Dienstag, 10. Oktober 2017

"Wir brauchen einen Feind!" - der amerikanische Film "Das Russland Haus" von Fred Schepisi aus dem Jahre 1990


Gestern Abend sah ich – teilweise mit Lena – auf Arte den ersten US-Film, der im Jahre 1990 eine Drehgenehmigung in der damals noch bestehenden Sowjetunion erhalten hat: „The Russia-House“ von Fred Shepisi mit einem sympathischen Sean Connery und der „falschen“ (Lena) Russin Michelle Pfeiffer als Katja Orlova.
Der Film wurde nach dem gleichnamigen Roman von John Le Carre gedreht, der 1989 erschienen war. Man hat daraufhin dem Autor Antiamerikanismus vorgeworfen, weil er in dem Buch so viel Sympathie für die Russen zeigte, insbesondere für den fiktiven russischen Dissidenten Saweljew, einem Physiker mit Zugang zu den sowjetischen Rüstungsprogrammen, der im Film unter dem Pseudonym „Dante“, im Roman unter dem Pseudonym „Goethe“ auftritt[1]. John le Carre hat sich daraufhin in einer Rede, die er in New York gehalten hat, und die am 29. September 1989 auszugsweise in der „Zeit“ veröffentlicht wurde, gerechtfertigt:[2]
John Le Carre zeigt in seinem Roman klar auf, dass „Perestroika“ und „Glasnost“ überhaupt nicht im Interesse der amerikanischen und britischen Geheimdienste waren, die im sogenannten Londoner (fiktiven) „Russlandhaus“ zusammenarbeiteten. Als sie durch den Dissidenten Saweljew, der seine Aufzeichnungen in den Westen schmuggeln konnte, erfahren, dass die sowjetische Militärmaschinerie marode ist und keine wirkliche Bedrohung für das westliche Bündnis darstellt, glauben sie es nicht oder wollen es nicht glauben. In diesem Falle hätte das US-amerikanische Militär keinen Grund mehr, weitere Gelder von den Steuerzahlern zu erhalten, um die Sicherheit des Westens zu verteidigen. Bisher war es für Amerika wichtig, einen mächtigen Feind zu haben. Wenn dieser Feind nun wegfällt, verdienen die Rüstungskonzerne, die von den amerikanischen „Falken“ bei Laune gehalten wurden, nicht mehr an der Aufrüstung. Abrüstung, wie sie „die Tauben“ verlangen, ist für ihren Profit Gift.
Hier kommt die ganze Verlogenheit des kapitalistischen Systems zum Vorschein, welches den Kommunismus geradezu brauchte, um zu funktionieren. Der militärisch-industrielle Komplex ist, wie schon Präsident Eisenhower in seiner Abschiedsrede[3] sagte, der eigentliche Gegner des Friedens. Und er ist das Herz des westlichen Kapitalismus.
Das ist der komplexe Hintergrund des Romans und des Films. Was Buch und Film 1989 bzw. 1990 noch nicht wissen konnten, ist, dass der amerikanische militärisch-industrielle Komplex nach dem Ende des „Reichs des Bösen“ (Ronald Reagan über die Sowjetunion) dringend einen neuen Feind brauchte. Den lieferten die 19 arabischen „Highjacker“ am 11. September 2001.
Seit nunmehr 16 Jahren hat die westliche Welt wieder einen Feind: die islamischen „Schurkenstaaten“ in der „Achse des Bösen“ (George W. Bush). Am „War on Terror“ verdienen diese „Händler des Todes“, oder wie Bob Dylan sagt, diese „Masters of War“[4] blendend.



[1] Le Carre hatte in dem Dissidenten „Goethe“ den sowjetischen Physiker und Dissidenten Andrej Sacharow, den er bei seinen Russlandreisen persönlich getroffen hatte, zum Vorbild.

Dienstag, 26. September 2017

Das Ende der Illusionen?

