Samstag, 22. Februar 2020

Vor 77 Jahren wurde im Tode ein neues Menschengeschlecht geboren - zum Tod von Sophie und Hans Scholl und von Christoph Probst



Theodor Haecker von Richard Seewald

Lena liegt mit Fieber im Bett, schon den ganzen Tag. Sie kommt einfach nicht heraus aus dem Kranksein.
Ich habe aber die Tatsache genutzt, dass wir heute Nachmittag nicht einkaufen mussten und bin nach Forchtenberg gefahren, um an der „Denkarbeit Weiße Rose“ teilzunehmen, die die unermüdlichen Rosenliebhaber Renate  und Hans-Jürgen Deck an diesem 77. Todestag der zwei Geschwister Sophie und Johannes Scholl und ihres Freundes Christoph Probst, vorschlugen. Ich kann nur immer wieder dankbar sein, wenn ich erleben darf, was diese beiden Persönlichkeiten für das positive Gedächtnis an die drei Märtyrer der NS-Zeit und des menschenverachtenden Regimes beitragen. Am 22. Februar 1943 endeten die jungen Leben unter der Guillotine des NS-Regimes.
Das Motto, dass Renate und Hans-Jürgen ihrem mehrteiligen Gang durch das Gedenkjahr voranstellen, lautet: „Die weiße Rose ist die Überwindung des Unerklärlichen“ – ein Satz, über den auch ich noch nachdenken muss.
Um 14.00 Uhr begann der Rundgang, an dem zunächst etwa fünfundzwanzig, mir zum Teil schon bekannte Menschen teilnahmen, beim barocken Teehaus jenseits des durch den ergiebigen Regen der letzten Tage angeschwollenen Kochers in den Kocherwiesen, umgeben von einem kleinen, noch recht kahlen Gärtlein.
Mein erster Eindruck: ein wahres Zwergenhaus.
Da ich eine Umleitung benutzen musste, traf ich eine Viertelstunde zu spät ein und konnte nur noch die allerletzten Worte, die Renate sprach, hören. So liefen wir gemeinsam über den Kocher zum Würzburger Tor, dem früheren Wirkensort von Renate und Hans-Jürgen. Vor der Stadtmauer versammelten wir uns kurz in einem Gärtchen, in dem für die nächsten Jahre bis zum 100. Geburtstag von Sophie Scholl im Jahre 2021 ein Rosengarten eingerichtet werden soll. Hans-Jürgen liest eine kurze Geschichte von Manfred Kyber vor, den die Scholls auch sehr gern lasen: „Ein großes Ereignis“ aus den „Tiergeschichten“.
Die dritte Station war das Rathaus, wo wir uns im Sitzungssaal versammelten, und einem sehr einfühlsamen Vortrag von Bernhard Woll aus Eberbach an der Jagst über den christlichen Philosophen Theodor Haecker lauschten, der am 4. Juni 1879 in eben diesem Eberbach-Mulfingen geboren wurde und einer der geistigen Lehrer der Mitglieder der Weißen Rose, und insbesondere auch von Sophie und Hans Scholl, war. Herr Woll hatte verschiedene Werke des bedeutenden Mannes dabei, die leider heute nicht mehr aufgelegt werden und deswegen nur noch antiquarisch zu haben sind, zum Beispiel „Vergil, Vater des Abendlandes (Leipzig 1931), „Schöpfer und Schöpfung“ (Leipzig 1934) und die „Tag- und Nachtbücher 1935 - 1945“ (München Kempten 1947), seine Tagebücher, die nur knapp der Konfiszierung (und Vernichtung) durch die Gestapo entkommen sind, wie Herr Woll anschaulich berichtete. Der Vortragende las auch die eindrucksvolle, knappe Charakterisierung Theodor Haeckers durch Sophie Scholls vor, die sie am 7. Februar 1943, zwei Wochen vor ihrer Hinrichtung, in einem Brief an ihren Verlobten Fritz Hartnagel aufschrieb:
„Seine Worte fallen langsam wie Tropfen, die man schon vorher sich ansammeln sieht, und die in diese Erwartung hinein mit ganz besonderem Gewicht fallen. Er hat ein sehr stilles Gesicht, einen Blick, als sähe er nach innen. Es hat mich noch niemand so mit seinem Antlitz überzeugt.“[1]
In seinen „Tag-und Nachtbüchern schrieb Theodor Haecker 1941 ein „Notat an die Deutschen“:
„Euer Ruhm ist ohne Glanz. Er leuchtet nicht. Man spricht von euch, weil ihr die besten Maschinen habt – und seid. In diesem Staunen der Welt ist kein Funke der Liebe. Und nur Liebe gibt Glanz. Ihr haltet euch für auserwählt, weil ihr die besten Maschinen, Kriegsmaschinen baut und sie am besten bedient. Ihr seid grotesk und ‚un‘-menschlich. Eine andere Rasse! Ihr Freunde, nicht diese Menschen! Lasset uns andere schaffen ... Aber wie? Christlich ist nur ein Weg: Umkehr, tätige Reue.“
