, den Menschen die Freiheit (freedom) erfahren zu lassen. Dabei hat er in der Doppelheit der Verführer – Ahriman und Luzifer – zwei mächtige Widersacher. Die beiden spielen für die, die sie kennen, mächtig mit bei der Revue und dem Weg der vier Protagonisten. Immer wieder drohen diese, entweder nach links oder nach rechts abzudriften.
Da ist zum Beispiel Thomas (gespielt von Marc Lamberty), der sich schon 1972, dem Jahr, mit dem die Revue einsetzt, für Computer begeistert und gegen den Willen seiner Eltern nach Kalifornien reist, anstatt sein Abitur zu machen. Dort trifft er in einer Garage Steve Jobs und inspiriert den Gründer von Apple zum Smartphone, das in Form des I-Phones 2007, also 35 Jahre danach, tatsächlich „realisiert“ wird.
Die Begeisterung für die digitale Vernetzung der Menschheit ist, wie Andreas Neider in seinem bahnbrechenden Buch „Der Mensch zwischen Über- und Unternatur – Das Erwachen des Bewusstseins im Ätherischen und die Gefährdung der freien Kräfte“ nachweist, ein gigantischer Angriff auf die menschliche Freiheit durch den größten Gegner der „ätherischen Welt“, Ahriman. Konsequenterweise trifft Thomas in Kalifornien Jamie, der ebenfalls schwul ist. Die beiden verlieben sich ineinander und werden Partner. Aber diese Liebe ist vom Tode umweht. In drastischen Bildern wird der Tod Jamies dargestellt, der an Aids stirbt.
Auf der anderen Seite steht Heiner (gespielt von Brady Swenson), ein langhaariger Hippie, der noch nie in seinem Leben etwas gearbeitet hat („wer nie gearbeitet hat, kann auch nicht arbeitslos werden“) und sein Leben mit dem Anbau und Verkauf von Cannabis verdient. Er ist ständig bekifft und merkt deshalb nicht, wie sehr ihn Michaela (gespielt von Femke Soetenga, die auch schon die Maria Magdalena in „Jesus Christ Superstar“ darstellte) liebt, die ihre Karriere als Bankkauffrau beginnt und später in Frankfurt und schließlich an der Wallstreet arbeitet. Heiners Lebensmotiv ist der „Genuss“, Michaelas „die Gier“. Beide Empfindungen sind „Einflüsterungen“ Luzifers.
Summer als Schutzengel gelingt es, die beiden von ihren Irrwegen zu befreien. Zum Schluss gestehen sie sich ihre Liebe.
Das dritte Paar der Revue sind der Ostberliner Matthes (Gerald Michel) und seine Westberliner Freundin Sabine (Johanna Spantzel). Beide finden nach dem Mauerfall endlich zusammen und heiraten.
Summer begleitet die sechs als siebente durch die Zeit. Dabei werden verschiedene Zeitereignisse wie zum Beispiel der Kniefall Willy Brandts in Warschau, der Deutsche Herbst 1977 mit den Anschlägen der RAF, der Gau des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl im Jahre 1986 und schließlich der Mauerfall vom 9. November 1989 nachgespielt und von Songs jener etwa 17 Jahre begleitet. Neben vielen englischsprachigen Songs waren auch einige deutsche Lieder darunter: westdeutsche Lieder vom Sänger der Band „Ton, Steine, Scherben“, Rio Reiser („König von Deutschland“) oder ostdeutsche Lieder von Karat („Über sieben Brücken musst du gehen“).
Besonders lustig war die Inszenierung des Songs „Ein bisschen Frieden“ von der damals 17-jähigen Nicole, der Siegerin beim Eurovision Song Contest 1982: Nicole hatte eine riesige Pappgitarre um die Schulter hängen. Hinter ihr tanzten als Backgroundsänger drei „Putti“ mit nacktem Oberkörper, die auf ihren Minigitarren, die notdürftig ihr Geschlecht verdeckten, „schrammten“.
Das Spiel endete am Tag, an dem es auch begonnen hatte: am 9. November 1989. Nun hatte Summer ihre Aufgaben erfüllt: Nicht die Verführer hatten gesiegt, sondern die Liebe. Für uns Zuschauer auf der Erde (von Schwäbisch Hall) waren zweieinhalb Stunden vergangen, für die handelnden Figuren 17 Jahre, für die Engel, die aus der Ewigkeit in die Zeit wirken, kaum ein paar Minuten. Im Augenblick des Todes spult sich beim Verstorbenen sein gesamtes Leben rückwärts wie ein großes Panorama ab und der Mensch kann Bilanz ziehen. Seine „Taten und Gedanken werden ihm nachfolgen“, heißt es im Evangelium.
Ob der Mensch bei seinem Tode schon reif zum (Schutz-) Engel ist, wie es die Revue suggeriert, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Dabei kommt es auf die Vorbereitung auf Erden an, die nur durch eine wirkliche Geistesschulung gelingen kann.  Aber soweit wollte die musikalische Revue, die vorwiegend der Unterhaltung diente, nicht gehen. Da hätten die Zuschauer nicht so schön mitsingen und mitklatschen können.