Ich muss das Magazin, das ich beinahe dreißig Jahre abonniert hatte und schließlich aus Ärger abbestellt habe, weil ich seine zynisch-ironische Sprache nicht mehr ertragen konnte, das ich aber dennoch ab und zu kaufe, um mich zu vergewissern, wie es meiner alten „Geliebten“ geht, heute einmal loben. Die Ausgabe des „Spiegel“ vom 26. September 2017, die als Nummer 1 erscheint, bringt eine sehr interessante Analyse der Bundestagswahl. Ich möchte hier einen Ausschnitt widergeben, der mir besonders gut gefällt. Unter dem Titel „Merkels Saat“ schreibt das Autorenkollektiv:
„Noch stellt niemand Merkels Autorität offen infrage. Aber auf ihrer Amtszeit lastet eine Hypothek, die noch kein anderer CDU-Kanzler der Partei aufgebürdet hat: Der Aufstieg der Alternative für Deutschland ist ohne Merkel nicht denkbar, schon der Name der Partei beinhaltet eine Referenz an die Kanzlerin, die ihre Euro-Rettungspolitik als ‚alternativlos‘ bezeichnet hatte und in deren Folge sich die AfD dann im Februar 2013 gegründet hatte.
Als sich die Griechenlandkrise entspannte, war die AfD fast schon wieder verschwunden, aber dann kam im Herbst 2015 Merkels Entscheidung, die deutschen Grenzen nicht zu schließen. Die Flüchtlingskrise wurde zur zweiten Geburtsstunde der AfD, sie vitalisierte und radikalisierte die Partei gleichzeitig. Die Flüchtlinge waren, wie es Spitzenkandidat Alexander Gauland in aller zynischen Offenheit sagte, ein ‚Geschenk des Himmels‘ für die AfD.
Die Republik steht nun vor der wohl schwierigsten Regierungsbildung ihrer Geschichte. Da ist auf der einen Seite die CSU, die in Bayern dramatisch auf unter 40 Prozent abgestürzt ist. Sie wird scharf nach rechts ziehen, um die AfD-Konkurrenz bei der bevorstehenden  Landtagswahl im Herbst 2018 zu bekämpfen. ‚Wir hatten auf der rechten Seite eine offene Flanke‘, sagt CSU-Chef Horst Seehofer. Die gelte es nun zu schließen. Die Grünen wiederum wollen sich auf keinen Fall mit einer Union zusammentun, die von München aus geführt wird. Seehofers Obergrenze ist für sie Teufelszeug, und ihr überraschend starkes Ergebnis gibt ihnen den Mut zum Widerspruch. ‚Der schwierigste Partner wird die CSU und nicht die Grünen‘, sagt Günther Oettinger, der deutsche EU-Kommissar.
Zu allem Überfluss fehlt Merkel auch noch eine Alternative, mit der sie drohen könnte, falls die Gespräche stocken.“
Hier beschreibt der Spiegel eine Situation, die – geistig gesehen – hoch interessant ist. Obwohl sich der Spiegel seit seiner Gründung – soweit ich es übersehe mit einer einzigen nennenswerten Ausnahme[1] – dem Dogma des Materialismus verschrieben hat, deutet er haarscharf auf das geistige „Gesetz des Karmas" hin, ohne es zu benennen. Die Autoren zeigen aber exakt auf, wie Karma wirkt.
Karma wirkte in früheren Zeiten von einem Leben zum anderen. Im 21. Jahrhundert haben sich Ursache und Wirkung jedoch radikal verkürzt. Von dem legendären Ausspruch von der „Alternativlosigkeit“ bis zur Gründung der AfD vergingen gerade einmal ein paar Wochen. Nun, etwa vier Jahre später, greift sogar die Discounter-Kette Aldi in einer wahlbegleitenden Kampagne den Ausdruck auf, indem sie ihn leicht abändert und sprachschöpferisch zu „aldinativlos“ umwandelt.
Immerhin deutet der Spiegel in seiner Analyse das geistige Wirken – denn darum handelt es sich – an, indem er Herrn Gauland zitiert: Ja, die Flüchtlingskrise war für die „Alternative für Deutschland“ ein „Himmelsgeschenk“, denn erst dadurch ist sie groß geworden.  
Die Geschichte kennt viele solcher „Himmelsgeschenke“ seit der Antike. Es sind die sogenannten „Danaer-Geschenke“, die immer dann eintreten, wenn die Völker oder ihre Führer eine Verfehlung begangen haben, die den karmischen Ausgleich fordert.[2]
Der Raub der schönen Helena durch den trojanischen Königssohn Paris löste einen Krieg aus, der zehn Jahre hin und her wogte, aber schließlich durch die List des Odysseus mit einer totalen Niederlage der Trojaner endete. Der Priester Laokoon hatte die Trojaner vergeblich gewarnt.
Viele wundern sich, dass vor allem die Menschen im Freistaat Sachsen mit überwältigender Mehrheit die AfD gewählt haben. Auch das ist der karmische Ausgleich dafür, dass Helmut Kohl und seine Regierung vor exakt 27 Jahren die DDR „annektiert“ und „abgewickelt“ hat. Es war in Wirklichkeit nichts anderes als ein Raub.
Damals hat die Politik wieder einmal in einem historischen Moment eine bedeutende Chance verpasst. Das kann nicht ohne Folgen bleiben.
Aber so weit blicken unsere Politiker nicht. Es gibt unzählige Beispiele für solche materialistischen Kurzsichtigkeiten. Die Menschen an der Macht sind offenbar auf dem geistigen Auge blind.
Aber das Volk ist genauso blind, auch wenn es immerhin merkt, dass etwas „faul ist im Staate Dänemark“. 
Aber das bringt uns nicht weiter, auch wenn sich manche nun damit trösten, dass 87 „Prozent der Bevölkerung“[3] nicht die AfD gewählt hätten. Aber selbst das ist eine Illusion: In Wirklichkeit waren es 87 Prozent der Wahlberechtigten und nicht der Bevölkerung, also wesentlich weniger Menschen, als von an und für sich intelligenten Leuten behauptet wird.
Wo Karma wirkt, darf man sich nicht weiter in Illusionen wiegen, sondern sollte der Wahrheit – auch wenn sie noch so unangenehm ist – ins Auge schauen. Dabei hilft auch das „Verteufeln“ des Gegners nicht. Die AfD ist in einem geistigen Vakuum entstanden. Ihre wahre „Mission“ kann man nur verstehen, wenn man endlich die Glaubenssätze des Materialismus überwindet und tiefer schaut.



