Dienstag, 11. Februar 2020

Die halbe Wahrheit - Ergänzungen zu der verdienstvollen Dokumentation über den sowjetischen Gulag von Patrick Rotman




Um mein tiefes Gefühl der Sprachlosigkeit zu überwinden, schreibe ich heute trotzdem, obwohl ich eigentlich schreien möchte. Worte können jedoch nicht beschreiben, was Lena und ich gestern gesehen haben. Lena hat still geweint, weil sie an ihre Großeltern denken musste, die das alles erlebt haben, was wir jetzt nur im Fernsehen sehen: den sowjetischen GULAG.
Lena kannte die Geschichte schon, weil sie Alexander Solschenizyns Buch „Der Archipel Gulag“ aus dem Jahre 1973 gelesen hatte, und vor allem, weil sie schon als Kind von ihrer Oma Vera all diese Geschichten gehört hat, die heute noch mehr oder weniger vor der Weltöffentlichkeit verborgen sind, während die Grausamkeiten der Nazis bei jeder Gelegenheit detailreich beschworen werden – auch im russischen Fernsehen, wie Lena anmerkt.
Deshalb ist es eine Art Ereignis, dass Arte gestern, fast genau zwei Wochen nach dem „Holocaust-Gedenktag“, die dreiteilige Dokumentation von Patrick Rotman über den sowjetischen GULAG ausstrahlte:[1] „Die sowjetische Hauptverwaltung der Lager“ – der Titel des Films ist eine Übersetzung des russischen Wortes „Gulag“ ins Deutsche.
Das Leid, welches das russische Volk unter den kriminellen Machthabern der Sowjetunion 70 Jahre lang erdulden musste, ist unvorstellbar und unsagbar. Eigentlich wäre nur noch Beten möglich: „Lieber Gott, verzeih den Menschen, die sich in diesem Land wie Teufel aufführten, wenn Du kannst.“ Ihre Schuld ist unermesslich, wenn ich meine menschlichen Maßstäbe ansetze.
Andere habe ich nicht.

Mehr möchte ich dazu nicht mehr schreiben.

Doch. Noch eins: Der Film arbeitet zwar mit vielen Dokumenten und bisher unbekannten Zeugenaussagen, die von der russischen Vereinigung „Memorial“ nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aufgezeichnet wurden, er nennt auch Namen, aber der Autor des Films Patrick Rotman verschweigt beharrlich, dass es sich bei den meisten Tätern um Juden handelte. Das wagt die Dokumentation nicht, die sich in ihrem mittleren Teil auf die Schauprozesse der Jahre 1936 – 1938 konzentriert, in der vor allem Lenins jüdische Mitstreiter, die das Gulag-System eingerichtet haben, zum Tode verurteilt wurden. Stalin, der georgische Diktator, der von Jesuiten erzogen wurde, wusste genau, dass die schlimmsten Mörder Juden waren. Elf von den zwölf Lagerkomplexen wurden von Juden geleitet. Lenin hatte gesagt, Juden würden bessere Kommunisten abgeben als Russen. Daran anknüpfend meinte Stalin, dass Juden bessere Konzentrationslager machen würden.[2]
Wer mit diesem Hintergrundwissen die Dokumentation anschaut, wird die Deutschen, die sich den National-Sozialisten anschlossen, weil sie Angst hatten, dass auch in ihrem Land jüdische Kommunisten die Macht ergreifen würden, besser verstehen, wenn auch nicht entschuldigen. In der Weimarer Republik tobte der Kampf zwischen Linken und Rechten. Adolf Hitler bezog klar Position gegen die politisch aktiven Juden, die er als die Rädelsführer hinter dem Sozialismus Marx-Leninscher Prägung erkannt hatte.
Selbst ein fernes großes Land wie die USA machte in den 40-er und 50-er Jahren unter Senator McCarthy „Jagd“ auf Kommunisten, weil die Regierung Angst vor dem roten Terror hatte, von dem sie spätestens seit der Veröffentlichung des Büchleins „Jewish-Run Concentration Camps in the Sowjet-Union“ von Herman Greife durch den Reverend Gerald B. Winrod in Wichita, Kansas im Jahre 1937, also lange vor dem Holocaust, das in 125 000 Exemplaren gedruckt worden war, erfuhr.