Ein bisschen enttäuscht waren wir, als die Revue zu Ende war und wir das Lied, auf das wir die ganze Zeit gewartet hatten, nicht hören durften: „ A Stairway to Heaven“. Vielleicht ist es in der vorangehenden Revue „Summer of Love“ gespielt worden, denn es entstand ja vor dem Jahr 1972, mit dem dieses Mal die Zeitreise begonnen hat.

Montag, 1. August 2016

ZAZ macht Mut - Zazimut. Ein Konzert in Ludwigsburg am 31.07.2016


Im Fernsehen auf 3SAT läuft eben die Verfilmung von "Wilhelm Tell" aus dem Jahre 1960. Eigentlich wollte ich mir den Film heute, am Schweizer Nationalfeiertag, anschauen, aber jetzt bin ich ganz bei ZAZ. Diese Sängerin ist nur ein Jahr älter als meine Tochter Raphaela, die ebenfalls singt. Vor etwa sieben Jahren ging ihr Stern am Musikhimmel auf. Nun habe ich sie mit Freunden in Ludwigsburg live erlebt. Es war ein phantastisches Konzert und eine richtig gute Show.
Diese Frau ist unglaublich: sie tanzt wie eine Mischung aus hyperaktivem Clown und Gummiball über die Bühne, wobei sie meistens Charleston-Schritte variiert. Dann wird sie wieder ganz ruhig und wirbt für ihre eigentliche Botschaft: eine bessere, menschlichere Gesellschaft und einen rücksichtsvolleren Umgang mit den Tieren und der Natur, für lokale Projekte unter dem Signum „Zazimut“. Da steckt auch das deutsche Wort „Mut“ drin. Das ist genau das, was auch Raphaela am Herzen liegt. Es ist die Hoffnung der Zukunft, wenn diese Generation die alten Dinosaurier vertreiben wird. Möge es ihnen besser gelingen als den Studenten und Hippies meiner Generation, die das schon einmal versucht haben.
Das Konzert fand im Innenhof des Ludwigsburger Schlosses statt. Es begann um 21.20 Uhr und dauerte knapp zwei Stunden. Ich hatte erst wenige ihrer Lieder im Radio gehört. Wenn ich mich recht erinnere, war „Dans ma rue“ das erste, dann „On ira“, in dem das Cafe Pouchkine in Paris erwähnt wird, das zweite, und ihr Hit „Je voeux“ das dritte.
Gestern beim Konzert waren viele Fans der Sängerin, die einige Lieder mitsingen konnten. Das Erstaunliche ist, dass es sogar bei ihrem Konzert in Moskau am 12. April diesen Jahres, das ich mir heute auf Internet ganz angeschaut habe, Menschen gab, die beim Lied „Je voeux“ mitgesungen haben. ZAZ hat aber auch immer wieder Russisch zum Publikum gesprochen. Da war wirklich eine starke gegenseitige Sympathie zwischen Moskau und Paris zu spüren. Hier der Link:
https://www.youtube.com/watch?v=ABtff323SR0 (Minute 1:33)
Dabei stammt die Sängerin, die mit bürgerlichem Namen Isabelle Geffroy heißt, gar nicht aus Paris, sondern aus Tours an der Loire, der Stadt, in dem der französische National-Patron begraben liegt: Saint Martin. Sie hat schon mit fünf Jahren beschlossen, Sängerin zu werden. Bekannt geworden ist die „neue Piaf“ mit gecoverten Chansons der großen französischen Sängerin, die mit 47 Jahren viel zu jung gestorben ist. An sie musste ich immer wieder denken, als ich ZAZ' Stimme gestern hörte. Aber die Piaf ist nicht meine französische Lieblingssängerin. Meine Favoritin war eine Zeit lang Barbara, aber seit einigen Jahren ist es Juliette Greco, die wir am 7. Februar in Paris hören und sehen durften. Jetzt also die jugendliche „Neuausgabe“, die aber viel mehr als eine „Neuauflage“ von Edith Piaf ist.
   