[1] Ich meine die Serie über die Anthroposophen von Peter Brügge im Jahre 1984, die auch als „Spiegel-Buch“ erschienen ist.
[2] Vergil bezeichnet das Trojanische Pferd, das die Griechen (Danaer) den Trojanern als Geschenk zurücklassen, in seiner „Aeneis“ als solches: „“ich fürchte die Danaer, auch wenn sie Geschenke tragen“ (Buch II, 48 – 49)
[3] So Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in der Bundesrepublik am Montagmorgen im SWR2-Tagesgespräch

Montag, 25. September 2017

"Wer nicht denken will, fliegt raus!" - Zum Ergebnis der Bundestagswahl 2017

Politiker müssen Machtmenschen sein. Wenn sie es nicht sind, dürfen sie nicht Politiker werden. 
So weit, so gut. 
Aber Politiker müssen auch Ideen haben.  Genau das aber vermisst „das Volk“ – vielleicht noch mehrheitlich unbewusst – bei einer Kanzlerin Merkel, die ohne Zweifel ein Machtmensch ist, wenn sie auch als „Kohls Mädchen“ angefangen hat und heute von vielen „Mutti“ genannt wird. Ihr „Basta“ hört man nicht wie bei ihrem Vorgänger, aber sie ist ein „Kontrollfreak“, wie der Fotograf Konrad R. Müller, der alle Kanzler fotografiert hat, feststellt (Spiegel 37 vom 9.9.2017). Nun fand ihr politischer Herausforderer, der SPD-Kanzler-Kandidat am Wahlabend eine Metapher, die zwar verletzend ist, aber meines Erachtens den Nagel auf den Kopf trifft: er nannte Frau Merkel einen „Ideenstaubsauger“.
Dieses Bild passt. Auf der einen Seite schnappt die Kanzlerin aus ihrer Umgebung Ideen auf, auf der anderen stößt sie heiße Luft aus. 
Die Ideen werden ihr vorwiegend von ihren amerikanischen Verbündeten eingeflüstert, wie jederman weiß, der sich wundert, dass sie sich nicht deutlicher gegen das Ausspionieren Deutschlands von englischen und amerikanischen Geheimdiensten gewehrt hat.
Wenn die deutsche Bundeskanzlerin meint, sie müsse sich im Interesse der von Amerika geführten Nato für Sanktionen gegen Russland entscheiden, obwohl das nicht nur der russischen, sondern auch der deutschen Wirtschaft schadet, dann kann ich das mit gesundem Menschenverstand nicht mehr nachvollziehen: Die gut Russisch sprechende ehemalige Ostdeutsche hätte, wenn sie ihre eigentliche Aufgabe ergriffen hätte, die perfekte politische Gesprächspartnerin für den gut Deutsch sprechenden russischen Staatschef Putin werden können.
Diese Chance hat sie tragischerweise verpasst!
Stattdessen stellt sie sich auf die Seite Amerikas, das nichts mehr fürchtet, als ein Zusammengehen deutschen Know-Hows mit dem riesigen Rohstoff-Reich Russland. 
Dazu musste erst einmal von jenen Kräften, die im Namen der verlogenen „Open Society“ des amerikanischen Spekulanten George Soros auf der ganzen Welt bunte Revolutionen fördern, die Ukraine destabilisiert werden. Als sich dann die Krim durch eine Volksabstimmung für unabhängig erklärte, war ein willkommener äußerer Grund für die von Amerika geforderten Sanktionen da. Als sich der Kosovo Jahre zuvor für unabhängig von Serbien erklärte, feierte man das als einen Sieg des Westens.
Aber das war nur der Endpunkt jenes unseligen Jugoslawienkrieges, für den die Nato 1998 sogar den ersten grünen Außenminister Joschka Fischer zum Verbündeten gewann. Dafür hat er von seinen Parteifreunden, die das als Verrat an den pazifistischen Idealen der Partei verstanden haben, die Rechnung in Form von Tomaten umgehend serviert bekommen. Auch Frau Merkel musste sich im eben zu Ende gegangenen Wahlkampf Tomaten gefallen lassen. 
Herr Steinmeier hat schon Recht, dass „Tomaten keine Argumente“ sind. Das meine ich auch.
Aber wenn unsere Staatslenker ihre Macht missbrauchen, dann antwortet die Volkswut auch einmal mit Pfiffen und Tomaten. Und Frau Merkel hat ihre Macht mehrmals – völlig undemokratisch – missbraucht: Ihre Beschlüsse hat sie am Parlament und am Gesetz vorbei völlig spontan gefasst: das war 2008 bei der Bankenrettung so, das war bei dem Umschwung in der Energiepolitik 2011 so, und das war schließlich bei der „Flüchtlingskrise“ im September 2015 so.