Gestern war der 151. Geburtstag der jüdischen Dichterin Else Lasker-Schüler, die ich sehr liebe. Ist es ein Zufall, dass Arte die Dokumentation über den GULAG gerade an ihrem Geburtstag ausstrahlte? Für mich gibt es keine Zufälle. Deshalb möchte meinen Text mit ihrem „Gebet“ beschließen:

Ich suche allerlanden eine Stadt,
Die einen Engel vor der Pforte hat.
Ich trage seinen großen Flügel
Gebrochen schwer am Schulterblatt
Und in der Stirne seinen Stern als Siegel.

Und wandle immer in der Nacht ...
Ich habe Liebe in die Welt gebracht –
Dass blau zu blühen jedes Herz vermag.
Und hab ein Leben müde mich gewacht,
In Gott gehüllt den dunklen Atemschlag.

O Gott, schließ um mich deinen Mantel fest;
Ich weiß, ich bin im Kugelglas der Rest,
Und wenn der letzte Mensch die Welt vergießt,
Du mich nicht wieder aus der Allmacht lässt

Und sich ein neuer Erdball um mich schließt.



[2] E.R.Fields, Einleitung zur amerikanischen Ausgabe von Herman Greifes „Jewish-run Concentration Camps in the Sowjet-Union“, S 7

1 Kommentar:

  1. Nun habe ich mir einmal die Mühe gemacht, auf Google unter dem Stichwort „Gulag+Patrick Rotman“ nach Rezensionen bzw. Kritiken der dreiteiligen Dokumentation über den sowjetischen GULAG, den Arte am Dienstagabend ausstrahlte und der noch bis zum 10. April 2020 in der Arte-Mediathek verfügbar ist, zu suchen. Aufgefallen ist mir, dass die großen deutschen Print-Medien wie „Spiegel“, „FAZ“, „Süddeutsche Zeitung“ „TAZ“ und die „Zeit“ die Sendung mit keiner Silbe erwähnen. Lediglich im „Stern“ (online) und im Fokus kam eine Besprechung, nicht zu vergessen, die „Stuttgarter Zeitung“ und einige kleinere Regionalzeitungen, die jedoch alle den gleichen dpa-Text abdruckten.
    Ich finde, dieses Schweigen spricht Bände.
    Interessant finde ich folgende Passage aus der Besprechung des „Stern“:
    Um die schrecklichen Haftbedingungen zu belegen, greifen die drei Filmemacher Patrick Rotman, Nicolas Werth und François Aymé auf Augenzeugenberichte zurück, die die russische NGO-Vereinigung «Memorial» zwischen 1988 und 2014 gesammelt hat. Die Strapazen stehen den Opfern noch in hohem Alter ins Gesicht geschrieben. Teilweise unter Tränen erzählen sie von Willkür und drakonischen Strafen, von Vergewaltigungen, Hunger und Seuchen.

    Einer der drei Autoren, Nicolas Werth, gilt in Frankreich als Spezialist für die Geschichte der Sowjetunion, wie ich aus einem (nur für Abonnenten reservierten) Beitrag aus „Le Monde“ vom 16. Februar 2019 erfahre:
    Directeur de recherche au CNRS jusqu’à sa retraite en 2015, Nicolas Werth est un des plus grands spécialistes français de l’histoire de l’URSS. Il publie Le Cimetière de l’espérance, série d’articles parus dans le mensuel L’Histoire entre 1981 et 2016, qui offrent une synthèse accessible des connaissances réunies dans ses livres fondamentaux (Etre communiste en URSS sous Staline, Gallimard, 1981 ; La Terreur et le Désarroi. Staline et son système, Perrin, 2007…).
    Der „Tagesspiegel“ schreibt:
    Die Häftlinge mussten oft unerreichbare Arbeitsnormen erfüllen, aber an menschlichem Nachschub mangelte es ja nicht. Rotman konnte auf Zeitzeugen-Interviews zurückgreifen, die die einst von Andrei Sacharow gegründete Nichtregierungsorganisation Memorial führte: Man sieht alt gewordene, vom Leben gezeichnete Frauen und Männer, die sich an ihre Lager-Jahre erinnern, an den Hunger, die schwere Arbeit, die Folter, die sexuelle Ausbeutung der Frauen, die Hinrichtungen. Oder die an jenen Tag zurückdenken, als ihre Mütter und Väter in den Tagen des „Großen Terrors“ 1937/38 abgeholt wurden. 1,5 Millionen Menschen wurden in jener Zeit in den Gulag verfrachtet.
    Auch das überregionale „Abendblatt“ sowie „focus.de“ übernehmen diesen Pressebericht unverändert.

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