Diese neue Repräsentantin des in der wirtschaftlichen Agonie liegenden Frankreichs ist ein wahres Energiebündel, eine menschgewordene Note, ein Wunder. Alles an ihr ist Musik – und Poesie. Sie ist so authentisch und so gut, dass ich weinen möchte.

Sonntag, 3. Juli 2016

Requiem für die Kuh 2665

Gestern las ich im neuen Stern (Nr. 27 vom 30.06.2016) einen erschütternden Artikel („Kuh 2665 – die 100000-Liter-Maschine“) über die Realität der Milchwirtschaft in konventionellen deutschen Bauernhöfen, wie ich sie auch in meiner unmittelbaren Nähe Tag für Tag erlebe. Das hat mich zu folgendem Gedicht angeregt:


Du stehst in tausend Ställen
Tag für Tag
und Nacht für Nacht.
Niemand sieht dich,
doch die Menschenkinder
trinken täglich deine Milch.

In deinem Euter staut die Milch sich.
Dreimal täglich wird sie abgesaugt
von kalten Melkrobotern
oder groben Menschenhänden
im Rhythmus deines Pulsschlags.

Für einen einzigen Liter Milch
musst du 500 Liter Blut
durch dein
prallgefülltes Euter
pumpen.

Im Sekundentakt
pumpt und presst
die Maschine
deine zarten Zitzen.
Nach zwei Minuten
ist dein Euter leer.

Du hast keinen Namen mehr
wie Deine Schwestern früher.
Eine Nummer trägst Du im Ohr,
einen Transponder am Halsband,
einen Pedometer am Fuß.

Du darfst nicht mehr hinaus
Auf die Weide,
Nicht mehr mit deinen Schwestern tollen,
nicht mehr den starken Bullen
auf deinem Rücken  spüren.

Du trägst nicht mehr
die Zier des Hauptes,
die halbmondartigen Hörner,
die den Ägyptern heilig waren.
Schon in der Kindheit
Wurden sie dir ausgebrannt,
oder blutig abgesägt.

Du frisst fünfzig Kilo am Tag
Und wirst trotzdem nie satt.
Dein wunderbarer,
vierteiliger Magen
kann nicht so viel verdauen,
wie du fressen musst.

Saure Silage, Mais und Medikamente
Sind nicht für ihn geeignet.
Trotzdem musst du es
fressen, widerkäuen, fressen.
Deine  gierigen Herren
wollen immer mehr
aus Dir heraussaugen:

Dreimal täglich
40 Liter,
während deine Schwestern früher
nur zehn Liter abgeben mussten.
Dafür bist Du nach fünf Jahren schlachtreif,
obwohl du zwanzig Jahre leben könntest.

Du bist keinem mehr heilig,
nicht den Bauern,
die dich gnadenlos ausbeuten,
nicht den Verbrauchern,
die deine Milch
für einen Spottpreis erwerben.

Eines Tages, da bin ich mir sicher,
werden sich die Menschen schämen
dafür, was sie dir angetan haben.
Millionenfach landwirtschaftlich missbraucht!
Wofür?

Ich bin bei Dir,
arme, liebe
kuhäugige Freundin.

Ich höre dein Muhen,
wenn du dein Leben
im industriell-landwirtschaftlichen KZ fristest.

Ich höre dein Schreien,
wenn du auf den Weg nach Golgatha
 geschickt wirst.

Ich höre dein Brüllen,
wenn du in Tiefenbach
landest,

wo Deinem Leben
am Todesfließband
ein grausames Ende
bereitet wird,

damit wir auch noch
dein Fleisch
essen können
nachdem wir dein
weißes Blut

getrunken haben.