Der letzte spontane Fauxpas der Kanzlerin war ihr Interview, in der sie plötzlich von der konservativen CDU-Position abwich, und meinte, man könne ja mal über die „Ehe für alle“ nachdenken. Eine Woche später wurde daraus ein Bundestagsbeschluss – für mich der endgültige Beweis dafür, dass unsere Politiker nicht denken wollen. Der Begriff „Ehe“ ist, wie ich in einem früheren Blog aufgezeigt habe, eindeutig definiert und kann nicht auf „alle“ ausgedehnt werden.
Joseph Beuys sagte einmal in einer seiner Versammlungen etwas provokativ: „Wer nicht denken will, fliegt raus!“
Ich denke, das miserable Abschneiden der Großen Koalition bei der Bundestagswahl zeigt, dass Joseph Beuys recht hatte. Viele Genossen und Christdemokraten sind „rausgeflogen“.
Aber wer kommt nun „rein“?
Die Politiker der AfD greifen – völlig zu Recht – die allgemeine Volksunzufriedenheit auf. Die meisten Wähler haben diese Partei nicht aus Überzeugung gewählt, sondern aus Enttäuschung über die Politik der „Groko“.
Ich habe nicht den Eindruck gewonnen, dass die AfD-Politiker besser denken können, als viele der bisherigen Abgeordneten des Bundestages. Aber sie stellen zumindest schon einmal zahlreiche liebgewonnene „Dogmen“ in Frage. Diese „Glaubensgrundsätze“ sind nur die Meinungen weniger, die aber bisher in den Medien vorherrschend waren.
Das dürfte sich nun ändern. Und das sehe ich als eine reale Chance für unsere Demokratie, nicht als Gefahr. Unsere durch viele Krisen gestärkte parlamentarische Demokratie braucht kein „Bollwerk“ (Martin Schulz) gegen andere Meinungen, solange diese sachlich vorgetragen werden. Da haben allerdings manche Politiker der AfD noch einen Lernprozess zu absolvieren, wie zum Beispiel der frühere CDU-Politiker, Alexander Gauland, der sich gerne mal im Ton vergreift.
Aber wie sieht es mit der künftigen Regierung aus. Wenn nicht noch etwas völlig Überraschendes passiert, dann wird die christliche „Union“ mit den freien Demokraten und den Grünen eine schwarz- gelb-grüne Jamaika-Regierungs-Koalition bilden.
Um die Denkfähigkeit dieser „Wahlgewinner“ zu prüfen, sollte man sich einmal ihre flotten Werbesprüche auf den Wahlplakaten anschauen. Ich greife nur zwei heraus: Die Grünen ließen texten: „Umwelt ist nicht alles, aber ohne Umwelt ist alles nichts!“ Das ist so, wie es da steht, gedanklicher oder sprachlicher Quatsch. Richtig kann es heißen: „Umweltpolitik ist nicht alles, aber ohne Umweltpolitik ist alles nichts“.
Den Vogel schießt aber die FDP ab, die in ihrem Wahlkampf ausdrücklich  ein „neues Denken“ propagierte, wenn sie texten lässt: „First digital, Second bedenken“.
Das erinnert mich, abgesehen von dem Mischmasch aus Deutsch und Englisch und der bewussten sprachlichen Konnotation zu „America first“ von D.T., stark an den Schnellschuss von Bundeskanzler und Leo-Kirch-Freund Helmut Kohl, als er 1984 eigenmächtig die Privat-Fernseh-Sender in Deutschland einführte und dadurch den letzten Rest an Kultur, den zwei Weltkriege und die sogenannte „Westorientierung“ im deutschen Volk noch übrig gelassen hatten, nachhaltig zerstören ließ.
Ähnlich wird es mit der sogenannten Digitalisierung gehen, durch die man jetzt schon den Verlust von so wichtigen Kulturtechniken wie Kopfrechnen oder Kartenlesen verzeichnen kann und die uns in den nächsten elf Jahren schleichend in den totalen Überwachungsstaat führen wird.
Wenn die FDP auf ihren Wahlplakaten von dem „Ende der Geduld“ sprach, und die Tugend der Geduld einen „Schlachthof für Ideen“ nennt, dann ist das eine philosophische Bankrotterklärung. Herr Lindner hat vermutlich nie ein Philosophie- oder Theologie-Seminar besucht.
Was Herr Schulz und seine Partei unter „Gerechtigkeit“ verstehen, weiß ich bis heute nicht. Mit Sicherheit nicht das, was Plato und Aristoteles, die einst von den vier Kardinaltugenden sprachen, damit gemeint haben. Bis ins Mittelalter, ja bis ins 18. Jahrhundert waren diese Begriffe – genau wie der Begriff „Ehe“ – klar definiert und sie standen in vielen alten Bauwerken als Personifikationen den noch nicht alphabetisierten Abendländern als „Iustitia“, Patientia“, Temperantia“ und „Fortitudo“ vor Augen.