Es leuchtet unmittelbar ein, dass solche Sätze den damaligen Machthabern nicht gefielen und dass die Wohnung Theodor Haeckers in München mehrmals durchsucht wurde, wobei die Häscher des Systems alles auf den Kopf stellten. Wie gefährlich Worte sind, kann man unter anderem an diesem Mann ablesen, der vor kleinem Kreis las oder sprach und es schaffte, während der dunklen Jahre bei einem befreundeten Verleger einige hell leuchtende Bücher zu veröffentlichen.
Renate Deck erzählte anschließend, wie sie an einem Januar-Tag im Jahr 2005 mit dem Zug im größten Schneetreiben nach München fuhr, um der Premiere des Films „Sophie Scholl – Die letzten Tage“ von Marc Rothemund[2] beizuwohnen. Auf dem Rückweg, der sie über Nürnberg und Ansbach, die beiden Kaspar-Hauser-Städte, führte, lernte sie bei den verschiedenen durch das Schneetreiben erzwungenen Verspätungen einen Mann kennen, der in einem Lokal in Mistlau an der Jagst mit seinem besten Freund verabredet war. Es stellte sich heraus, dass dieser „beste Freund“ ein Sohn des Bruders von Fritz Hartnagel war.
Renate las abschließend eine Passage aus einem aus der Feder von Theodor Haecker stammenden Bericht über die Hinrichtung des Lordkanzlers Thomas Morus unter dem englischen König Heinrich VIII. vor, was wie eine Vorausdeutung auf die Hinrichtung des jungen Dreigestirns war. Es wurde eine Parallele zwischen dem tyrannischen Heinrich und Hitler angedeutet. Thomas Morus blieb bis zum Schluss „königstreu“, die Geschwister Scholl waren es bis zu dem Tag, als Hans auf dem Weg an die Ostfront sah, wie die Nazis die Juden behandelten. Damals wurden sie von Anhängern zu erbitterten Gegnern des Regimes, was ihnen schließlich das Leben kostete.
Die vierte Station unseres Rundgangs war die evangelische Michaelskirche, in der Sophie Scholl am 10. Juli 1921 getauft worden ist. Man muss eine steile Treppe hoch steigen, um zu der Kirche, die auf mittlerer Höhe des Kochertalhanges, an dem das Städtlein Forchtenberg gelegen ist, zu gelangen. Eine Gedenktafel erinnert an den letzten Traum, den Sophie Scholl ihrer Gefängniswärterin erzählte. Sie sah sich im Traum in einem langen weißen Kleid einen steilen Weg hinaufsteigen. Dabei trug sie ein Kind. Einmal drohte sie das Kind zu verlieren, aber es gelang ihr, es rechtzeitig zu retten. Das Kind, so interpretierte Sophie Scholl den Traum selber, seien die Ideen der Weißen Rose, die ja maßgeblich von zwei Denkern beeinflusst waren: Von dem vorhin genannten Theodor Haecker und von dem Kirchenvater Augustinus, dessen Büchlein „Die Bekenntnisse“ Sophie Scholl immer bei sich trug.
Pfarrer Bernhard Glück führt uns in der Kirche in das Leben und Denken des auch für Martin Luther wichtigen Kirchenvaters ein. Ein Zitat, das vor allem Hans (Johannes) Scholl gefallen haben dürfte, der gerne schrieb, gefällt auch mir:
„Durch das Schreiben komme ich vorwärts und im Vorwärtskommen schreibe ich.“
Renate Deck beendet den Nachmittag mit einem wunderbaren Bild. Sie erinnert an das Märchen von Schneewittchen, das hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen vor ihrer bösen Stiefmutter Schutz suchte und fand, bis diese es dennoch schaffte, sie zu vergiften. Das Bild vom Schneewittchen im gläsernen Sarg mag auch auf die drei Märtyrer und insbesondere auf Sophie Scholl hindeuten, deren mutiges Eintreten für ein neues Menschengeschlecht eines Tages Früchte tragen wird.
Die doppelte Nennung der Zahl „sieben“ in dem Märchen weist auf den heutigen Tag, denn es ist genau 77 Jahre her, seitdem das Schicksal der drei mutigen jungen Menschen besiegelt wurde und sie dadurch die Ehre Deutschlands retteten, indem sie zeigten, dass die Deutschen nicht nur Kriegsmaschinen bedienen können: Es ist seliger gehasst zu werden als zu hassen.
Vielleicht sind die etwa 14 Zuhörer, die bis zum Abschluss ausgeharrt haben, die Vorläufer dieses neuen Menschengeschlechts.
Renate und Hans-Jürgen Deck sind es mit Sicherheit.

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