Wenn unsere Politiker, von den Grünen bis zur AfD, den Begriff „Fortitudo“ richtig verstanden haben, dann wissen sie auch, dass „Macht“ eine positive Tugend ist, die sich in ein Laster verkehrt, wenn sie missbraucht wird.

Sonntag, 24. September 2017

Stephen King und der Zyklus der 27 Jahre

Gestern habe ich in meinem Crailsheimer Kurs zusätzlich fünf (Schul-) Stunden unterrichtet, und zwar von 16.00 bis 20.00 Uhr.
Als ich zurück nach Schwäbisch Hall fuhr, sah ich vor mir im Westen die schmale, untergehende Mondsichel. Leider war der Himmel über ihr bewölkt. Aber in Gedanken sah ich das Sternbild der Jungfrau und ich dachte an das „große Zeichen“ aus der Offenbarung (12, 1). Auch heute Morgen war der Himmel bewölkt und es war unmöglich, das Sternbild des Löwen mit den drei Planeten zu sehen, die sich im Augenblick dort aufhalten. Das Sternbild hat neun Fixsterne. Rechnet man Mars, Venus und Merkur dazu, die gerade durch den Löwen wandern, dann kommt man auf zwölf Sterne. Wenn die Sonne aufgeht, dann geht sie heute im Zeichen der Jungfrau auf – anders als in der Astrologie, wo sie in der Waage aufgeht. Wir haben also „ein Weib, mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen und auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen“ (Off. 12, 1).
Jupiter, der Planet der Weisheit, befindet sich im Sternbild er Jungfrau.
.
Um 10.00 Uhr war ich im Gottesdienst in der evangelischen Kirche. Es wurden die sieben neuen Konfirmanden vorgestellt: drei Jungen und vier Mädchen. Ich war erstaunt über die große Ernsthaftigkeit der 14jährigen Jugendlichen. Sie haben mit klaren Stimmen und mit Verstand die Gebete vorgelesen, beim Abendmahl Brot und Wein ausgeteilt und danach die Fürbitten gelesen.
Ich musste bei diesen sieben unmittelbar an die „Clique“ aus Stephen Kings Roman „Es“ denken. Möge es den sieben ebenfalls gelingen, die Monster (bzw. Ängste in sich) zu besiegen.
Im Roman "Es" sind es sechs Jungen und ein Mädchen, die das Monster bekämpfen. Sie lernen sich im Jahre 1958 mit etwa 11 Jahren in einem kleinen amerikanischen Ort kennen und nennen sich „Club der Verlierer“, weil jeder einen Makel hat. Dennoch ergreifen sie später gute Berufe und wirken erfolgreich in der ganzen Welt. Nur der schwarzhäutige Mike (Michael)[1] bleibt in dem Heimatstädtchen zurück und leitet dort die Bibliothek. Er verwaltet gleichsam das in verschiedenen Dokumenten „gesammelte Wissen“ der bei den anderen bereits weitgehend verdrängten Ereignisse des Jahres 1958, als das Böse in Form von „Es“ zum ersten Mal sein Haupt erhob. „Es“ nimmt immer die Gestalt der Angst an, die eines der sieben Mitglieder des „Clubs der Verlierer“ gerade am meisten hat: die des Clowns, des Riesenvogels oder auch des Werwolfs. „Es“ scheint in der Kanalisation, also „unterirdisch“, zu leben und taucht alle 27 Jahre wieder auf. Als es im Jahre 1985 wieder so weit ist, ruft Mike seine Freunde von damals zusammen und gemeinsam besiegen sie in diesem Jahr tatsächlich das Böse und seine Brut.
Die Zahl von 27 Jahren ist interessant. Viele große Film- und Popstars starben in diesem Alter, angefangen mit dem Idol der 50er Jahre, James Dean. In den 60er und 70er Jahren waren es Jimmy Hendrix, Janis Joplin und Jim Morrison von den Doors. 
Stephen King war 27, als er 1974 seinen ersten Erfolg als Schriftsteller mit dem Roman „Carrie“ feiern konnte. Beinahe wäre auch er durch seinen Alkoholkonsum - ebenfalls mit 27 - gestorben. Interessant ist auch, dass wiederum 27 Jahre später, also im Jahre 2001 ein Ereignis eintraf, in dem viele den Einbruch des Bösen in die globalisierte Welt sehen: der Angriff auf die beiden WTC-Türme.
Rudolf Steiner hat einmal ausgeführt, dass das 27. Lebensjahr in unserem jetzigen Zeitalter in jedem Lebensgang eine Krise signalisiert. Wenn der Mensch in diesem Alter seine geistige Entwicklung nicht selbst in die Hand nimmt, dann bleibt er in gewisser Weise bei dem erreichten Status Quo stehen. Bis zum 27. Lebensjahr wird dem Menschen alles geschenkt durch höhere geistige Mächte. Zur Emanzipation des Menschen gehöre es nun, dass er sich selbst um seine geistige Fortentwicklung bemüht. Dieser Zeitpunkt wird in Zukunft immer früher erreicht werden. Rudolf Steiner nennt das das „Jüngerwerden“ der Menschheit.




[1] Auch in Romeros Zombiefilm „Night of the Living Dead“ aus dem Jahre 1968 ist der Held ein Afro-Amerikaner.

Samstag, 23. September 2017

"Es"

Der Mensch steht zwischen luziferischen und ahrimanischen Mächten und versucht, das Gleichgewicht zu halten. Heute treten wir, astrologisch gesehen, vom Sternbild der Jungfrau in das Sternbild der Waage ein. Die Waage des Erzengels Michael habe ich gestern auf meinem Gang in die Gelblinger Gasse am südlichen Ost-Chor der Michaelskirche wieder einmal bewundert. Diese beiden Waagschalen sind allerdings nicht im Gleichgewicht. Die rechte hat Hans Beuscher, der Michaels-Bildhauer, höher gesetzt als die linke. In dieser Schale sitzen die Seelen, die als „zu leicht befunden“ wurden.
Wir treten in die Zeit des „Seelenwägers“ ein.
Am 21. September haben zwei interessante Persönlichkeiten Geburtstag gefeiert, einer von beiden allerdings im Himmel. Steven King, der Horror-Autor, wurde 70. Leonard Cohen wäre 83 geworden.
Beide haben beziehungsweise hatten unbestritten eine große poetische Begabung. Beide sind durch bittere Erfahrungen mit Alkohol und Drogen gegangen. Beide litten immer wieder unter Depressionen. Und beide wurden im Grunde von Frauen „gerettet“.
In den USA läuft gerade mit unerwartet großem Erfolg die neueste Verfilmung des 1500-Seiten-Romans „Es“ in den Kinos, den Steven King im Jahre 1986 veröffentlichen ließ, im Jahr der Challenger-Katastrophe und von Tschernobyl. In Kürze läuft der Film, der von einem Milliarden Jahre alten verwandlungsfähigen Monster handelt, das Kinder mordet, um sich von ihnen zu ernähren, auch in deutschen Kinos an. Im „Club der sieben“, einer wehrhaften Clique von tapferen Freunden, begegnet „Es“ Kämpfern, die sich ihm entgegenstellen wie Michael dem Drachen.
Ich weiß nicht, welcher Geist Steven King inspiriert. Aber seitdem ich die Besprechung des deutschen Schriftstellers Thomas von Steinaecker in der "Süddeutschen Zeitung" vom vergangenen Donnerstag gelesen habe, ist mein Interesse geweckt. Er fordert: „Gebt ihm den Nobelpreis!“
Auch die Filmkritik von David Steinitz mit dem Titel „Der amerikanische Albclown“ fällt äußerst positiv aus. Der Filmkritiker berichtet:
„Dabei ist es fast ein Wunder, dass Stephen King die Vorlage überhaupt schreiben konnte. Schon in den frühen Siebzigerjahen, vor dem großen Erfolg, war er schwerer Alkoholiker. In seinem Buch ‚On Writing‘ aus dem Jahr 2000 hat er diese Zeit beschrieben: dass er schon trank, als er mit Ende zwanzig mit seiner Frau und zwei Kindern in einem Trailer im ländlichen Maine lebte. Tagsüber arbeitete er als Englischlehrer, nachts stand er in einer Reinigung an der Mangel, weil das Geld nicht reichte – dazwischen setzte er sich neben einem Berg zerdrückter Bierdosen zum Schreiben hin. So entstanden Kurzgeschichten in klassischer Pulp-Tradition, die in Herrenmagazinen erschienen, und schließlich, 1974, der Roman „Carrie“, sein Durchbruch. Plötzlich war er reich und konnte sich auf das Schreiben konzentrieren, aber die Verlagsschecks reichten nun nicht nur fürs Bier, sondern auch für Kokain. In den achtziger Jahren war die Kokain-Sucht so aus dem Ruder gelaufen, dass King sich Tampons in die Nase stecken musste, wenn er sich über seine Schreibmaschine beugte, weil er Nasenbluten bekam. Manche Bücher aus dieser Zeit, ‚Tommyknockers‘ zum Beispiel, lesen sich, als seien sie in Abwesenheit des Verfassers entstanden. King hat kürzlich dem ‚Rolling Stone‘ erzählt, er könne sich nicht erinnern, wann er einige Romane geschrieben habe. (…) In diesem Gemütszustand schrieb er zwischen 1981 und 1984 den Roman ‚Es‘.“
Solche Aussagen sind erstaunlich, denn sie zeigen deutlich, welchen „Einflüssen“ sensible Menschen, insbesondere Schriftsteller, ausgesetzt sein können. Rudolf Steiner spricht in diesem Zusammenhang von dem späten Nietzsche, der seit November 1889 dezidiert „antichristliche“ Werke verfasste. Damals, so Rudolf Steiner, sei Ahriman zum ersten Mal als Schriftsteller aufgetreten. Ich denke, das tut er bis heute.
Aber es wäre falsch, Ahriman und Luzifer zu „verteufeln“. Beide Kräfte sind gottgewollt und helfen dem Menschen, wenn er sie sich bewusst macht, zum Gleichgewicht zu finden.
Der einst sehr prominente evangelische Theologe und spätere Mitgründer der Christengemeinschaft Friedrich Rittelmeyer hat im Jahre 1903 in Nürnberg zum Entsetzen der rechtgläubigen protestantischen Kollegen vier Vorträge über Friedrich Nietzsche gehalten. Gleich zu Beginn gibt er zu bedenken:
„Wenn Sie nun diesem Mann einige Stunden des Nachdenkens mit mir widmen wollen, dann erwarten Sie, bitte, eines nicht von mir, dass ich nämlich, weil er ein Feind des Christentums war und mich meine Lebenserfahrung auf einen entgegengesetzten Standpunkt geführt hat, nun von vorneherein gegen ihn alle Register der Entrüstung ziehe oder gar die Trompeten des Weltgerichts erschallen lasse (…) Es ist ja freilich aus vielen Gründen nicht tief genug zu bedauern, dass Nietzsche seine Anklagen gegen das Christentum zuletzt in einem so maßlos heftigen Ton vorgetragen hat. Unwahrhaftig wäre es, das zu verschweigen; aber noch unwahrhaftiger wäre es, nun deshalb gar nicht auf ihn zu hören. Feinde sind einem Menschen geschenkt, damit er an ihnen wachse und erstarke. (…) Insbesondere eine Religion wie das Christentum kann sich nur, wenn sie tapfer angegriffen wird, in ihrer wahren Kraft und inneren Größe offenbaren; was aber an ihr schwach und vergänglich ist, das zu halten kann ja niemand im Ernst wünschen.“[1]




[1] Gerhard Wehr, Friedrich Rittelmeyer – Sein Leben  - Religiöse Erneuerung als Brückenschlag, Urachhaus, Stuttgart, 1998, S 61

Mittwoch, 20. September 2017

Gottesreich oder Hölle?

Deutschland wählt. Ich weiß bis jetzt nicht, ob ich überhaupt wählen gehen werde. Im Grunde kann ich niemanden wählen. Die Kandidaten sind mir alle viel zu oberflächlich. Ich sehe weit und breit keinen Staatsmann. Dabei haben sie zum Teil recht klingende Namen: „Gabriel“, „Angela“ und „Steinmeier“. Von den anderen will ich gar nicht reden: Schulz, Özdemir, Lindner, Weidel und Wagenknecht. Letztere sagt zwar manchmal etwas, was ich gut finde. Aber wählen werde ich die Nachfolgepartei der SED nicht. Natürlich kommt auch die AfD nicht in Frage.
Amerika hat schon gewählt. Gestern sprach Trump – die Trompete – vor der Generalversammlung der UNO in New York. Der erste, der seine Rede, in der er einen militärischen Vernichtungsschlag gegen Nordkorea und die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran ankündigte, war der israelische Ministerpräsident.
Morgen beginnt das jüdische Neujahr. Die gläubigen Juden feiern dann zwei Tage lang Rosch Ha Schanah. Gestern war ein heftiges Erdbeben in der Nähe von Mexiko-City. Über der Karibik verstärkt sich stündlich der dritte Hurrikan dieses Sommers, der in ein paar Tagen, in der Nacht vom 22. auf den 23. September zu Ende geht. Der Orkan der höchsten Stufe 5 trägt den biblischen Namen „Maria“ und tobt im Augenblick über dem amerikanischen „inkorporierten Territorium“ Puerto Rico.
Mir kommt es manchmal so vor, als habe die Gottheit tatsächlich ins „Widerhorn“ geblasen. Der Schofar ist kein Musik-Instrument im üblichen Sinne, sondern tatsächlich das Horn eines Widders. Es erinnert an den Widder, den Abraham einst anstelle seines Sohnes Isaak opferte.
„Das Horn wird auf eine besondere Weise in drei Tonfolgen geblasen. Die erste verkündet das Königtum Gottes auf Erden, die zweite gedenkt des Vertrauens der Patriarchen Abraham und Isaak auf Gott und die dritte bezieht sich auf die Offenbarung Gottes am Berg Sinai. Nach Maimonides besteht der Zweck des Hornblasens darin, dass die Menschen über ihre Taten nachdenken und sich dem Guten zuwenden: „Wacht auf aus eurem Schlaf, ihr, die ihr eingeschlafen seid, und denkt über eure Taten nach, kehret um und gedenkt eures Schöpfers.“ (Karl-Heinz Golzio, Basiswissen Judentum, S 50)
Eigentlich steckt in der ersten Tonfolge bereits das ganze Verhängnis: es wird nie ein „Königreich Gottes auf Erden“ geben. Das wollten schon die Bolschewiken errichten. Aber es ging in unendlichen Blutströmen unter. Hätten die Juden Jesus geglaubt, dann wüssten sie: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“.
Immer wieder kommt es zu solchen Irrtümern unter intelligenten Leuten. Ich lese gerade bei Peter Selg über den Münchner Theosophischen Pfingstkongress im Jahre 1907. Damals war es die Leiterin der Theosophischen Weltgesellschaft, Annie Besant, die den christlichen, beziehungsweise den christlich-rosenkreuzerischen Schulungsweg, den Rudolf Steiner vertrat, ablehnte. Das führte zu der bekannten Spaltung zwischen der theosophischen und der anthroposophischen Gesellschaft kurz vor dem Ersten Weltkrieg (1912/13).
1907 hätte Annie Besant ihren Kurs noch ändern können. Aber sie wollte ihren Sinn nicht ändern, so wie die „auserwählten“ Juden bis heute ihren Sinn nicht ändern wollen, auch wenn Maimonides ihnen, fast in den gleichen Worten wie der Täufer, zuruft: „Kehret um!“
Nun gut, dann wird Karma walten. Und die Naturkatastrophen in Asien und Amerika, deren Zeugen wir heute sind, sind nur die Vorboten.

Wenn Amerika wirklich eine Atombombe auf Nord-Korea wirft, dann haben wir alles andere als das „anbrechende Königreich Gottes auf Erden“. Dann haben wir die Hölle auf Erden.

Mittwoch, 13. September 2017

Wahlkampf in den "neuen Bundesländern"

Gestern war also Herr M. M. aus Rumänien bei mir und wir haben von 19.00 – 21.15 Uhr zusammen Deutsch geübt. Dabei habe ich als Grundlage den Anfang der Titelgeschichte aus dem neuen „Spiegel“ (Nr. 37 vom 9.9.2017) gewählt, die sich mit dem derzeitigen Bundestagswahlkampf in den östlichen Bundesländern der Republik – also in der ehemaligen kommunistischen DDR – beschäftigt. In gewisser Weise ist dieser „Bericht“ vom Wahlkampf eine Illustration dessen, was ich gestern über das „sich befehdende Parteiwesen“ als Mittel Ahrimans aus dem Züricher Vortrag von Rudolf Steiner zitiert habe.
Unter dem Titel „Früchte des Zorns“ erläutert der Autor: „Selten wurde in der deutschen Politik so erbittert gestritten und gehasst wie derzeit auf den Marktplätzen und im Internet. Mit der AfD wird die Wut wohl in den Bundestag einziehen.“
Es ist interessant gewesen, meinem Schüler dabei den Unterschied zwischen „Zorn“ und „Wut“ zu erklären. In der deutschen Sprache spricht man vom alttestamentarischen „Zorn Gottes“, aber nicht von seiner „Wut“.
John Steinbeck meinte einen höheren Zorn, als er 1939 seinen Roman „Die Früchte des Zorns“  schrieb, der von einer Farmersfamilie handelt, die ihre Heimat im mittleren Westen verlassen musste, weil der Humus der umgebrochenen und zum Ackerland verwandelten Prärie in einer gigantischen Staubwolke („Dust Bowl“) davongetragen wurde. Das fand in den 30er Jahren tatsächlich statt und ist ein frühes Beispiel für den völlig falschen Umgang der weißen Farmer mit der Natur in der Neuen Welt. Solch ein „Fehlverhalten“ rächt sich, wie wir auch heute wieder an der Erwärmung der Ozeane durch den „Künstlichen Treibhauseffekt“ sehen können, der zu den bisher stärksten Hurrikanen geführt hat, die Nordamerika getroffen haben. Diese Ereignisse können religiöse Menschen mit dem „Zorn Gottes“ erklären.
Den Titel des Romans verdankte John Steinbeck seiner Frau, die in ihm eine Anspielung auf einen Vers aus der „Offenbarung des Johannes“ widergeben wollte: „Und der Engel schlug seine Sichel an die Erde und schnitt den Weinstock der Erde und warf ihn in die große Kelter des Zornes Gottes“ (Off. 14,19).
Obwohl die Bürger der ehemaligen DDR seit der Wiedervereinigung viel Geld aus dem Westen erhalten haben, um ihr „rückständiges“ Land in eine „blühende Landschaft“ zu verwandeln, fühlen sie sich von der Politik nicht wahrgenommen. Sie greifen den alten Slogan aus den Montagsdemonstrationen vor der „Wende“ auf und deklamieren auf ihren Versammlungen: „Wir sind das Volk“, und beklagen sich dabei, dass die Politik sie als Volk gar nicht ernst nimmt. Ihr Protest hat ausgerechnet in einer aus der ehemaligen DDR stammenden Kanzlerin ihr Ziel gefunden: „Merkel muss weg! Wir sind das Volk!“
Der Artikelschreiber zeigt sich, wie die meisten Medienvertreter, zunächst einmal parteiisch und versucht, die AfD und die Ossis, wie üblich, pauschal in die rechte Ecke zu stellen. Auch er nimmt die wahren Gründe für den Protest nicht wirklich wahr. Zum Schluss lenkt er jedoch ein wenig ein, als er den Politik-Professor Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin zitiert: „An der Polarisierung der Gesellschaft seien aber nicht nur die Spalter in der AfD schuld, (…) sondern auch ‚viele der Anständigen‘, die im Gefühl der moralischen Überlegenheit im Herbst 2015 jegliche, auch sich später als berechtigt herausstellende Äußerung zur Flüchtlingsfrage in die ‚rechte Ecke‘ gestellt hätten“ (S 20).
Durch die Flüchtlingskrise wurden in den Menschen in Ostdeutschland bis dahin unbewusste Ängste geweckt, die sich seit zwei Jahren in Bewegungen wie Pegida und in einer Partei wie der AfD Luft machen.
Die tiefere Ursache für diese „Hassgefühle“ aber will niemand untersuchen.
Sie hängen meiner Überzeugung nach damit zusammen, dass sich die westdeutsche Politik nach der Wiedervereinigung lediglich um die Wirtschaft gekümmert, aber die Kultur vernachlässigt hat. Ich meine die wahre, geistige Kultur, nicht das, was zum Beispiel an der Berliner Volksbühne durch einen Frank Castorf betrieben wurde. Das war Kulturzertrümmerung.
Die ehemalige DDR wurde vom Westen materiell aufgebaut, aber an die Stelle der „Idee des Kommunismus“ trat: nichts. Der Kommunismus war, so falsch er auch war, immerhin eine Idee, die den Menschen auch einen gewissen Halt gab. Nach dessen „Verteufelung“ entstand bei ihnen ein geistiges Vakuum, in das nun all die Hass-Gefühle, die natürlich auch von Demagogen angestachelt werden, hineinwirken können.
Bei ihrer Kritik an der „Überflutung" Deutschlands durch die Flüchtlinge geht es diesen Menschen im Grunde um Kultur. Sie haben Angst vor einer Überformung der abendländischen Kultur durch die aus ganz anderen Kulturen kommenden Menschen.
Ich habe bei meinen Besuchen in Naumburg, Jena, Weimar und Dresden immer wieder erleben dürfen, wie informiert und geradezu stolz die dortigen Bewohner auf ihre Kultur sind. Immerhin waren Thüringen und Sachsen im 18. Jahrhundert die Zentren deutscher Hochkultur.
Nicht der Materialismus ernährt die Menschen.
Er bringt nur „Früchte des Zorns“ hervor.
Was den Menschen wirklich ernährt, ist eine geistige Kultur, die den Namen verdient, so wie sie noch von Goethe, Schiller, Lessing und Herder vertreten wurde. Wer nur ein paar Zeilen dieser Dichter liest, wird merken, wie weit wir uns in unserem Denken und Fühlen von diesen inzwischen entfernt haben.
In ihrer Tradition stehen auch Rudolf Steiner und seine Geisteswissenschaft.

Beide werden heute von den meinungsbildenden Medien konsequent ignoriert.